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DES AUFSTANDES
4.1. GRÜNDE UND ANLÄSSE DES AUFSTANDES
Die im II. Teil beschriebenen Mißstände, die nationale Unterdrückung der Ungarn, der Mangel an Demokratie und Freiheit und die schlechte wirtschaftliche Situation, bestanden so oder in abgeschwächter Form bis zum Ausbruch des Volksaufstandes am 23. Oktober 1956.
So oder ähnlich sah es aber in allen Ostblock-Staaten aus. Zum gewaltsamen Aufstand in dieser Dimension ist es aber nur in Ungarn gekommen. Es muß also noch etwas hinzu gekommen sein, der berühmte Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt.
Dieser Tropfen war die überdurchschnittliche Dummheit, Unfähigkeit und Brutalität der ungarischen Stalinisten. Wenn diese Leute auch nur ein bißchen mehr Fingerspitzenge-fühl und Realitätssinn besessen hätten, wäre es wahrscheinlich nie zum Aufstand gekommen. Der Verlauf der Ereignisse ist dadurch gekennzeichnet, daß das Richtige, aus der Sicht des Systems, immer einen entscheidenden Moment zu spät getan wurde.
Die Absetzung Rákosis im Juli 1956 wurde von den Ungarn nicht als Fortschritt angesehen, da sein Nachfolger, Ernö Gerö, ebenfalls ein unverbesserlicher Stalinist war. Wäre zu diesem Zeitpunkt bereits Kadar Parteivorsitzender und Nagy Ministerpräsident geworden, hätte es keinen Aufstand gegeben, jedenfalls nicht in dieser Dimension.
Auch als am 23. Oktober einige hunderttausend Ungarn auf die Straße gingen und ihre Solidarität mit Polen bekundeten, war ein friedlicher Ausgang noch möglich. Wäre Nagy 24 Stunden früher Ministerpräsident geworden, hätte der Aufstand vielleicht vermieden werden können.
Aber anstatt zumindestens verbal auf die Forderung der Demonstranten nach Demokrati-sierung und Wiedereinsetzung Nagys einzugehen, mußte Gerö eine außerordentlich dumme und provokative Rundfunkrede halten, die den Zorn der Menschen noch mehr anheizte.
Auslösendes Moment des Aufstandes waren dann die Schüsse der AVH in die unbewaffnete Menge vor dem Rundfunkgebäude. Nun war das Maß endgültig voll, die Demonstranten bewaffneten sich.
Aber auch noch zu diesem Zeitpunkt, am Abend des 23. Oktober, war es noch nicht der Aufstand einer Mehrheit. Am Morgen des 24. Oktober 1956 waren sicherlich noch viele Ungarn geneigt, die Schießerei vor dem Rundfunkgebäude und die Barrikaden in den verschiedenen Stadtteilen Budapests als die unüberlegten Taten der Studenten und Jugendlichen abzutun. Wäre Nagy am 24. Oktober nicht nur formal Ministerpräsident geworden, sondern hätte er auch zugleich volle Handlungs- und Entscheidungsfreiheit bekommen, hätte der Aufstand vielleicht auf kleiner Ebene beigelegt werden können.
Dann aber passierten zwei entscheidende Dinge: Erstens griffen die sowjetischen Truppen ein, wodurch der Aufstand zu einer nationalen Erhebung wurde und zweitens wurde der Eindruck erweckt, Nagy habe die sowjetischen Truppen zu Hilfe gerufen, wodurch sein Ansehen in der Bevölkerung rapide sank.
Als sich nach einige Tagen die sowjetischen Truppen zurückzogen und Nagy öffentlich erklären konnte, daß nicht er, sondern Gerö die sowjetischen Truppen rief, da war es bereits zu spät. Der Aufstand hatte inzwischen eine Eigendynamik entwickelt und war durch solche Erklärungen nicht mehr zu bremsen. Auch als am 25. Oktober Gerö durch Kadar ersetzt wurde, reichte dies den Aufständischen nicht mehr. Ein paar Tage früher geschehen, hätte es vielleicht noch den Aufstand abgewendet. Kadar, als ein unter Rákosi verfolgter Kommunist, hätte den ungarischen Gomulka abgeben können. Am 24. Oktober wurde endgültig die Chance vertan, die Probleme im Rahmen des Systems auf friedliche Weise zu lösen.
Der Aufstand war nicht das Ergebnis der 'Wühlarbeit des Westens' oder das 'Werk reaktionärer und faschistischer Kräfte'. Der Aufstand war von keiner Seite her organisiert oder geplant. Er kam selbst für die Aufständischen völlig überraschend. Er begann mit einer von der AVH provozierten Schießerei vor dem Rundfunkgebäude und entwickelte sich in wenigen Tagen zu einem spontanen Aufstand eines ganzen Volkes gegen eine unerträglich gewordene Tyrannei. Die Revolution brach aus, so wie eine Frucht vom Baum fällt, wenn sie reif ist. Wer eine solche Revolution hätte machen wollen, hätte über eine weitverzweigte Organisation verfügen müssen, wie sie z. B. die Bolschewiki im Herbst 1917 hatten, als sie eine geplante und organisierte Revolution machten.
Aber wie hätte eine solche Organisation unerkannt bleiben sollen in einem Land, wo die politische Polizei und ihre Spitzel allgegenwärtig waren, wo über jeden Menschen, der älter als sechs Jahre alt war, eine Akte geführt wurde, und wo man bei geringstem oppositionellen Verhalten im Gefängnis oder Konzentrationslager verschwand? Es gab keine solche Organisation. Was es gab, war der jahrelang aufgestaute Zorn, der sich nun vulkanartig entlud und das stalinistische System hinwegfegte.
4.2. DIE ZIELE DER AUFSTÄNDISCHEN
Wo gegen sich der Aufstand wendete, ist aus den Kapiteln des II. Teils zu ersehen. Die Ungarn wandten sich gegen die nationale Unterdrückung durch die Sowjetunion, die Diktatur der ungarischen Stalinisten und gegen die wirtschaftlichen Mißstände. Der Volksaufstand war eine nationale, demokratische und soziale Revolution.
Wenn man sich die Verlautbarungen der Aktivisten der Revolution ansieht, so wird man keine finden, in der die Wiedereinführung des Kapitalismus verlangt wurde, wo die Sozialisierung der großen Unternehmen rückgängig gemacht werden sollte oder der Boden den Großgrundbesitzern zurückgegeben werden sollte.
Wenn die Kadarregierung nach der Niederschlagung der Revolution behauptete, die wirklichen Ziele der Revolution waren andere, als die öffentlich bekanntgegebenen (UN-Bericht, 108), so ist dies völlig absurd.
Die Arbeiterräte wollten die Betriebe der alleinigen Kontrolle der staatlich eingesetzten Betriebsdirektoren entziehen und forderten eine wirkliche Arbeiterselbstverwaltung. Hinter dieser Forderung verbarg sich nicht die Absicht, die Betriebe den Kapitalisten zurück-zugeben.
Die Bauern wandten sich gegen die Zwangskollektivierung, weil sie die Höfe entweder allein bewirtschaften oder sich auf wirklich freiwilliger Basis zu Genossenschaften vereinigen wollten, die den Mitgliedern nutzten und nicht der leichtere Ausbeutung und Kontrolle durch den Staat. Hinter dieser Forderung verbarg sich nicht die Absicht, den Boden den Großgrundbesitzern zurückzugeben.
Die Forderungen nach demokratischen Rechten und Freiheiten, nach freien und gehei-men Wahlen, Rede-, Presse-, Versammlungsfreiheit etc. entsprachen den wirklichen Wünschen der Ungarn nach jahrelanger Rákosi-Diktatur. Hinter diesen Forderungen verbarg sich nicht die Absicht, die halbfaschistischen Verhältnisse der Horthyzeit wieder herzustellen.
Daß die Ungarn das kommunistische Staatswappen aus den Nationalfahnen schnitten, daß sie sowjetische Ehrenmäler und Buchläden zerstörten, war kein Ausdruck von antisozialistischem und nationalistischem Verhalten. Die Ungarn zerstörten hiermit die Symbole der Rákosi-Tyrannei. (Zu den Forderungen der verschiedenen Organisationen und Räten siehe UN-Bericht, 394ff und den Anhang zum 9. Kapitel.)
In den Tagen der Revolution entstanden allerdings auch Gruppen, die eine kapitalistische Gesellschaft anstrebten. Sie hatten zwar unter den Aktivisten der Revolution keinen Einfluß, aber es ist nicht auszuschließen, daß solche Gruppen im weiteren Verlauf, z. B. bei freien Wahlen, einigen Einfluß hätten bekommen können. So entstand z. B. eine Christlich Demokratische Partei, die sich an den Christlich Demokratischen Parteien Westeuropa orientieren wollte. (Gosztony, 313ff)
4.3. DIE VERSCHIEDENEN SOZIALEN SCHICHTEN
Zu Beginn waren es Schriftsteller und Studenten die im Petöfi-Kreis diskutierten und die Demokratisierung der Gesellschaft forderten. Die Bewegung begann mit Aktivitäten kommunistischer Intellektueller. Die Demonstration am 23. Oktober war im wesentlichen von Studenten organisiert und die ersten bewaffneten Aufständischen waren Studenten.
In den Tagen des Aufstandes gab es keine Universität oder Hochschule, wo die Studentenschaft und der Lehrkörper nicht mit überwältigender Mehrheit den Aufstand unterstützte. Die Verbände der Intellektuellen schlossen sich zum 'Revolutionsrat der vereinigten Organisationen der Intellektuellen' zusammen und unterstützten die Revolution. (Gosztony, 276ff) Es gab keine Gruppe von Intellektuellen, keine einzige namhafte Persönlichkeit, die sich für das alte System einsetzte.
Die Bauern wollten in ihrer großen Mehrheit keine kollektive Landwirtschaft. Sie wollten den Boden selbst verwalten und bearbeiten. Die große Mehrheit der Bauern unterstützte die Revolution. In den Tagen des Aufstandes lieferten sie kostenlos Nahrungsmittel nach Budapest um die Aufständischen zu verpflegen. Als die zweite sowjetische Intervention begann, gab es kein einziges Dorf, keinen einzigen ländlichen Revolutionsrat, den die Sowjets für sich gewinnen konnten.
Da in Ungarn der offiziellen Ideologie nach die Arbeiterklasse die Macht hatte, ist es besonders interessant zu sehen, wie sich die Arbeiter verhielten.
Begonnen hatte alles mit Aktivitäten der Intellektuellen. Aber im weiterem Verlauf wurden die Arbeiter die wichtigste Kraft des Aufstandes.
In vielen Betrieben wurde noch am Morgen des 24. Oktober die Arbeit niedergelegt und Arbeiterräte gewählt. In den darauf folgenden Tagen gab es keine Fabrik und kein Bergwerk mehr ohne Arbeiterräte. Der Generalstreik wurde total befolgt. Mit Ausnahme der Lebensmittelbetriebe und der Krankenhäuser wurde nirgends gearbeitet. Die Arbeiter wollten nicht eher an ihre Maschinen zurück, als daß die sowjetischen Truppen Ungarn verlassen würden. Die verschiedenen Arbeiterräte schlossen sich zu Stadt- und Regionalräten zusammen und übernahmen fast überall die Staatsgewalt. Die Arbeiter gründete auch einen neuen Gewerkschaftsbund, der kein Instrument des Staates mehr sein sollte.
Als die zweite sowjetische Intervention begann, leisteten die Arbeiter den erbittertsten und längsten Widerstand. Die Sowjets konnten diesen nur brechen, in dem sie die Arbeiterviertel mit Artillerie beschossen und von der Luftwaffe bombardieren ließen. (So z. B. das 'Rote Csepel' ein Arbeiterbezirk in Budapest, der einst eine Hochburg der Kommunisten war.) [26]
Als die Kadar-Regierung im Ausland verbreiten ließ, die ungarischen Arbeiter kämpften Seite an Seite mit den sowjetischen Truppen gegen die faschistischen Putschisten, war dies eine so erbärmliche Lüge, daß man sich nur noch an Josef Göbbels erinnert fühlt. "Je größer die Lüge, desto eher wird sie geglaubt." Kadar fand keinen einzigen Arbeiterrat, keine einzige Belegschaft irgendeines Betriebes für seine 'revolutionäre Arbeiter- und Bauernregierung'.
Die schlagenste Widerlegung dieser Lüge war, daß nach der militärischen Niederlage der Aufständischen der Generalstreik weiterging. [27] Deshalb sah sich die Kadar-Regierung gezwungen, mit den Räten zu verhandeln. Sie versuchte mit Zuckerbrot und Peitsche die Arbeiterräte für sich zu gewinnen, was ihr aber nicht gelang. Man ließ einzelne Führer der Räte verhaften, mit anderen verhandelte man. Die überregionalen Arbeiterräte verbot man, anerkannte aber ausdrücklich die betrieblichen Arbeiterräte. Dann verhängte man auf Streik die Todesstrafe und ließ auch einige Arbeiter hinrichten.
Nach dem die Kadar-Regierung ein Jahr lang alles mögliche versucht hatte um die Arbeiterräte für sich zu gewinnen, wurde sie schließlich verboten.
4.4. DIE PARTEI UND DIE STAATLICHEN INSTITUTIONEN
Sympathie für die aufkommende Protestbewegung gab es in allen staatlichen Institutionen, einschließlich der Armee und der Polizei.
Schon in den Wochen vor dem Aufstand kam es in vielen Versammlungen der Offiziere zu harter Kritik an Rákosi und den gesellschaftlichen Verhältnissen in Ungarn. (Gosztony, 53ff, 67ff, 102ff) Viele Offiziersschulen solidarisierten sich mit den Demonstranten oder nahmen an den Demonstrationen teil, z. B. die Offiziersschüler der Luftwaffe und die Lehrkräfte und Kadetten der Petöfi-Militärakademie. (Gosztony, 133 und 135)
Während die Demonstranten an den Kasernen vorbeimarschierten, schnitten die Soldaten die kommunistischen Staatswappen aus den Nationalfahnen heraus. (Gosztony, 140)
Als es zu den Schießereien vor dem Rundfunkgebäude kam, weigerten sich die anrückenden Soldaten, gegen die Aufständischen zu kämpfen. Viele gingen sofort auf die Seite der Aufständischen über oder blieben am Anfang neutral. (Gosztony, 163ff)
Sogar einige AVH-Leute weigerten sich, auf die Menge zu schießen. Ihre wütenden Offiziere schossen ihnen darauf hin in den Rücken. (Gosztony, 162)
Die Armee ging innerhalb weniger Tage fast vollständig zu den Aufständischen über oder löste sich einfach auf. Die höheren Offiziere waren meist Anhänger der Sowjetunion, aber in den ersten Tagen des Aufstandes machten auch sie gute Miene zum (für sie) bösen Spiel.
Während der zweiten sowjetischen Intervention sabotierten viele dieser Offiziere den Widerstandskampf der ungarischen Armee durch desorientierende Befehle und Unbrauchbarmachung der Waffen.
Sowie neue ungarische Truppen nach Budapest gebracht wurden, reichten kurze Gespräche mit den Offizieren und Soldaten aus, um zu erreichen, daß sie nicht gegen die Aufständischen kämpften. Es gab keinen einzigen Truppenteil, der geschlossen gegen die Revolution kämpfte.
Oberst Pal Maleter wurde zum Helden der Revolution. Er war in die Kilian-Kaserne geschickt worden, um dort die 'Ordnung' wieder herzustellen. Als er sah, daß alle Soldaten und Offiziere zusammen mit der Bevölkerung gegen die sowjetischen Truppen kämpften, entschloß er sich, auf die Seite der Aufständischen zu treten. Unter seiner Führung wurde die Kaserne tagelang gegen immer neue Wellen sowjetischer Panzer verteidigt. (Gosztony, 231ff)
Als die Nationalgarde gegründet wurde, standen an ihrer Spitze der Armee-General Béla Kiraly und der Polizeichef von Budapest, Sandor Kopacsi. Auch die anderen Führer der Nationalgarde waren Offiziere der Polizei und der Armee. Während der zweiten sowjetischen Intervention kämpfte die ungarische Armee gegen die Sowjettruppen. Es gab keine einzige Kompanie, die für die Kadar-Regierung kämpfte. (Gosztony, 398) Lediglich einzelnen ungarische Offiziere, zahlenmäßig eine ganze Menge, aber prozentual eine verschwindende Minderheit, kämpften mit den Sowjets gegen ihr eigenes Volk.
Das gleiche galt für die Polizei. Viele Polizisten schlossen sich dem Aufstand an oder blieben anfänglich neutral. Der Polizeichef von Budapest, Sandor Kopacsi, entschloß sich nach kurzem Zögern, die Anweisung zu geben, die Aufständischen nicht zu bekämpfen. (Gosztony, 173ff) Während der zweiten sowjetischen Intervention kämpften die meisten Polizisten gegen die sowjetischen Truppen.
Die Partei schien in den Tagen der Revolution gar nicht mehr zu existieren. In den Tagen vor dem Aufstand zeigten sich die Parteiführer unfähig zu begreifen, was sich zusammenbraute. (Gosztony, 108ff, 151ff, 145) In den Tagen des Aufstandes zeigte sich, daß sie auch die Parteimitglieder in ihrer großen Mehrheit nicht mehr hinter sich hatten. Es gibt kein Beispiel dafür, daß irgendwelche Parteigruppen oder Parteigliederungen mehrheitlich für die alten Verhältnisse eintraten (außer natürlich einzelne Personen.) Es ist nicht bekannt, daß irgendwo kommunistische Arbeiter auf nichtkommunistische Arbeiter schossen oder umgekehrt. In den Arbeiter- und Revolutionsräten saßen tausende von Kommunisten, die endlich die Revolution gefunden hatten, von der sie solange geträumt hatten.
In den Tagen der Revolution wurde die Kommunistische Partei neu gegründet und es ist interessant einen kurzen Blick auf ihr provisorisches Politbüro zu werfen: Kadar als Vorsitzender. Dann Imre Nagy, 1958 hingerichtet; Géza Lozonczy, im Dezember 1957 im Gefängnis ermordet; Sandor Kopacsi, zu lebenslanger Haft verurteilt; Ferenc Donath, zu zwölf Jahren Haft verurteilt; Zoltan Szanto und der bekannte marxistische Philosoph György Lukacs, beide viele Jahre interniert. (Gosztony, 333; Kopacsi, 306)
4.5. WOHER KAMEN DIE WAFFEN DER AUFSTÄNDISCHEN?
Als die AVH vor dem Rundfunkgebäude in die Menge schoß, waren die Demonstranten noch unbewaffnet. Die ersten Waffen bekamen die Aufständischen, als sie zwei Ambulanzwagen kontrollierten, die zum Rundfunkgebäude durch wollten. Sie waren voller Waffen für die AVH. Die Fahrer der Wagen wurden halb tot geschlagen und die Waffe an die Aufständischen verteilt. (Gosztony, 161)
Viele Soldaten und Polizisten gingen sofort zu dem Aufständischen über und brachten ihre Waffen mit. Andere blieben neutral, gaben ihre Waffen aber den Aufständischen. (Gosztony, 163)
Viele Demonstranten liefen zu den in Budapest befindlichen Kasernen und berichteten den Soldaten, was vor dem Rundfunkgebäude geschehen war. Daraufhin wurden in vielen Kasernen die Waffenkammern aufgebrochen und die Waffen verteilt. (Gosztony, 168)
Arbeiter brachen die Waffenkammern in ihren Betrieben auf und brachten die Waffen in Lastwagen und Omnibussen zum Rundfunkgebäude. (Gosztony, 165)
Einige Gruppen der nun bewaffneten Aufständischen räumten in der Nacht zum 24. Oktober viele Waffen- und Munitionsfabriken aus. (Gosztony, 168ff)
Viele Aufständische kämpften nur mit selbstgefertigten Molotow-Cocktails gegen die sowjetischen Panzer.
Während der zweiten sowjetischen Intervention kämpften 90% der Offiziere, Soldaten und Polizisten gegen die Sowjets mit den Waffen, die eine Armee eben hat. Es fanden regelrechte Schlachten statt.
Die Kadar-Regierung ließ verbreiten, es habe in Ungarn geheime Waffenlager gegeben und am Abend des 23. Oktober habe man den Studenten gesagt, wo diese Lager seien. Des weiteren hätten aus dem Westen kommende Emigranten Waffen mitgebracht und in den Tagen der Revolution seien weitere Waffen aus dem Westen herbeigeschafft worden. (Weißbuch, 1/7) Diese Behauptungen sind aber völlig absurd.
Wie sollten denn zigtausende von Gewehren und Maschinengewehren, hunderte Tonnen Munition eingeschmuckelt werden? Wie schwere Waffen, mit denen man eine ganze Armee ausrüsten konnte?
Die einzige Grenze zum Westen war die Österreichische. Sie war bis wenige Monate vor dem Aufstand noch mit Mienengürtel gesichert. Danach gab es noch elektrisch geladene Zäune und starke Verbände der Grenzpolizei.
Wie hätten soviele Waffen unentdeckt durch die AVH auf verschiedene Waffenlager verteilt werden sollen? Das ganze ist ein Ding der Unmöglichkeit. Die Kadar-Regierung konnte nach Niederschlagung des Aufstandes keine einzige im Westen gefertigte Waffe vorweisen. (Fryer, 52)
4.6. WELCHEN EINFLUSS HATTEN REAKTIONÄRE KRÄFTE?
Um die gewaltsame Niederschlagung des Aufstandes zu rechtfertigen, malten die Sowjets und die Kadar-Regierung die Gefahr eines faschistischen Putsches an die Wand. Auch dies ist völlig absurd.
Sicherlich wird es auch elf Jahre nach Kriegsende noch vereinzelt Reaktionäre und Faschisten gegeben haben. Aber sie hatten auf den Verlauf des Aufstandes keinen Einfluß. Es ist einfach lächerlich, unter den zigtausenden Mitgliedern der Arbeiter- und Revolutionsräte einige ehemalige Horthy-Offiziere und Mitglieder der Leibwache Horthys, oder gar "den Sohn eines ehemaligen Redakteurs einer hitlerhörigen Zeitung" auszuma-chen (Weißbuch, 1/6), ohne gleichzeitig zu erwähnen, daß die überwältigende Mehrheit aus Kommunisten, Sozialdemokraten, bürgerlichen und bäuerlichen Demokraten bestand.
Als Paradebeispiel für den Einfluß reaktionärer Kräfte wurde Kardinal Mindszenty angeführt. Aber auch der forderte nichts, was in Richtung der alten Verhältnisse vor dem 2. Weltkrieg ging. Er forderte zwar das Recht auf Privateigentum und die Organisations-freiheit für die Christen, aber dies sind ja nicht gerade faschistische Forderungen. Er sprach auch davon, daß er sich dem historischen Prozeß nicht in den Weg stellen wolle, und daß die demokratischen Errungenschaften erhalten bleiben müßten. (Inhalt seiner Rundfunkrede vom 3. November 1956 in Mikes, 131ff) Ob Mindszenty dies nun aus Überzeugung sagte, oder ob er sich nur der allgemeinen Stimmung unterordnete, ist Spekulation. Aber es gab unter den Ungarn so gut wie keinen, der zu den Verhältnissen der Horthyzeit zurück wollte und das wußte auch Mindszenty.
Ein weiterer Reaktionär, der gerne angeführt wurde, war der Fürst Esterhazy, der wie alle politischen Gefangenen freigelassen worden war. Der Fürst hatte allerdings nicht das geringste Interesse am Aufstand, sondern machte sich so schnell wie möglich nach Österreich aus dem Staub, um seinen dort aufbewahrten Reichtum zu genießen. Pakete, die er seinen ehemaligen Bauern schickte, wurden von denen ungeöffnet zurückgesandt. Die Bauern beteiligten sich nicht am Aufstand, um den Boden den Gutsbesitzern von einst zurückzugeben.
Es mag sein, daß manche Greueltat gegen AVH-Leute auf das Konto reaktionärer Banden ging. Aber auf den Aufstand im großen Rahmen hatten Reaktionäre, wenn es sie überhaupt gab, keinerlei Einfluß.
Außerdem ist sehr wichtig, daß die bewaffneten Organe des Staates, Armee, Polizei und Nationalgarde von Offizieren geführt wurden, die in ihrer großen Mehrheit auf sozialistischen Positionen standen. Die Reaktionäre hatten keine Mehrheit im Volk und keine Mehrheit (nicht einmal eine einigermaßen relevante Minderheit) in den bewaffneten Organen, den traditionellen Werkzeugen der Reaktionäre zur Unterdrückung des Volkes. Die Gefahr eines reaktionären oder faschistischen Putsches existierte nicht. Sie war eine reine Erfindung der Sowjets um ihre eigene reaktionäre Gewalttat zu rechtfertigen.
4.7. WAS TAT DER WESTEN?
In der Zeit des internationalen Ost-West-Gegensatzes muß auch untersucht werden, was der gegnerische Machtblock tat.
Der Westen hatte seit der Verkündung der 'roll-back-strategie' durch den amerikanischen Außenminister Dulles im Jahre 1952 zweifellos viele Anstrengungen unternommen, um in den Ostblock-Staaten Unruhe zu stiften. Dabei waren die Möglichkeiten des Westens allerdings äußerst gering. Entfaltungsmöglichkeiten westlicher Agenten und mit dem Westen sympathisierender Ungarn gab es bis zum Frühjahr 1956 faktisch nicht. Die Grenzen (der eiserne Vorhang) waren äußerst streng gesichert und im Inneren des Landes die Kontrolle der AVH so total, daß Propagandisten westlicher Vorstellungen schnell erkannt und ausgeschaltet werden konnten. Der Einfluß des Westens beschränkte sich im wesentlichen auf Rundfunksendungen. Über diese beklagte sich die Kadar-Regierung dann auch mächtig. (Weißbuch 2/10) Aber Propagandasendungen kommen auch aus den sowjetischen Block in die westlichen Länder und lösen dort keine Aufstände aus.
Sicherlich wird es in Ungarn westliche Geheimagenten gegeben haben, so wie es auch in den westlichen Ländern sowjetische Geheimagenten gibt. Aber wer behauptet, die hätten den Aufstand ausgelöst oder gar organisiert und geleitet, der befindet sich moralisch und intellektuell auf dem gleichen Niveau wie z. B. der amerikanische Präsident Reagan, der nicht wahr haben will, daß die Unruhen in Latainamerika ihre Ursachen in den dortigen gesellschaftlichen Verhältnissen haben und nicht das Werk kommunistischer Wühlarbeit sind.
Die österreichische Regierung, besorgt um ihre erst vor kurzem zurückgewonnene Souveränität, errichteten in den Tagen des Aufstandes eine verbotene Zone an der ungarisch-österreichischen Grenze, um zu verhindern, daß ungarische Emigranten aus dem Westen nach Ungarn eindringen konnten. Die Militärattachés der vier Siegermächte des 2. Weltkrieges, einschließlich der Sowjetunion, konnten sich von diesen Maßnah-men selbst überzeugen.
Die österreichische Regierung wies ungarische Emigranten aus, z. B. den ehemaligen Ministerpräsidenten Ferenc Nagy und den Vorsitzenden der sozialistischen Jugend Ungarns Ferenc Eröss. (Anderson, 224)
Es gab zwar Gerüchte, daß tausende ungarische Emigranten, von den USA bewaffnet, über die ungarisch-österreichische Grenze gekommen seien, aber in keiner der vielen Augenzeugenberichte, die ich gelesen habe, tauchen diese Leute auf und auch die Kadar-Regierung konnte nach Niederschlagung des Aufstandes keinen einzigen dieser Leute vorzeigen. (Gosztony, 417) (Dilettantisch genug, da es für Geheimdienste keine Schwierigkeit darstellen dürfte, zwei oder drei solcher Leute plus entsprechenden Waffen irgendwo herzukriegen.)
In den Tagen der ungarischen Revolution fand auch die englisch-französische Invasion Ägyptens statt (Suez-Krise). Ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen besteht aber nicht. Es gibt keine Anzeichen dafür, daß irgendeine westliche Macht vor hatte, in Ungarn zu intervenieren. Sie hätten auch vorher durch einige andere Staaten hindurch gemußt.
Die westlichen Siegermächte des 2. Weltkrieges haben nie ernsthaft daran gedacht, den Status quo in Europa, d. h. die Existenz eines östlich-sowjetischen und eines westlich-demokratischen Bereichs, militärisch zu verändern.
4.8. DIE LYNCHJUSTIZ GEGEN DIE AVH-LEUTE
Über den Terror der AVH während der Rákosizeit und über die Massaker der AVH zu Beginn des Aufstandes ist bereits alles gesagt. Es kann nicht verwundern, daß die AVH-Leute zu Tode verhaßt waren.
In den ersten Tagen des Aufstandes waren Racheakte an AVH-Leuten aber noch relativ selten. Nur im unmittelbaren Zusammenhang mit Greueltaten wurden sie gelyncht. Nach der Besetzung des Rundfunkgebäudes z. B. wurden die AVH-Leute freigelassen und weggeschickt. Sie wurden nicht einmal verhaftet. (Gosztony, 189)
Viele Aufständische nahmen AVH-Leute lediglich fest und übergaben sie den Behörden. (Gosztony, 299)
Als jedoch mehr und mehr politische Gefangene befreit wurden und berichteten, wie sie in den Gefängnissen gefoltert worden waren, als das Blutbad vor dem Parlamentsgebäude bekannt wurde, steigerte sich der Haß auf die AVH-Leute ins grenzenlose. Sie wurden in den Straßen Budapests direkt gejagt und wenn man sie erwischte, häufig auf bestialische Weise umgebracht.
Allerdings wurden nur AVH-Leute, oder wen man dafür hielt, gelyncht. Es gab keinen Terror gegen die Kommunisten. Die Nationalgarde unternahm auch alle Anstrengungen, um diese Exzesse abzustellen. Die Zahl der Gelynchten wird in der Literatur unterschiedlich angegeben. Wahrscheinlich waren es weniger als 100. (Gosztony, 361)
Ich lehne Lynchmethoden grundsätzlich ab! Erstens läßt es sich gar nicht vermeiden, daß bei einem solchen Vorgehen Unschuldige mit dran glauben müssen und zweitens sollte man sich im Interesse der neuen Gesellschaft, die man nach einer Tyrannei errichten will, zu Beginn nicht mit solchen Taten belasten.
Aber wahr ist nun mal, daß Racheakte an verhaßten Personen schon immer ein Element aller echten Volksrevolutionen gewesen sind (jüngstes Beispiel Iran, wo die SAVAK-Leute gejagt und gehängt wurden) und Marx hat solche Aktionen sogar ausdrücklich gut geheißen. [28]
Trotz dieser unschönen Dinge kann von weißem Terror jedoch keine Rede sein. Weißen Terror gab es in Paris 1871, als 30.000 Kommunarden und viele Unbeteiligte ermordet wurden. Weißen Terror gab es im russischen Bürgerkrieg, als die Weißen zigtausende Kommunisten bzw. Soldaten der roten Armee umbrachten. Gemessen an solchen Zahlen sind ca. hundert Opfer der Volkswut eine geringe Zahl.
Wenn die sowjetischen Führer ihr Eingreifen u. a. damit rechtfertigten, daß in Ungarn Kommunisten verfolgt und ermordet wurden, dann ist dies pure Heuchelei. Denn erstens wäre die ungarische Nationalgarde mit diesen Lynchereien früher oder später selbst fertig geworden und zweitens muß man die sowjetischen Führer fragen, wo sie denn waren, als Rákosis Schergen tausende Kommunisten in den AVH-Gefängnissen folterten und umbrachten.
Die meisten der Leute, die 1956 (und auch heute noch) in der Sowjetunion das Sagen hatten, begannen ihre Karriere Ende der 30er Jahre, als sie sich in besonderem Maße bei den großen Säuberungen hervortaten. An den Händen dieser Leute klebt das Blut hunderttausender ermordeter Kommunisten!
4.9. HATTE DIE SOWJETUNION EIN RECHT EINZUGREIFEN?
Die Sowjetunion berief sich bei ihrem Eingreifen u. a. auf den Warschauer Vertrag, aber aus diesem Vertrag ergibt sich kein Recht, sich in die inneren Angelegenheiten der Vertragsstaaten einzumischen. (Gosztony, 338)
Die Stationierung und Verwendung fremder Truppen muß mit der Regierung des betreffenden Landes abgestimmt werden. Die Sowjetunion durfte nur dann Truppen nach Ungarn entsenden und dort einsetzen, wenn die ungarische Regierung damit einverstanden war.
Nach der Niederschlagung des Aufstandes wurde Nagy vorgeworfen, er habe den Warschauer Vertrag einseitig und illegal aufgekündigt. Wahr ist dagegen, daß die Sowjetunion den Vertrag verletzte, indem sie seit dem 31. November Truppen nach Ungarn schickte, obwohl die ungarische Regierung dagegen protestierte. Erst als dieser Protest ohne Wirkung blieb, sah sich die ungarische Regierung gezwungen, aus dem Warschauer Pakt auszutreten.
Die sowjetischen Truppen wurden auch nicht von der Kadar-Regierung zu Hilfe gerufen, denn als diese Regierung gegründet wurde, waren die Vorbereitungen für die Niederschlagung des Aufstandes schon seit fünf Tagen in vollem Gange. Nicht Kadar rief die Sowjets, die Sowjets riefen Kadar. Den Ministerpräsidenten, der sie angeblich rief, brachten sie erst in ihren Panzern mit. (Das gleiche haben sie vor wenigen Jahren in Afghanistan praktiziert.)
Außerdem hatte die Kadar-Regierung nicht die geringste Legitimität. Sie hatte nicht nur die Mehrheit gegen sich, sie hatte nicht einmal eine einigermaßen relevante Minderheit für sich.
4.10. WARUM SCHLUG DIE SOWJETUNION DEN AUFSTAND NIEDER?
Wie aus den letzten Kapiteln hervorgeht, gab es in Ungarn weder einen vom Westen organisierten Umsturzversuch noch einen von reaktionären Ungarn initiierten faschis-tischen Putsch. Die legitimen Sicherheitsinteressen der Sowjetunion wären auch gewahrt geblieben, wenn Ungarn einen Status wie Finnland oder Österreich erhalten hätte. Warum schlug die Sowjetunion trotzdem den Aufstand nieder?
Die sowjetischen Führer hatten seit Stalins Tod viele Anstrengungen unternommen, ihr internationales Image aufzupolieren. Sie machte Zugeständnisse in Ostasien (Juni 1954), an Österreich (Abzug ihrer Truppen im Jahre 1955) und an Finnland (Auflösung der Karelo-Finnischen Sowjetrepublik im Januar 1956). Sie söhnten sich mit Jugoslawien aus und machte in Polen Zugeständnisse.
Auch die erste sowjetische Intervention am 24. Oktober fand nur statt, weil die sowjetischen Führer durch Gerö falsch informiert wurden. (Gosztony, 236f). Bis zum 30. Oktober hatten sich die sowjetischen Führer noch nicht entschieden, wie sie in Ungarn weiter agieren sollten.
Alle Zugeständnisse der sowjetischen Führer bis zum 30. Oktober 1956 hatten ihr Imperium nicht in der Substanz gefährdet. Aber wenn sie die Neutralität Ungarns, die sich die Menschen dort auf revolutionäre Weise erkämpft hatten, gebilligt hätten, wäre dies geradezu eine Einladung an die Völker der anderen Satelliten-Staaten gewesen, sich ähnliches zu erkämpfen. Die sowjetischen Führer mußten an einem bestimmten Punkt die Entwicklung stoppen oder den allmählichen Zerfall ihres Imperiums, einschließlich des Vielvölkerstaates Sowjetunion selbst, in Kauf nehmen.
In Finnland und Österreich war das sowjetische System nicht eingeführt worden. Deshalb stellte es kein ideologisches Problem da, von diesen Ländern lediglich die Neutralität zu verlangen, ihnen die Gestaltung ihrer inneren Verhältnisse aber selbst zu überlassen. In Polen war auch unter Gomulka das kommunistische System nie in Gefahr. Aber weil es in Ungarn versäumt wurde, rechtzeitig eine polnische Lösung herbeizuführen, hatte die ungarische Revolution eine Ausdehnung angenommen, die weit über das hinaus ging, was die sowjetischen Führer im Interesse ihres eigenen Machterhalts tolerieren konnten.
Wenn ein Land, in dem einmal die sowjetischen Verhältnisse eingeführt waren, ein Weg zum Kapitalismus einschlägt, dann ist dies aus sowjetischer Sicht natürlich ein Rückschritt. (Und darüber hinaus etwas, das es der marxistisch-leninistischen Theorie nach auch gar nicht geben kann!)
Aber selbst eine Restauration des Kapitalismus wäre noch nicht einmal so schlimm gewesen. Viel gefährlicher war, daß die Ungarn auf revolutionäre Weise das sowjetische System abschafften, um an seine Stelle einen demokratischen Sozialismus zu setzen. Wäre dies den Ungarn gelungen, dann wäre bewiesen worden, daß man den Sozialismus verbinden kann mit den demokratischen und kulturellen Errungenschaften der bürgerli-chen Epoche, mit allgemeinen und geheimen Wahlen, mit Rede-, Presse, Versamm-lungsfreiheit usw. Ein solches System hätte zwangsläufig eine große Anziehungskraft auf die anderen osteuropäischen Völker (und darüber hinaus auf alle Völker der Welt) ausgeübt und wäre so zu einer tödlichen Bedrohung für die herrschende Kaste der Sowjetunion geworden. (Ähnlich verhielt es sich zwölf Jahre später 1968 in der Tschechoslowakei.)
Die zweite sowjetische Intervention war ganz eindeutig eine Aggression der Sowjetunion gegen das ungarische Volk. Die Niederschlagung der Revolution war ein reaktionärer Akt, in der eine herrschende Kaste ihr System verteidigte. Den Ungarn wurde mit blutiger Gewalt ein System aufgezwungen, von dem sie sich gerade befreit hatten. Ein System darüber hinaus, das für Länder mit bürgerlich-demokratischen Traditionen überhaupt keinen Fortschritt darstellt.
4.11. DIE BEDEUTUNG DER LÜGE IN DER SOWJETISCHEN POLITIK
Bei der Beschäftigung mit den Ereignissen in Ungarn bin ich dermaßen oft auf sowjetische Lügen gestoßen, daß ich es für richtig hielt, der Bedeutung der Lüge in der sowjetischen Politik ein eigenes Kapitel zu widmen. Aufzeigen werde ich diese Lügentaktik am Beispiel ihres Verhaltens in den fünf Tagen der Vorbereitung der zweiten Intervention.
Wie man heute weiß, beschloß das sowjetische Politbüro am 30. Oktober 1956 den Aufstand niederzuschlagen. Gleich darauf begannen die Vorbereitungen, besonders der Einmarsch neuer sowjetischen Truppen nach Ungarn. Doch bis zum Morgen des 4. November, selbst als die Kämpfe schon begonnen hatten, bestritt die Sowjetunion ganz energisch die Absicht, militärisch einzugreifen.
Am 31. Oktober kamen Mikojan und Suslow erneut nach Budapest und obwohl sie wußten, daß das Schicksal des Aufstands schon besiegelt war, erklärten sie ohne mit der Wimper zu zucken, die Sowjetunion akzeptiere das Mehrparteiensystem und die Neutralität Ungarns. Man wünsche lediglich, daß Ungarn keine antisowjetische Politik betreibe. (Gosztony, 302 + 306)
Als sich am 1. November die Nachrichten über den Einmarsch sowjetischer Truppen mehrten, verlangte Nagy vom sowjetischen Botschafter Andropow eine Erklärung. Dieser telefonierte mit Moskau und die sowjetischen Führer gaben die feierliche Erklärung ab, daß der Abzug der Sowjettruppen fortgesetzt würde. Es würden lediglich zum Schutz sowjetischer Bürger einige Polizeieinheiten geschickt, die den Abzug der Truppen überwachen sollten. (Gosztony, 337ff)
Am Nachmittag des gleichen Tages gab Nagy Andropow bekannt, er habe konkrete Hinweise darauf, daß neue sowjetische Kampftruppen in großer Zahl nach Ungarn einmarschierten. Deshalb trete Ungarn aus dem Warschauer Vertrag aus und habe die UN um Hilfe angerufen. (Kadar erklärte sich mit diesen Schritten ausdrücklich einverstanden und erklärte, er werde notfalls mit der Waffe in der Hand an der Vertreibung der sowjetischen Truppen teilnehmen.) (Gosztony, 341)
In den Nacht vom 1. auf den 2. November (nachdem Kadar bereits verschwunden war), ersuchte Andropow Nagy, den Hilferuf an die UN zurückzuziehen. Die Sowjetunion werde als Gegenleistung ihre Truppen abziehen. Nagy zog daraufhin den Hilferuf an die UN zurück. Der Einmarsch der sowjetischen Truppen ging weiter. (Gosztony, 342)
Am 2. November erklärte der sowjetische Botschafter bei der UN in New York, Nachrichten über den Einmarsch sowjetischer Truppen nach Ungarn entbehrten jeder Grundlage. (Mikes, 161)
Am 3. November trat eine ungarisch-sowjetische Militärkommission zusammen um die Einzelheiten des Abzugs der sowjetischen Truppen zu klären. Die Verhandlungen verliefen positiv. (Gosztony, 342) Der Chef der sowjetischen Verhandlungsdelegation lud die Ungarn am Abend ins sowjetische Hauptquartier ein, um dort dann die letzten technischen Details zu klären. Die ungarische Delegation unter Verteidigungsminister Pal Maleter folgte der Einladung und es wurde dort auch noch einige Stunden lang in freundlicher Atmosphäre verhandelt. Gegen Mitternacht aber stürzte plötzlich eine Gruppe sowjetischer Geheimpolizisten mit MPs bewaffnet in den Saal und nahmen die Ungarn fest. (Gosztony, 374ff)
Morgens gegen vier Uhr, als der Angriff der sowjetischen Truppen auf Budapest begann (die ungarische Regierung wußte noch nichts vom Schicksal der Delegation unter Maleter), rief der Oberkommandierende der Nationalgarde, Béla Kiraly, Nagy an und fragte ihn, was er tun soll. Nagy sagte, der sowjetische Botschafter sei gerade bei ihm und es sei alles ein Irrtum. Andropow werde sofort in Moskau anrufen und die Nationalgarde solle auf keinen Fall die sowjetischen Truppen bekämpfen. (Gosztony, 381f)
Bis zum letzten möglichen Zeitpunkt wurden die Ungarn getäuscht. (Für die Anhänger des stalinistischen Systems war dies alles natürlich eine großartig gelungene 'List'.)
Die gleiche Lügentaktik könnte man aufzeigen am Beispiel, wie in den ersten Tagen des Aufstandes der ungarische Rundfunk laufend erklärte, die Kämpfe seien zu ende und die Aufständischen würden sich in Scharen ergeben. Die Bevölkerung Budapests konnte auf den Straßen der Stadt das absolute Gegenteil beobachten. (Mikes, 100f)
Im Zusammenhang mit dem Niederschlagen des Prager Frühlings 1968 und des Einmarsches sowjetischer Truppen nach Afghanistan 1979 könnte man aufzeigen, daß die Sowjetunion dort eine ähnliche Lügentaktik benutzte.
Man muß sich über eins im Klaren sein: Die Lüge ist ein mit Vorsatz und mit Bedacht eingesetztes Mittel sowjetischer Politik. Die Sowjets lügen nicht mal so eben aus dem Stegreif, wie jeder Mensch das mal tut. Nein, die Sowjets lügen planmäßig, systematisch und ununterbrochen. Man kann sowjetischen Politikern überhaupt kein Wort glauben. Man kann sie nur nach dem beurteilen, was sie tun und was sie auf grund ihrer Interessenslage und ihres bisherigen Verhaltens wahrscheinlich tun werden. Aber den Beteuerungen sowjetischer Politiker Glauben zu schenken, hieße, sämtliche geschichtliche und tagtägliche Erfahrungen in den Wind zu schlagen!