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4. DAS ZARISTISCHE RUSSLAND


4.1. ZEITTAFEL

878 - 1169: Kiewer Reich. Anfänglich ein loser Verband ostslawischer Stämme, zusammengehalten von den Kiewer Fürsten. Die Oberschicht war normanisch und nahm im 10. Jahrhundert die slawische Sprache an. Zu einer starken Zentralgewalt kam es nicht.

Ab 988 nimmt Rußland das Christentum griechisch-orthodoxer Richtung an. Dadurch wird es in sehr starkem Maße von der kulturellen Entwicklung des 'lateinischen' Europas abgekoppelt.

1169 - 1240: Zeit der Teilfürstentümer. Die verschiedenen Landesteile entwickeln sich unterschiedlich. Nowgorod, stark im Außenhandel engagiert, gibt sich eine demokratische Verfassung. Ansonsten überwiegen monarchistische und aristokratische Herrschaftsformen. Der Großfürst hat nur Macht in seinem eigenen Gebiet. Kirchlich blieb die Einheit des Reiches erhalten.

1240 - 1480: Mongolenherrschaft. Die Fürstentümer bleiben unter der Oberhoheit der Mongolenchane erhalten und die Fürsten treiben für sie den Tribut ein.

Mitte des 14. Jahrhunderts geht aus dem Kampf um den Großfürstentitel das bis dahin völlig bedeutungslose Moskau als Sieger hervor.

In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts werden westliche und südwestliche Teile Rußlands durch die litauischen Großfürsten von der Mongolenherrschaft befreit. Diese Teile werden von der westeuropäischen Kultur beeinflußt. Hierdurch kommt es zur Spaltung der Russen (Ostslawen) in Ukrainer, Weißrussen und Großrussen.

1480 - 1700: Moskauer Reich. Ivan der III. befreit Rußland von der Mongolenherrschaft. Er und sein Nachfolger Ivan der IV. (der Schreckliche) bauen einen starken Zentralstaat auf. Der Zar gleicht mehr einem orientalischen Despoten als einem europäischen Kaiser.

Rußland, ursprünglich ein rein osteuropäisches Land, expandiert über die Jahrhunderte hinweg kontinuierlich. Im 16. und 17. Jahrhundert werden riesige aber nur dünn besiedelte Gebiete in Nordasien erworben. 1740 erreichen russische Truppen den Stillen Ozean. Im 18. und 19. Jahrhundert werden in Zentralasien und im Kaukasusgebiet Kolonien erobert, die sofort dem Russische Reich einverleibt werden.

1700 - 1917: Petersburger Reich. Peter der Große verlegt die Hauptstadt von Moskau in das von ihm gegründete St. Petersburg. Seither verstärkte Anstrengungen sich die technischen, wissenschaftlichen und z. T. auch die kulturellen Errungenschaften Europas anzueignen. Diese Versuche bleiben allerdings bis zum Untergang des zaristischen Rußlands 1917 in den Anfängen stecken. Eine wirkliche tiefgreifende Europäisierung Rußlands findet nicht statt.

Unter den Nachfolgern Peter des Großen gewinnt Rußland eine starke militärische und politische Stellung auf dem europäischen Kontinent, u. a. im Zusammenhang mit den Napoleonischen Kriegen (Befreier Europas) und im Zusammenhang der Niederschlagung von nationalen und sozialen Aufständen (Gendarm Europas). Mit der Niederlage im Krimkrieg gegen die Westmächte (1853/54 - 56) beginnt der Abstieg Rußlands.

1762: Der Adel wird vom Dienstzwang befreit, die Bauern werden Leibeigene.

Seit 1830 Auseinandersetzung zwischen Slawophilen und Westlern.

1855 - 1881: Alexander der II. Innenpolitische Reformen. U. a. 1861 die 'Bauernbefrei-ung'. Geringe Zuteilung von Land an die Bauern gegen Abzahlung.

1881 - 1894: Alexander III. Nach der Ermordung seines Vaters durch die Narodniki (Anarchisten) kehrt der neue Zar zur staatlichen Repressionspolitik zurück.

Ab 1890: Beschleunigte Industrialisierung. Vorwiegend mit englischen und französischem Kapital.

1894 - 1917: Nikolaus II. Der letzte Zar kann den Niedergang Rußlands nicht aufhalten. Ungelöste Konflikte zwischen Industrialisierung und halbherziger landwirtschaftlicher Reformen. Versuche der reaktionären Zurückdrängung von demokratischen Errungenschaften z. B. im Zusammenhang mit der Revolution von 1905. Die militärischen Niederlagen und die Verschlechterung der Lebensbedingungen im Verlaufe des 1. Weltkrieges versetzen dem zaristischen Rußland den Todesstoß.

Februar/März 1917: Februarrevolution. Der Zar wird gestürzt.


4.2. SOZIAL-ÖKONOMISCHE UND POLITISCHE VERHÄLTNISSE

Die im vorigen Kapitel beschriebene asiatische Produktionsweise hat im zaristischen Rußland, trotz wesentlicher Modifikationen, lange Zeit geherrscht. Weder die Reformen westlich orientierter Zaren oder Zarinnen, noch die im 19. Jahrhundert begonnene Industriealisierung hat das Wesen der russischen Gesellschaft entscheidend geändert.
Auf den halbasiatischen Charakter des zaristischen Rußlands weisen besonders Bahro [1] und Dutschke [2] hin, die allerdings trotz dieser gemeinsamen Ausgangsbasis bei der Beurteilung der sowjetischen Geschichte zu ganz unterschiedlichen Auffassungen gelangen, wie im 6. Kapitel noch genauer erläutert wird.
Zur Beurteilung des Rußlandbildes von Marx ist eine Artikelserie aus den Jahren 1856/57 interessant, die unter dem Titel 'Revelation of the diplomatic history of the 18th century' erschienen ist. Diese Schrift ist im realen Sozialismus bis zum heutigen Tage unterschlagen worden, und der Grund ist wohl der, daß es sich hier um eine völlig andere Interpretation der russischen Geschichte handelt, als die der heutigen sowjetischen Geschichtsschreibung. [3] Diese Schrift ist in der Bundesrepublik unter dem Titel 'Die Geschichte der Geheimdiplomatie des 18. Jahrhunderts' erschienen. [4] (In DKP-Kreisen nennt man sie 'eine Piratenschrift von Marx'. Ihre Richtigkeit kann zwar nicht bestritten werden, aber nur die Zentralkomitees der KPdSU und der SED haben als Stellvertreter Marxens, Engels' und Lenins auf Erden das Recht, deren Schriften zu veröffentlichen.)
Von einer feudalistischen Gesellschaft kann in Rußland bestenfalls in der Zeit der Kiewer Ruß und der Teilfürstentümer gesprochen werden, also in der Zeit vom 9. bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts. Mit der Eroberung durch die mongolischen Tataren verschwand dieses "normannische Rußland ganz vom Schauplatz." [5] Die erobernden Tataren zwangen Rußland die asiatische Produktionsweise auf. [6] Durch Metzeleien entvölkerten sie riesige Landstriche und schufen dadurch eine noch größere Isolation der Dorfgemeinden voneinander, als das durch die Weite des Landes ohnehin schon der Fall war. Die russischen Fürstentümer wurden nicht zerstört, sondern tributpflichtig gemacht. Dies entsprach der asiatischen Ausbeutungsweise. Die russischen Fürsten wurden an der Eintreibung der Steuern beteiligt, wurden also faktisch Diener oder Beamter des Mongolenchans.
Die Tataren waren bemüht, die russischen Fürsten in ständiger Zwietracht zu halten und hatten deshalb die Großfürstenwürde wieder hergestellt. Der Kampf um diese Großfürstenwürde war nach Marxens Auffassung ein ehrloser Streit unter Sklaven, der mit Mord und Verleumdung geführt wurde, und indem sich schließlich die moskauer Linie durchsetzte. [7] "Ivan der I. Kalita und Ivan der III. genannt der Große verkörpern das durch die tatarische Herrschaft emporgekommene Moskau ..." [8]
Ivan der III. (1462 - 1505) ist nach Marx der Begründer der moskowitischen Selbstherr-schaft. Entgegen der heutigen sowjetischen Geschichtsschreibung war nach Marx die Befreiung vom Tatarenjoch nicht das Ergebnis eines Befreiungskrieges, sondern Ivan war mehr der Arzt, der das Ende des tatarischen Ungeheuers vorhersagt, als der Krieger, der den Todesstreich führt. [9] Die Tataren waren bei der Thronbesteigung Ivans schon geschwächt, von inneren Fehden zerrissen. Ivan "brach nicht das Joch, sondern befreite sich verstohlender Weise davon." [10] Mehr durch List und Tücke als durch offenen Kampf. Marx hat nicht die beste Meinung von Ivan den III., bezeichnet ihn als ehrlosen Deserteur, Schwindler, der vor den Abgesandten des Chans im Staube kriecht und gleichzeitig mit Lug und Trug die Tributzahlungen umgeht. Ivan dem I. bescheinigt Marx "die Vereinigung der Charaktere eines Henkers, Speichelleckers und obersten Sklaven des Tataren." [11]
In der sowjetischen Geschichtsschreibung ist man bemüht, diesen beiden den Anstrich von nationalen Helden zu geben.
Nachdem Ivan der III. das tatarische Joch losgeworden war, wandte er sich mit Hilfe der russischen Fürstentümer gegen die russischen Republiken, dann mit Hilfe der Bojaren gegen die Fürsten und dann mit Hilfe der Gefolgschaften der Bojaren gegen die Bojaren. Zum Schluß ließ er noch einen eigenen Bruder ermorden, der sich nicht unterwarf. So hatte es Ivan der III. am Ende seines Lebens geschafft, sich selbst zum allein herrschenden Despoten aufzuschwingen. Das russische Volk wurde nicht von der Despotie befreit, nur der Despot wechselte.
Eine weitere und abschließende Etappe der Durchsetzung der despotischen Selbstherrschaft war die Zeit Ivan des IV., genannt der Schreckliche. (1530 - 1584) Unter Ivan dem IV. wurde 1550 ein zentralisiertes Gerichts- und Verwaltungswesen eingeführt, das eine Verstärkung der zentralen Organe brachte und die Steuerprivilegien der weltlichen und geistlichen Fürsten einschränkte. [12] 1556 kam das 'Gesetz über die Dienstleistungen aller', die alle Untertanen, einschließlich der Fürsten und Bojaren, zu Dienstleistungen für den Zaren verpflichteten. In der Duma, in der anfänglich nur der Hochadel vertreten war, wurden auch Dienstadlige und Beamte aufgenommen. In den 60er Jahren kam es zu den großen Bojarensäuberungen, in denen Ivan der IV. alle ihm mißliebigen Fürsten und Bojaren ermorden ließ. Der Hochadel wurde ganz entscheidend dezimiert, den Überlebenden wurden die Ländereien abgenommen und Dienstadligen zugewiesen. Große Teile des Landes wurden direkt Zarenland. Der Zar behielt sich die Entscheidungen aller Staatsangelegenheiten vor.
Von dieser Zeit an gab es in Rußland eine pyramidenförmig organisierte herrschende Klasse. An der Spitze der Zar als alleiniger Herrscher, unter ihm sein Dienstadel, seine Beamten und Steuereintreiber, die Dorfvorsteher der verstreuten bäuerlichen Gemeinden und die orthodoxe Staatskirche.
Seit dem 17. Jahrhundert regierten die Zaren immer mehr mit Hilfe der Beamtenschaft. So schrieb Engels in seinem Artikel 'Soziales aus Rußland' von einem "Heer von Beamten, das Rußland überflutet und ausstiehlt und hier einen wirklichen Stand bildet" (!) [12a]


4.3. UNTERSCHIEDE ZU WESTEUROPA

In der sowjetischen Geschichtsschreibung ist man bemüht, die russische Gesellschaft jener Zeit als einen europäischen Feudalismus dazustellen und unterschlägt oder bagatellisiert dabei alle wichtigen Unterschiede zwischen dem zaristischen Rußland und dem feudalistischen Westeuropa.
Im Feudalismus kam ein absoluter Monarch erst sehr spät an die Spitze, als die feudale Gesellschaft sich bereits im Verfall befand, das Bürgertum in den Städten erstarkte und die Waffentechnik große Fortschritte gemacht hatte, worauf die absoluten Monarchen sich stützen konnten. [13] In Rußland war aber der Großfürst schon seit den Zeiten der mongolischen Herrschaft wesentlich mehr als ein 'primus inter pares', wie es bei den westeuropäischen Kaisern und Königen des Mittelalters der Fall war.
Während im Feudalismus die gängigste Ausbeutungsweise die Fronarbeit der Bauern auf dem Gut der Feudalherren war, wurden die russischen Bauern über Kopfsteuern nach typisch orientalischer Weise ausgebeutet.
Rußland war aber keine typische asiatische Produktionsweise. Es hat neben diesen asiatischen Elementen auch feudalistische gegeben. So gab es doch einige bedeutende Städte mit Kaufleuten und Handwerkern. Dies ist der Grund, Rußland nicht als asiatisches, sondern halbasiatisches Land zu bezeichnen. Aber im Vergleich zu Westeuropa hat sich in Rußland keine Bourgeoisie von Bedeutung entwickelt. In Westeuropa entstanden viele Städte und wurden selbständiger, in Rußland zerschlug die zaristische Selbstherrschaft schon seit den Zeiten Ivan des III. die selbständigen Städte. So wurden in Rußland die Bedingungen für die Entstehung des Kapitalismus gesellschaftlich ausgerottet. Der Kapitalismus war in Rußland von Beginn an etwas importiertes, daß sich nicht organisch aus der russischen Gesellschaft entwickelt hat.
Zur Zeit des Frühkapitalismus hatte der Staat nur die Aufgabe, die Rahmenbedingungen des Kapitalismus zu sichern, z. B. durch Schutzzölle oder militärische Eroberungen neuer Rohstoffquellen und Absatzmärkte. Daß der Staat sich aber direkt ins Wirtschafts-leben einmischt, entstand erst in der monopolistischen Phase des Kapitalismus.
In Rußland hatte der Staat von Beginn an eine wesentlich stärkere ökonomische Funktion als in Westeuropa. Darauf weisen Marx und Engels hin [14] und auch in der sowjetischen Geschichtsschreibung wird dies nicht bestritten. [15] Da sich unter den sozialökonomischen Verhältnissen Rußlands nur schwer und nur eine kleine Bourgeoisie bilden konnte, war hier der Staat der Initiator des technischen Fortschritts.


4.4. KULTURELLE UNTERSCHIEDE ZUM LATEINISCHEN EUROPA

Da es seit der Mongolenzeit in Rußland kein Bürgertum von Bedeutung mehr gab, entwickelte sich keine bürgerliche Kultur, oder nur in einem verschwindend geringen Maße, die keine gesellschaftliche Relevanz hatte. Frühbürgerliche Demokratie, selbstbe-wußte Kaufleute und Handwerker, die dem Adel die Selbständigkeit abtrotzten oder abkauften, Bildungsbürgertum u. ä. m . gab es so gut wie nicht.
Durch die Einführung des Christentums griechisch/orthodoxer Richtung wurde Rußland von der geistigen Entwicklung des lateinischen Europas abgekoppelt. Die philosophi-schen Debatten in der Zeit der Scholastik, Reformation, Humanismus und Renaissance, Aufklärung, bürgerliche Forderungen nach einer Verfassung, nach Wahlen, Versamm-lungsfreiheit, Pressefreiheit, all diese Bewegungen im übrigen Europa gingen an Rußland nahezu spurlos vorüber.
Die bürgerlich/kapitalistische Phase in der Entwicklung der Menschheit war für Marx und Engels nicht nur ökonomisch eine Vorbedingung für den Sozialismus. Auch die kulturellen Errungenschaften dieser Epoche wurden als Selbstverständlichkeiten vorausgesetzt.


4.5. DIE INDUSTRIEALISIERUNG

Unter dem Zaren Peter dem Großen (1682 - 1725) wurden verstärkt Anstrengungen unternommen, sich die technischen Errungenschaften Westeuropas anzueignen. Rußland wollte nicht zur Halbkolonie werden. Es wollte seine Großmachtstellung behaupten und dafür mußte es sich die militärtechnischen Errungenschaften Westeuropas aneignen.
Unter Vermittlung des Staates entstanden Manufakturen und die Eisenproduktion wurde gesteigert. Der Staat beteiligte sich auch direkt am Handel. "Der Zar ist der erste Handelsmann Rußlands." [16] Nach Dutschke dominierte das staatliche Handelskapital im kapitalistischen Verwertungsprozeß. Er sieht hier einen originären asiatischen Kapitalismus. [17]
In der Regierungszeit Katharinas der II. (1762 - 96) wurden weitere Anstrengungen unternommen aus Rußland einen Feudalstaat zu machen. 1762 wurden die Bauern nach europäischen Vorbild Leibeigene und die Adligen vom Dienstzwang befreit. Sie mußten aber weiterhin für den Zaren die Steuern eintreiben. Der Adel erlangte nur sehr langsam feudale Qualität, ohne sich jemals völlig aus dem Despotismus herauszuarbeiten. In den Städte nahmen die Adligen noch am ehesten europäische Verhaltensweisen an, aber auf dem Lande blieb im wesentlichen alles beim alten. Es bestanden auch weiterhin (bis 1917) Staatsbauern. Marx sprach bei der Analyse russischer Verhältnisse nie von Feudalismus. [18]
Unter dem Zaren Alexander dem II. (1855 - 81) wurden 1861 die Bauern aus der Leibeigenschaft entlassen. Aber dies führte nicht zur Durchsetzung des Kapitalismus, sondern zu einer tiefere Orientalisierung. [19] Die Bauernbefreiung hatte zum Ziel eine Stärkung der Autokratie des Zaren durch das Niederreißen der Schranken, die der große Autokrat in den vielen kleinen Autokraten der russischen Gutsbesitzer hatte. Der Staat bezahlte die Gutsbesitzer für die Entlassung der Leibeigenen und die Überlassung eines Teils des Bodens, und die Bauern mußten dann dies Geld an den Staat zurückzahlen und zwar ursprünglich wesentlich mehr (300%!) als der Staat an die Gutsbesitzer gezahlt hatte. [20] Die zaristische Regierung holte das typisch asiatische Steuersystem von den Adligen zurück. Auch durch diese erneute Wandlung änderte sich an der ökonomischen Basis der Despotie nichts wesentlich. Bei der Landverteilung bekammen die freige-lassenen Bauern so wenig Land, das es nun zu einem starken Streben der Bauern nach mehr Land kam.
Durch den vom Staat erzeugten kapitalistischen Weg wurden die Zweige des Kapitalismus großgezogen, die ohne die Produktivität der Landwirtschaft zu erhöhen, am besten dazu geeignet waren, diese auszubeuten, z. B. die Eisenbahnen. [21] Der russische Bauer war nie voll von seinen Produktionsmitteln getrennt. Eine 'ursprüngliche Akkumulation' fand so gut wie gar nicht statt. Dies wurde zu einem Hemmnis der kapitalistischen Entwicklung.
In den wenigen Zentren der Industriealisierung gab es große Betriebe, die durch Vermittlung des Staates zumeist mit ausländischem Kapital (englischem und französischem) errichtet wurden. Rußland verfügte über die größten Betriebe der damaligen Zeit. [22] Der Kapitalismus hatte in Rußland von Beginn an monopolistischen Charakter. Es gab in diesen Betrieben ein klassenbewußtes und kampfstarkes Proletariat, das aber gemessen an der Gesamtbevölkerung nur wenige Prozente ausmachte. Auf grund der politischen Rückständigkeit bildete sich auch der Reformismus nicht in dem Maße aus wie in Westeuropa. [23]
Bahro kommt bei der Analyse des zaristischen Rußlands zu dem Ergebnis, daß in ihm zu Anfang unseres Jahrhunderts drei Formationen übereinander lagen:
"Zuunterst die asiatische - Zarenbürokratie samt orthodoxer Staatskirche und Bauernschaft.
Darüber die seit der Aufhebung der Leibeigenschaft erst halbliquidierte feudale, die sich aber in der Vergangenheit nie völlig aus der älteren ersten herausgearbeitet hatte - Ex-Gutsherren und Ex-Leibeigene im Kampf um den Boden.
Schließlich zu oberst, in wenigen Städten konzentriert, die moderne kapitalistische - industrielle Bourgeoisie und Lohnarbeiter." [24]
Und Bahro schreibt weiter, daß die sozial-ökonomischen Verhältnisse zu Beginn des Weltkrieges zu Tode unterhöhlt und europäisch übertüncht waren. Aber was mußte bleiben, wenn in einer Revolution die zahlenmäßig schwache Bourgeoisie und Intelligenz zu 90% umkommt und das kleine Proletariat zu großen Teilen im Bürgerkrieg fällt und der Rest sozial destruiert wird, als Klasse aufhört zu existieren? Was bleiben mußte war die bäuerliche Basis der Zarendespotie samt kleinbürgerlicher Anlagerung in den nichtindustriellen Provinzstädten. Dazu genaueres im 6. Kapitel.



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Anmerkungen:

[1] Bahro, S. 100ff
[2] Dutschke, S. 41ff
[3] Autorenkollektiv 3, Teil I, besonders 3. und 4. Kapitel
[4] Marx 9.
[5] ebenda, S. 81
[6] ebenda
[7] ebenda, S. 81f
[8] ebenda, S. 82
[9] ebenda, S. 84
[10] ebenda
[11] ebenda, S. 82
[12] Autorenkollektiv 3, 1. Teil, S. 100ff
[12a] Engels 8., MEW 18/559
[13] Dutschke, S. 48
[14] Siehe besonders Marx 3., Entwürfe einer Antwort auf den Brief von V. I. Sassulitsch, MEW 19/984ff und Engels 8., Soziales aus Rußland, MEW 18/556ff
[15] Autorenkollektiv 3, 1. Teil, S. 307
[16] Dutschke, S. 50
[17] ebenda, S. 55
[18] ebenda, S. 53
[19] ebenda, S. 57
[20] Wolter, S. 17
[21] Marx 3., MEW 19/393
[22] Wolter, S 26
[23] Deutscher 1., S. 207
[24] Bahro, S. 104


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