Ich will Philosophie nicht in Naturwissenschaft, in Hirnforschung auflösen, sowenig, wie ich sie in Linguistik oder Psychologie aufgelöst sehen möchte. Aber wer sich Gedanken macht über die Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Erkenntnisfähigkeit, über Erkenntnistheorie, und gleichzeitig glaubt, er könne die Ergebnisse naturwissenschaftlich betriebener Hirnforschung ignorieren, den kann ich nicht ernst nehmen.
Einstein hat sein Gehirn der Wissenschaft vermacht und die Hirnforscher, die es unter-sucht haben, fanden dabei heraus, daß Einstein mehr Gehirn hatte als der Durchschnitts-mensch. Und zwar dort, wo die Hirnforscher das mathematische Vermögen vermuten. Ist es so abwegig zu vermuten, daß er deshalb der Schöpfer der
Relativitätstheorie wurde? Daß Menschen im Gegensatz zu Tieren Lesen und Schreiben lernen können, hat ja wohl seine Ursache im größeren Gehirn.
Ich beschäftige mich inzwischen seit einigen Jahrzehnten mit Philosophie und habe dabei die Erfahrung gemacht, daß es unmöglich ist, alle bedeutenden Philosophen und ihre wichtigsten Schriften gründlich zu kennen und zu vergleichen. Selbst wenn man nach und nach "alles" mal gelesen hat (um alles zu lesen, müßte man Jahrhunderte existieren), man hat das, womit man sich vor einem, vor fünf, vor zehn Jahren beschäftigt hat, nicht mehr so im Kopf wie das, womit man sich im Moment gerade beschäftigt. Wenn ich lese, was ich vor Jahren geschrieben habe, dann muß ich häufig ersteinmal nachdenken, wieso ich bestimmte Auffassungen vertreten habe. Und die Philosophie ist nur ein Ansatz des Nachdenkens über das Sein. Da sind noch die verschiedenen Wissenschaften und andere Aktivitäten wie Literatur,
Musik, Malerei etc. Wir Menschen sind schon seit Langem an einem Entwicklungspunkt angekommen, wo eine denkerische Zusammenfas-sung all dessen, was wir als Gattung an Wissen, bzw. an
Hypothesen, an Erklärungs-versuchen besitzen, mit menschlichen Gehirnen nicht mehr möglich ist. Im Interesse des Erkenntnisfortschritts brauchen wir leistungsfähigere Gehirne.
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Anmerkungen
Anm. 1: Über die Menge der Gehirnzellen habe ich in der Fachliteratur unterschiedliche Zahlen gelesen, bzw. in wissenschaftlichen Fernsehsendungen unterschiedliche gehört. Die Fachleute scheinen sich selbst noch nicht einig zu sein. Die Angaben schwanken zwischen 15 und 100 Milliarden. Letztere Zahl scheint die aktuellere zu sein. Für das, was hier erörtert wird, spielt es keine Rolle, wieviel Milliarden es sind. Zurück zum Text
Anm. 2: Letztendlich bleibt schon die Schaffung des Bewußtseins und des Ichs durch das Gehirn eine naturwissenschaftlich-philosophische Hypothese, für die es allerdings sehr ernstzunehmende Argumente gibt. Sehen Sie hierzu auch Leib-Seele Problem.) Zurück zum Text
Anm. 3: Sehen Sie hierzu auch die Anmerkung 3 zum philolex-Beitrag
Popper, das philolex-Essay "Ein Plädoyer für die Gentechnologie" und meinen Aufsatz "Über die Notwendigkeit der Entstehung höherer Arten". - Zurück zum Text
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