Wer die Wahrheit, die der Dogmatiker zu haben glaubt - bzw. seine politische, religiöse, kulturelle etc. Gruppe -, nicht teilt, ist entweder dumm oder böse. Den Dummen hat man die Wahrheit einfach noch nicht gesagt oder sie sind nicht in der Lage, sie zu verstehen, weil sie durch individuelle Beschränktheit oder ihre Lebensumstände daran gehindert sind. Die Bösen wollen die Wahrheit nicht verstehen, weil sie von niederen Motiven gelei-tet werden. Für politische Dogmatiker sind sie in der Regel Interessensertreter feindlicher Klassen oder Völker, Rassen etc. oder sie sind nur an ihrem persönlichen Wohlergehen, Karriere etc. interessiert. (Oder sie sind einfach nur verbockt, verbiestert. Oder sie haben "dem ideologischen Druck der Bourgeoisie nicht standgehalten".) Für religiöse Dogmati-ker sind sie Instrumente des Teufels oder der Teufel selbst. [1]
Eine oft anzutreffende Vorgehensweise von Dogmatikern verschiedener Schattierungen ist auch, von ihnen oder ihren Vorgängern gemachte Aussagen neu zu interpretieren, wenn sie allzusehr der Logik, der Plausibilität, den Tatsachen bzw. den Entwicklungen (z. B. der Gesellschaft, der Wissenschaften usw.) entgegenstehen. Das kann dazu führen, daß man sich in noch größere Widersprüche verstrickt, die Behauptungen noch absurder werden, nur noch im Rahmen der Verteidigung der Aussagen nachvollziehbar sind, bzw. einen Sinn ergeben. Das kann aber auch dazu führen, daß am Ende nur noch Worte oder Sätze "gerettet" werden, aber nicht die Inhalte, die ursprünglich mal mit diesen Worten und Sätzen verbunden waren. Man gibt seine Auffassungen faktisch auf, ohne sich dessen bewußt zu sein, ohne sich das eingestehen zu wollen. [3]
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Anmerkungen
Anm. 1:
Für politische Dogmatiker gibt es noch eine dritte Gruppe, Menschen die unter einer gewissen Form von Dummheit "leiden", diejenigen nämlich, die psychisch nicht ganz in Ordnung sind. Das fängt mit harmlosen Dingen an: "Er vertritt eine andere Meinung aus Oppositionshobby." "Er gefällt sich in seiner Märtyrerrolle." "Er betreibt Selbstbefriedi-gung." [Solche Vorwürfe habe ich selbst mal zu hören bekommen.] In schwereren Fällen ist der Mensch geisteskrank und kommt in die Psychiatrie. Das ist in der Sowjetunion tatsächlich passiert.
Für einige religiöse Dogmatiker gibt es weitere Gruppen: So können Menschen z. B. durch ihr
Karma daran gehindert sein, die Wahrheit bzw. den richtigen Weg zu erkennen. Oder - eine besonders widerwärtige Auffassung - es gibt Menschen, die einfach nicht Teil haben an der göttlichen Gnade. Was auch immer sie tun, sie sind von vornherein für die ewige Verdammnis prädestiniert. (
Augustinus,
Calvin.) Zurück zum Text
Anm. 2: Im täglichen Leben sagt man hin und wieder mal: "Der ist nicht ganz dicht!" Tatsächlich sind die Menschen ein Problem, die dicht sind. Die zu sind. In die nichts neues mehr reingeht. Die nur noch ihren Glauben vortragen können, die unfähig sind, den eigenen Standpunkt noch kritisch zu hinterfragen. Dummheit ist eine Krankheit, die nicht dem wehtut, der von ihr betroffen ist. Sie tut seinen Mitmenschen weh. Zurück zum Text
Anm. 3: Beispiele dafür sind, daß
Lenin den
Materialismus dadurch zu retten glaubte, in dem er alles (mit Ausnahme des menschlichen Bewußtseins) Materie nannte. Den Glauben an Gott versuchen einige dadurch zu retten, daß sie das Sein als Ganzes mit Gott gleichsetzen. (Näheres unter
Kritik des ontologischen Gottesbeweises.) Da die in einigen Religionen behauptete Allmächtigkeit, Allwissenheit und Allgüte Gottes mit dem Zustand und der Funktionsweise der Welt offensichtlich nicht vereinbar ist, versu-chen einige Menschen diese Behauptungen dadurch zu retten, daß sie die Begriffe All-mächtigkeit, Allwissenheit und/oder Allgüte neu bestimmen. Dadurch, daß diese Worte eine neue Bedeutung bekommen, retten sie aber eben nur diese Worte, nicht die ursprünglichen Glaubensinhalte. Zurück zum Text
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