Was im Beispiel mit den schwarzen Flecken sehr schnell geschah, das passiert bei Sprache und Schrift über viele Jahre hinweg, in der Regel in der Kindheit. Als Erwachsener empfindet man es in der Regel völlig unreflektiert als Selbstverständlichkeit, daß einem das Wort "TOR" etwas sagt. Wenn wir aber "TOR" sehen oder hören, dann nicht weil auch unabhängig von uns dieses "TOR" besteht, sondern weil wir einmal in unserer Kindheit die deutsche Sprache verstehen und lesen gelernt haben. Deutlich machen kann man dies anhand eines ganz simplen Vergleichs: Ein Russe, Araber oder Chinese, der nur seine Sprache und seine Schrift kennt, der erlebt beim Anblick von "TOR" ungefähr das, was wir beim Anblick von "Þ¥µ" erleben. Die Angehörigen, der eben genannten Völker, wissen aber in der Regel, daß es Schrift gibt. Die werden sich sagen: "Das ist etwas in einer Sprache und Schrift, die mir nicht bekannt ist." Aber der Amazonasindianer, der nicht einmal weiß, daß es sowas wie Schrift gibt, der erlebt beim Anblick von "TOR" schon wieder was ganz anderes. Wenn wir also "TOR" sehen, dann spiegeln wir nicht einen unabhängig von uns existierenden Tatbestand in unserem Bewußtsein wieder.
Wir erleben Dinge als außerhalb von uns, obwohl sie in uns, in unserem Gehirn entstehen. Das ist naturwissenschaftlich gesehen, praktisch nicht mehr umstritten. Wir bilden uns unsere Welt aber nicht nur auf Grundlage von angeborenen Arbeitsweisen unseres Gehirns, die bei allen Menschen sehr ähnlich sind, sondern auch auf Grundlage unseres erworbenen Wissens und erworbener Arbeitsweisen unseres Gehirns. Und hier gibt es zwischen den einzelnen Individuen zum Teil beträchtliche Unterschiede. Das, was wir für die Welt, für die Wirklichkeit halten, ist "in Wirklichkeit" nur unser Bild, das wir uns von der Welt machen. Jeder lebt in seiner Welt, da jeder bereits unterschiedliche Reize der Außenwelt aufnimmt und die Reize unterschiedlich interpretiert. Die Welten von zwei Menschen sind niemals völlig deckungsgleich. Tendenziell ist es so: je stärker Menschen miteinander verbunden sind, zeitlich, räumlich, ethnisch, kulturell, sprachlich, vom allge-meinen Bildungsniveau her etc. desto ähnlicher sind ihre Welten, je weiter Menschen in den eben genannten Dingen voneinander entfernt sind, desto verschiedener sind ihre Welten. Daraus ergeben sich viele Konflikte.