Peter Möller

Einführung in die Philosophie


Vorwort

Zhuang Zhou träumte, er sei ein Schmetterling, der fröhlich umherflatterte und nichts wusste von Zhuang Zhou. Nach dem Erwachen fragte sich Zhuang Zhou:

Bin ich nun Zhuang Zhou, der träumte, er sei ein Schmetterling,
oder bin ich ein Schmetterling, der träumt, er sei Zhuang Zhou?

Mit dieser kleinen Parabel, dem »Schmetterlingstraum« des alten chinesischen Philosophen Zhuang Zhou (ca. 365–290 v. Chr.) haben Sie ein Beispiel dafür, womit Philosophen sich u. a. beschäftigen.

Allerdings nicht alle. Einige Philosophen werden mit Entrüstung zurückweisen, ihre Philosophie beschäftige sich mit einer so blödsinnigen Frage, ob das Leben vielleicht nur ein Traum sei.

Zur Bekräftigung einer solchen Position trug der deutsche Dramatiker und Lyriker Bertolt Brecht (1898–1956) sinngemäß folgende Parabel vor, die ebenfalls im alten China spielt:

Im Kloster Mi Sang am Ufer des Gelben Flusses trafen sich Philosophen, um über die Frage zu diskutieren, ob der Gelbe Fluss wirklich existiert oder nur in den Köpfen der Menschen. Nun kam es aber während der Diskussionen zu einer Schneeschmelze im Gebirge, der Gelbe Fluss trat über seine Ufer und schwemmte das Kloster Mi Sang mit allen Philosophen davon. Deshalb konnte die Frage, ob der Gelbe Fluss wirklich existiert, bisher nicht geklärt werden.

So ist es in der Philosophie. Zwei Philosophen, zwei Meinungen.
100 Philosophen, 100 Meinungen.

Im Gegensatz zu den Naturwissenschaften gibt es in der Philosophie kein allgemein anerkanntes Grundwissen.

So sagte der amerikanische Philosoph William James (1842–1910):

Man kann sich bei Philosophen nur auf eine Sache verlassen:
sie werden immer anderen Philosophen widersprechen.

Und der französische Philosoph und Schriftsteller Jean-Paul Sartre (1905–1980) sagte:

Wenn zwei Philosophen zusammentreffen, ist es am vernünftigsten, wenn sie zueinander bloß »Guten Morgen« sagen.

Meinungsverschiedenheiten sind unter selbstdenkenden Menschen eine Selbstverständlichkeit und Philosophen sind Selbstdenker. Das unterscheidet sie von den Anhängern und Verkündern aller möglichen festgeformten Weltanschauungen und Religionen.

Wenn zwei Philosophen in allen Punkten einer Meinung sind, dann ist mindestens einer von den beiden überhaupt kein Philosoph.

Viele Menschen meinen deshalb, es sei müßig, sich mit Philosophie zu beschäftigen. Nichtsdestotrotz besteht die Philosophie seit über zweieinhalbtausend Jahren und mit jeder neuen Generation wachsen Menschen heran, die fragen:

  • Ist vielleicht alles nur ein Traum?
  • Oder eine Computersimulation?
  • Warum gibt es überhaupt etwas?
  • Warum gibt es mich?
  • Was ist der Sinn des Lebens?
  • Gibt es überhaupt einen Sinn?
  • Was kann ich wissen?
  • Was soll ich tun?
  • Was ist gut, was ist böse?
  • Wie kann ich glücklich werden?
  • Gibt es einen Gott?
  • Gibt es eine Fortexistenz nach dem Tode?

  • Ob es sichere Antworten auf diese Fragen gibt, ist umstritten.

    Der italienische Schriftsteller Giovanni Guareschi (1908–1968), der Schöpfer von Don Camillo und Peppone, drückte es so aus:

    Die Philosophen sind wie Zahnärzte, die Löcher aufbohren,
    ohne sie füllen zu können.

    Auf jeden Fall vermehrt die Beschäftigung mit Philosophie die Menge der Rätsel, die Sie kennen. Es vermehrt die Menge der Fragen, die Sie haben. Es problematisiert, es sensibilisiert. Es erweitert so den individuellen geistigen Horizont eines Menschen, ohne deshalb unbedingt die Menge der sicheren Wahrheiten zu vergrößern.

    »Ob ein Mensch klug ist, erkennt man viel besser an seinen Fragen
    als an seinen Antworten.«
    François Gaston de Lévis (1720–1787)
    Französischer Militär und Aphoristiker


    Diese Einführung soll dem Leser vermitteln:

    • Was Philosophie ist
    • Welche Teilbereiche sie hat
    • Welche Themen und Fragen die Philosophie besonders untersucht
    • Welche zum Teil widersprechenden Antworten sie auf bestimmte grundsätzliche Fragen gibt
    • Welches die verschiedenen besonders bedeutenden philosophischen Strömungen und
    • Welches die bedeutendsten Philosophen sind




    Einleitung

    Wie sollte der Leser mit dieser Einführung arbeiten?

    Nach dem Lesen dieser Einführung in die Philosophie wird der Leser, der bisher nichts oder nur sehr wenig über die Philosophie wusste, mit einigen Begriffen, die er oft benutzt oder oft hört, in Zukunft bewusster umgehen.

    Wahrheit, Wirklichkeit, Welt, Existenz, Bewusstsein, Geist, Ich, Du, Gefühl, Vernunft, Verstand, Denken, Logik, Wissenschaft, Materie, Raum, Zeit, Bewegung, Ursache, Freiheit, Wille, Sein und Schein, Gut und Böse, Verantwortung und Schuld, Religion, Gott und Tod.

    Viele dieser Begriffe werden im Alltagsleben, in den Wissenschaften, in pseudowissenschaftlichen und esoterischen Schriften verwendet, ohne dass die Menschen sich der genaueren Bedeutung, der Tragweite und der Tiefe dieser Worte bewusst sind. Wenn man über diese Begriffe nachdenkt, dann wird man merken (können), dass viele Wahrheiten des Alltagslebens, der Wissenschaften und der verschiedenen Weltanschauungen gar nicht so sicher, so selbstverständlich sind, wie die Menschen häufig auf den ersten Blick glauben. Denn die Begriffe, mit denen diese Wahrheiten gedacht und formuliert werden, sind selbst problematisch bzw. viel komplexer, als gemeinhin angenommen wird.

    Wer sich zum ersten mal mit der Philosophie näher beschäftigt, der wird hier auch viele neue Begriffe kennenlernen, die er bisher nicht kannte, die aber Dinge, Eigenschaften, Ereignisse und Beziehungen seines Lebens, seiner Umwelt, seines Denkens und Fühlens beschreiben oder die bedeutende philosophische Strömungen, Methoden etc. bezeichnen.

    Materialismus, Idealismus, Agnostizismus, Dualismus, Dialektik, Metaphysik, Ontologie, Rationalismus, Empirismus, Induktion, Deduktion, Verifikation, Falsifikation, Intuition, Determination, Kausalität, Relativismus, Skeptizismus, Dogmatismus, Ästhetik, Ethik, Anthropologie, Monotheismus, Polytheismus, Pantheismus, Positivismus, Konstruktivismus, Strukturalismus, Existenzialismus.

    Diese Einführung soll die Leser, die bisher keine oder nur sehr wage Vorstellung von der Philosophie haben, u. a. dazu befähigen, aktuelle Diskussionen zur Philosophie und auf angrenzenden Gebieten zu verstehen. Sie sollen in die Lage versetzt werden, in den seriösen Zeitungen und Zeitschriften im »Feuilleton« entsprechende Beiträge zu lesen. (Von französisch »feuillet« = Blatt, der kulturelle Teil anspruchsvoller Zeitungen.) Auch im Fernsehen gibt es anspruchsvolle philosophische Gespräche, nicht nur Oberflächliches. Man muss nur suchen und entsprechend auswählen. Um das zu können, muss der Leser wissen, welche Philosophen und philosophischen Richtungen bedeutsam sind und welche Auffassungen von diesen Philosophen bzw. in diesen Strömungen vertreten werden.

    »Jeder ungebildete Mensch
    ist die Karikatur von sich selbst.«
    Friedrich Schlegel (1772–1829)
    Deutscher Philosoph und Dichter



    Philosophie und Naturwissenschaften

    Ich spreche auch des Öfteren naturwissenschaftliche Themen und Erkenntnisse an, insbesondere solche der Physik und der Biologie. Das liegt daran, dass der jeweilige naturwissenschaftliche Erkenntnisstand eine große Bedeutung für den jeweiligen philosophischen Erkenntnisstand hat bzw. für einige philosophische Strömungen.

    Es gibt (und gab) Philosophen, die mit Naturwissenschaft »nichts am Hut haben«, die losgelöst von den Naturwissenschaften philosophieren. Aber es gibt auch Philosophen und philosophische Strömungen, die einen starken Bezug zu den Naturwissenschaften und zu bestimmten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen haben.

    »Die Philosophie
    ist das Mikroskop des Gedankens.«
    Victor Hugo (1802–1885)
    Französischer Schriftsteller


    Bei Personen habe ich, wenn diese zum ersten Mal im Text erwähnt werden, in Klammern die Lebenszeit eingefügt und kurz erwähnt, wer das ist oder war. Im weiteren Verlauf habe ich das aber nicht immer wiederholt.

    Es lässt sich bei der Darstellung der Philosophie, ihrer Teilbereiche und ihrer verschiedenen Strömungen nicht vermeiden, dass ich Begriffe benutze und philosophische Grundgedanken, Strömungen und Personen erwähne, die erst in einem späteren Kapitel näher erläutert werden. Ich empfehle, diese Einführung zweimal zu lesen. Beim zweiten Mal wird man vieles besser verstehen als beim ersten Mal.

    In die Philosophie kann man nicht einfach geradeaus vordringen, wie eine Nadel in ein Wollknäuel. Das Eindringen in die Philosophie gleicht mehr dem Vordringen eines Korkenziehers in den Korken.


    Dieser Vergleich reicht noch nicht ganz, weil man häufig auch wieder zurückkehren muss, zu Stellen, wo man schon einmal war. Hin und wieder muss man einen Satz, den man nicht versteht, übergehen, weiterlesen und später auf den nicht verstandenen Satz zurückkommen.

    »Ist man in kleinen Dingen nicht geduldig,
    bringt man die großen Vorhaben zum Scheitern.«
    Konfuzius (551–479 v. Chr.)
    Chinesischer Philosoph


    Die Kapitel 1 bis 13 sollten nacheinander gelesen werden, da in den späteren Kapiteln oft auf Erklärungen in den früheren Kapiteln Bezug genommen wird. Die Kapitel 14 und 15 sowie das Sach- und Personenlexikon können als Nachschlagewerk benutzt werden.

    Ich versuche, die hier behandelten Themen so leicht wie möglich darzustellen. Aber nicht alles kann einfach wiedergegeben werden! Oder um es mit dem deutschen Philosophen Ernst Bloch (1885–1977) zu sagen:

    Die 9. Symphonie kann man nicht auf dem Kamm blasen.

    (Die von Beethoven ist gemeint.) Komplizierte Gedanken erfordern oft auch eine komplizierte Formulierung. Wie in Büchern über Mathematik, Physik, Chemie u. ä. muss man auch in einem Text über Philosophie hin und wieder einen Satz oder Absatz mehrfach lesen und eine gewisse Denkarbeit leisten, um das Gelesene geistig nachvollziehen zu können.

    Wer keine Geduld hat, hat auch keine Philosophie.
    Persisches Sprichwort


    Und es gibt auch in der Philosophie Bereiche, wo man in der Regel einen Lehrer braucht, um etwas verstehen zu können. Manches ist zu kompliziert, als dass alle Menschen es sich selbstständig anlesen könnten (zum Beispiel moderne symbolische Logik).


    Griechisch und Lateinisch

    Fremdwörter lassen sich in einem Text über Philosophie nicht vermeiden. Diese haben – wie die meisten philosophischen Begriffe auch – in der Regel ihren Ursprung im Altgriechischen, Abkürzung gr., oder im Lateinischen, Abkürzung lat. Die griechischen und lateinischen Wörter haben – wie es ja auch bei deutschen, englischen, französischen Wörtern üblich ist – oft mehrere, meist ähnliche Bedeutungen. Bei der Erklärung von philosophischen Begriffen werden in dieser Einführung die Bedeutungen wiedergegeben, die für den hier erläuterten Begriff wichtig sind. Die Bedeutung der griechischen und lateinischen Wörter erschöpft sich oft nicht in dieser Erklärung. Ich führe die Herkunftswörter auf, weil sie helfen, den Begriff zu verstehen. Aber ich erteile hier keinen Unterricht in Altgriechisch oder Latein.

    Bei der Schreibweise antiker und mittelalterlicher Philosophen gibt es Differenzen, besonders aber bei der Schreibweise indischer und chinesischer Philosophen, Begriffe, Buchtitel etc. Die Übersetzung von einer Sprache in eine andere ist nicht immer leicht, oft sind mehrere Übersetzungen möglich, besonders dann, wenn eine Sprache – wie das Chinesische – der deutschen Sprache denkbar fernsteht. Es sollte deshalb niemanden wundern, wenn er zum Beispiel im Internet andere Schreibweisen – aber eben auch gerade dort keine einheitlichen – findet als in dieser Einführung.

    Auch Zitate und Aphorismen von Philosophen, die nicht in Deutsch schrieben, werden von verschiedenen Autoren unterschiedlich übersetzt. Solange der Sinn erhalten bleibt, ist das kein Problem. Es sollte deshalb niemanden wundern, wenn man das eine oder andere Zitat anderswo in etwas anderer Formulierung findet als hier.

    Viele philosophische Fachbegriffe werden von verschiedenen Philosophen und Autoren unterschiedlich benutzt. Eine einheitliche philosophische Terminologie (Fachsprache), an die sich alle Philosophierenden, Denkenden, Lehrenden, Schreibenden etc. halten, gibt es ebenso wenig wie ein allgemein akzeptiertes Grundwissen. Es kann also durchaus passieren, dass in den philosophischen Texten anderer Autoren der eine oder andere Begriff anders benutzt oder definiert wird, als hier erläutert. Das erleichtert dem Anfänger nicht gerade den Einstieg in die Philosophie. Aber so ist es nun mal.

    Oft reden Philosophen und philosophisch interessierte Menschen aneinander vorbei, weil sie unter den gleichen Worten Verschiedenes verstehen.

    Da es in der Philosophie kein allgemein akzeptiertes und aufeinander aufbauendes Grundwissen gibt, muss ich aus der Vielzahl der philosophischen Themen, Strömungen und Personen auswählen. Nicht alles, was auf dem Gebiet der Philosophie diskutiert wird, kann ich gleichermaßen ausführlich in Breite und Tiefe behandeln. Sonst müsste dieser Einführung doppelt so lang sein. (Zur Weiterführung können Sie gerne das philolex nutzen.)

    Ich habe mein Ziel erreicht, wenn ich den Leser durch dieser Einführung dazu bewegen kann, weitere philosophische Texte zu lesen.

    »Lernen ist wie Rudern gegen den Strom.
    Hört man damit auf, treibt man zurück.«
    Laozi (ca. 6. Jahrhundert v. Chr.)
    Legendärer chinesischer Philosoph


    Wegen des nicht vorhandenen allgemein akzeptierten Grundwissens und der großen Verschiedenheit der philosophischen Positionen wird Philosophie in viel stärkerem Maße als in den Naturwissenschaften an Hand der bedeutenden Philosophen und der bedeutenden philosophischen Strömungen dargestellt.


    Die Farben in diesem Text

    Wichtige Aussage
    Wenn der Text rosa hinterlegt ist, dann handelt es sich um eine wichtige Aussage, die für das Erläuterte besonders bedeutsam ist oder es kurz zusammenfasst. Solche Aussagen sollten Sie sich besonders merken.



    Beispiel
    Wenn der Text lila hinterlegt ist, dann bedeutet dies, dass an Hand eines Beispiels aus dem täglichen Leben oder eines Gleichnisses versucht wird, einen abstrakten Gedanken zu verdeutlichen.


    Experimente wie in den Naturwissenschaften kann man in der Philosophie nicht machen. Stattdessen werde ich zum Nachdenken über bestimmte Fragen, Themen, Probleme etc. auffordern. Ich werde Vorschläge machen, über was man mit anderen Menschen diskutieren sollte. Wenn es auf die Fragen eindeutige Antworten oder mehrere mögliche Antworten geben sollte, dann werden diese entweder im Anschluss an die Frage oder in einem extra Abschnitt am Ende des jeweiligen Kapitels dargestellt.

    Denken
    Wenn der Text grün hinterlegt ist, dann bedeutet dies, dass ich einen Vorschlag mache, worüber Sie nachdenken oder mit anderen diskutieren sollten. Bevor der folgenden Absatz gelesen oder am Ende des Kapitels nach der Lösung gesucht wird, sollte über die Frage nachgedacht werden.


    In einigen Kapiteln werden Aufgaben nicht in solchen Kästen angeführt, sondern am Ende des Kapitels in einem Extraabschnitt.

    Des Öfteren füge ich in blauer Schrift Zitate berühmter Philosophen, Schriftsteller oder Wissenschaftler ein, die ich im Zusammenhang mit den vorgetragenen Gedanken besonders interessant finde. (Diese Zitate geben zwar oft, aber nicht in allen Fällen meine Meinung wieder.)

    »Hunderte Menschen schärfen ihren Säbel,
    Tausende ihre Messer,
    aber Zehntausende lassen ihren Verstand ungeschärft,
    weil sie ihn nicht üben.«
    Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827)
    Schweizer Pädagoge



    Zitat
    Zitate sowie Wiedergaben der Auffassung anderer Philosophen oder philosophischen Richtungen in meiner eigenen Formulierung befinden sich in Kästen, die hell orange hinterlegt sind. (Es sei denn, es handelt sich um Gleichnisse u. ä. Dann sind sie lila hinterlegt.)



    Humor
    Wenn der Text gelb hinterlegt ist, dann handelt es sich um eine humoristische, ironische oder polemische Stellungnahme zu einer bestimmten Auffassung. Oder es ist ein Scherz oder eine humorvolle Begebenheit oder Anekdote etc.



    Aufzählung
    Wenn der Text dunkelweis hinterlegt ist, dann handelt es sich um Aufzählungen.



    Nächstes Kapitel



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