ANMERKUNGEN
Anm. 1: Als
»vorkritische Zeit« wird die Periode in Kants Leben bezeichnet, die der Erarbeitung der
»Kritik der reinen Vernunft« vorausging. Kant war auch in dieser Zeit bereits ein bedeutender philosophischer und naturwissenschaftli-cher Schriftsteller. Zurück zum Haupttext
Anm. 2: Dann wäre ich nicht nur ein Genie, sondern ein Wunder gewesen! Woher hätten den solche Gedanken kommen sollen? Zurück zum Haupttext
Anm. 3: Das »philolex« ist eine aus vielen hundert Dateien bestehende philoso-phische Abhandlung, die man sowohl als Philosophielexikon als auch als eine Kleine Weltgeschichte der Philosophie ansehen kann. Zurück zum Haupttext
Anm. 4: Hätte ich diese Schrift nach einem intensiveren Studium der Gedanken der bedeutensten 50100 Philosophen geschrieben, wäre die Schrift an vielen Stellen tiefer und breiter gewesen. Es wären dann aber auch in beträchtlichem Maße nicht mehr meine eigenen Gedanken gewesen. Ich wäre nicht meinen eigenen Weg gegangen. Erst als ich diesen eigenen Weg gefunden hatte, fand ich viele meiner Auffassungen bei anderen Philosophen wieder, die diese Gedan-ken tiefer und breiter ausgearbeitet haben, als ich das konnte. Zurück zum Haupttext
Anm. 5: Die Hirnforschung hat inzwischen festgestellt, dass das menschliche Gehirn in den ersten 20 Lebensjahren sehr plastisch, formbar ist. Danach lässt die Formbarkeit merklich nach. Das Gehirn bleibt zwar formbar, aber der dafür erforderliche Druck muss größer werden. Dass viele Menschen ab ihren 20er Jahren zunehmend dogmatisch werden, könnte daran liegen, dass ihre Gehirne in besonderem Maße ihre Plastizität verloren haben. (Der Druck zur Formung seines Gehirns kann auch von einem selbst kommen!) Zurück zum Haupttext
Anm. 6: In »Knauers Großer Religionsführer« (Bellinger 1) sind 670 verschie-dene Religionen, Kirchen und Kulte aufgeführt. (Die Literatur ist in der Literatur-liste konkreter beschrieben.) Zurück zum Haupttext
Anm. 7: In meinem »philolex« habe ich alle diese Richtungen näher erläutert. Zurück zum Haupttext
Anm. 8: Früher habe ich geglaubt, je intelligenter man ist und je mehr man gelernt hat, desto größer ist automatisch auch die Anzahl der Wahrheiten, die man kennt und um so kleiner wird das Nichtwissen. Wenn dem aber so wäre, dann müssten sich ja die Leute, die jahrzehntelang gelernt und geforscht haben, nach und nach in ihren Auffassungen annähern. Dies ist aber nicht der Fall. Deshalb ist ein übertriebener Respekt vor großen Namen, vor den berühmten Philosophen, falsch. Auch unter gebildeten und intelligenten Menschen findet man häufig das Bedürfnis, sich an große Vorbilder anzulehnen. Aber in den Büchern der berühmten Philosophen findet man nicht mit Selbstverständlichkeit die Wahrheit, sondern man findet dort die Gedanken anderer Menschen. Diese Gedanken können sehr interessant sein, die Autoren dieser Bücher mögen über ein viel größeres intellektuelles Leistungsvermögen verfügen als man selbst, aber es gibt deshalb keine Gewähr dafür, dass sie mit ihren Auffassungen die Wahr-heit oder zumindest Teilwahrheiten gefunden haben. Außerdem: Wenn man seinen Kopf allzu sehr mit den Gedanken anderer voll stopft, dann besteht die Gefahr zuwenig eigene Gedanken zu entwickeln. Die Möglichkeit Vorurteile zu überwinden ist kleiner, die Gefahr, in vorgegebenen Bahnen zu denken, ist größer. Auf der anderen Seite gehen einem viele gute Anregungen verloren, wenn man zuwenig die Gedanken anderer kennen lernt. Man bewältigt vielleicht auch unnötig manche Gedankenarbeit, die andere vor einem schon bewältigt haben. Man muss, wie so oft im Leben, einen Mittelweg finden. Zurück zum Haupttext
Anm. 9: Wenn ich bekannte Schriftsteller, Philosophen und Wissenschaftler zitiere, dann mache ich dies lediglich zur Unterstützung eines bestimmten Teils meiner Auffassungen. Ich habe mich keiner anderen Person zur Gänze ange-schlossen und ich kenne auch keine Person, die meine Auffassungen zur Gänze unterstützen würde. Zurück zum Haupttext
Anm. 10: Bryan Magee, »Kritischer Rationalismus Gespräch mit Karl Popper« in Lührs 1, S. 59f. Newtons Annahme eines absoluten Raumes, einer abso-luten Zeit und einer absoluten Bewegung galt ca. 200 Jahre lang bei fast allen Naturwissenschaftlern als unumstößliche Wahrheit letzter Instanz. Allein der Gedanke, diese Thesen könnten falsch sein, wurde als indiskutabler Schwach-sinn abgetan. Die
Relativitätstheorie Einsteins geht aus von der Relativität von Raum, Zeit und Bewegung. Und mit dieser Theorie lassen sich Erscheinungen im Kosmos besser erklären, als mit der Newtonschen Theorie. Zurück zum Haupttext
Anm. 11: Z. B. in der Wissenschaftszeitschrift P.M., Sonderheft »Perspektiven Weltall« (Aus den späten 80er Jahren. Dürfte heute nicht mehr erhältlich sein.) Die meisten Menschen glauben das, was man ihnen sagt, was die anderen Menschen um sie herum auch glauben, was zu der jeweiligen Zeit und an dem jeweiligen Ort die offizielle oder Mehrheitsmeinung ist. In den zivilisierten Ländern glauben viele religiös nicht gebundene Menschen an populistisch verflachte »wis-senschaftliche Weltbilder«, ohne dass sie die nötigen naturwissenschaftlichen und mathematischen Kenntnisse und Fähigkeiten besitzen, um diese Auffassun-gen intellektuell nachvollziehen zu können. Sie glauben an die Wissenschaft, wie die Menschen des Mittelalters an die Dogmen der katholischen Kirche ge-glaubt haben. Zurück zum Haupttext
Anm. 12: Hier drei Internet-Adressen mit vielen weiteren Beispielen für Sinnes-täuschungen und Zweideutigkeiten:
Sinnestäuschungen aller Art
Sinnestäuschung
Sinnestäuschungen
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Anm. 13: Als Erwachsener empfindet man es in der Regel völlig unreflektiert als Selbstverständlichkeit, dass einem das Wort »TOR« etwas sagt. Wenn wir aber »TOR« sehen oder hören, dann nicht weil auch unabhängig von uns dieses »TOR« besteht, sondern weil wir einmal in unserer Kindheit die deutsche Sprache verstehen und lesen gelernt haben. Erläutern kann man dies anhand eines ganz simplen Vergleichs: Ein Russe, Araber oder Chinese, der nur seine Sprache und seine Schrift kennt, der erlebt beim Anblick von »TOR« ungefähr das, was Deutsche beim Anblick von »Þ¥µ« erleben. Die Angehörigen, der eben genannten Völker, wissen aber in der Regel, dass es Schrift gibt. Die werden sich sagen: »Das ist etwas in einer Sprache und Schrift, die mir nicht bekannt ist.« Aber der Amazonasindianer, der nicht einmal weiß, dass es sowas wie Schrift gibt, der erlebt beim Anblick von »TOR« schon wieder was ganz anderes. Wenn wir also »TOR« sehen, dann spiegeln wir nicht einen unabhängig von uns existierenden Tatbestand in unserem Bewusstsein wieder. Bestenfalls affiziert ein objektiver Tatbestand unsere Sinne und führt dazu, dass wir uns ein subjekti-ves »Bild« machen. Ganz im Sinne
Kants. Aber der objektive Tatbestand, das »Ding an sich« ist schon eine Vermutung. Zurück zum Haupttext
Anm. 14: Für naturwissenschaftlich denkende Menschen heißt es ja sowieso Eulen nach Athen tragen, wenn man behauptet, die Welt, die wir um uns herum wahrnehmen, sei unser Produkt. Denn nach dem gegenwärtigen naturwissen-schaftlichen Erkenntnisstand (der natürlich falsch sein kann) sieht es folgender-maßen aus: Um uns herum existieren elektromagnetische Wellen der verschie-denen Frequenzen und verschiedenste Materieformen. (Die selbst wieder zu Materie geronnene Energie, also Bewegung sind.) Verschiedene Elementar-teilchen bilden Atome der verschiedenen Art. Daraus bilden sich Moleküle in millionenfacher Vielfalt. Einige der um uns herum existierenden Strahlungen und Materieformen haben eine Wirkung auf unsere Sinne, andere nicht. Elektromag-netische Wellen einer bestimmten Frequenz lösen in unseren Augen chemische Prozesse aus, die bewirken, dass Elektronen über Nervenfasern ins Gehirn fließen. In Schwingungen geratene Luftmoleküle treffen auf unsere Trommelfelle und erzeugen ebenfalls Nervenimpulse. Ähnlich ist es bei Tast, Geschmacks- und Geruchssinn. Unser Gehirn verarbeitet nun all diese eintreffenden Nervenim-pulse zu der Welt, wie wir sie um uns herum wahrnehmen. Naturwissenschaft-lich kann man also nicht einmal sagen, die für uns existierende Welt sei eine mögliche Anschauungsweise dessen, was unabhängig von uns existiert. Die Welt, die wir um uns herum wahrnehmen, ist, naturwissenschaftlich betrachtet, unabhängig von uns überhaupt nicht existent! Für viele Menschen ist das eine Allerweltsweisheit. Da ich zeitweilig ein Anhänger der marxistischen Philosophie war und damit auch der
leninschen Widerspiegelungstheorie , war es mir wichtig, zu erwähnen, dass wir eben nicht einfach nur die von uns unabhängige Welt in unserem Bewusstsein widerspiegeln. Die Behauptung, das Sein an sich sei möglicherweise ganz anders als wir meinen, die Behauptung, es kann um uns herum Dinge geben, von denen wir nichts wissen, weil sie auf unsere Sinne keine Wirkung haben und wir auch (zumindest bisher) nicht mit dem Verstand auf sie geschlossen haben, widerspricht nicht dem heutigen Erkenntnisstand der Naturwissenschaft. Zurück zum Haupttext
Anm. 15: Als ich dieses Kapitel schrieb, habe ich nicht vorher in verschiedenen philosophischen Lexika nachgeschlagen, wie dort »Denken« definiert wird. Ich habe aufgeschrieben, für welche meiner geistigen Tätigkeiten ich den Begriff Denken bewusst verwende. Eine systematische und umfassendere Darstellung, was »Denken« in der Philosophie bedeutet, steht im philolex-Artikel Denken. Zurück zum Haupttext
Anm. 16: Schwerkraft wird wissenschaftlich Gravitation genannt. Am häufigsten vertreten wird die Gravitationserklärung der
Allgemeinen Relativitätstheorie Einsteins. Diese ist aber nicht unumstritten. Es gibt viele alternative, konkurrie-rende Gravitationstheorien. Die Herkunft der Schwerkraft bzw. ob es sich über-haupt um eine Kraft handelt, ist also alles andere als eindeutig geklärt. Zurück zum Haupttext
Anm. 17: Einerseits sagt Kant, die Kausalität sei etwas, das die Menschen mit ihrem Denken in die Welt hineintragen, dort unabhängig vom Menschen nicht existiert. Andererseits leitet er aber die Existenz des
»Dings an sich« kausal her, indem er sagt, wenn wir Sinneswahrnehmungen haben, muss es auch etwas geben, das an unsere Sinne rührt. Siehe auch
Anmerkung 22 und diverse weitere Anmerkungen über Kant. Zurück zum Haupttext
Anm. 18: An dieser Stelle höre ich im Geiste die Religiösen triumphieren: »Haben wir doch schon immer gesagt, bestimmte Dinge kann der Verstand nicht begreifen. Dort müssen wir eben glauben.« Aber wenn wir an dieser Stelle anfangen wollen zu glauben, dann wissen wir noch nicht, an welche der hunderten von Religion wir glauben wollen. Und wir können uns auch noch hundert zusätzliche Religionen ausdenken. Zurück zum Haupttext
Anm. 19: Gedanken über den Traum und das Lesen von Büchern, in denen es um Träume und Halluzinationen geht, haben entscheidend dazu beigetragen, meine alten Sicherheiten zu zerstören. Empfehlen möchte ich auf jeden Fall den Roman von Stanislav Lem: Der Futurologische Kongress (Lem 1) und seine Kurzgeschichte über den Professor Corcoran in den Sterntagebüchern (Lem 2) S. 355370. Zurück zum Haupttext
Anm. 20: Der philosophisch vorgebildete Leser wird hier vielleicht einwenden, dass Edmund Husserl auch noch das »Ich« hinwegzweifelt (bzw. »ausklam-mert«), und dass bei Robert Reininger im unmittelbaren Erleben gar kein »Ich« ist. Diese Standpunkte teile ich aber nicht, wie ich in den Aufsätzen zu diesen beiden Philosophen näher erläutert habe. Dass im
Buddhismus das »Ich« keine dauerhafte Existenz hat, dass
Hume dem »Ich« keine von den Erlebnissen, bzw. den Bewusstseinsinhalten unabhängige Existenz zugesteht, und dass das »Ich« bei vielen Sprachphilosophen und Poststrukturalisten ein reines Sprach- bzw. Zeichenprodukt ist, ist mit meiner Auffassung vereinbar. An der unmittelbaren Sicherheit der Existenz des Ichs in dem Moment, wo sich das Ich seiner bewusst wird, ändert das nichts. Auch Kant stellt die unmittelbare Gewissheit des Ich fest, auch wenn er dieses Ich anschließend dann theoretisch zerpflückt. Zurück zum Haupttext
Anm. 21: Der
tiefenpsychologisch vorgebildete Leser mag hier einwenden, dass wir auch vieles erleben, was uns nicht bewusst ist. Dies ist aber bereits eine Erklärung und damit letztlich eine Vermutung. Ich benutze das Wort »erleben« für das, was für mich bewusstseinsmäßig vorhanden und damit unbezweifelbar ist. Zurück zum Haupttext
Anm. 22: In Anspielung auf Kant: Ich kann nicht nur nichts über das
»Ding an sich« wissen, ich kann nicht einmal wissen, ob es das »Ding an sich« überhaupt gibt. (Eine Erkenntnis, zu der viele andere auch gekommen sind. Ein wichtiger Grundzug des Neukantianismus war der Verzicht auf das Ding an sich.) Wobei Kant ja merkwürdiger Weise nicht nur die Existenz des »Dings an sich« postu-liert, sondern auch noch gleich sagt, was dieses »Ding an sich« alles nicht ist, nämlich nicht in Raum und Zeit und außerhalb von Kausalketten. (Es ist schon irreführend für soetwas überhaupt noch den Begriff »Ding« zu benutzen. Dann soll man doch gleich »Idee« sagen. Wobei zugegebenermaßen »Ding« ursprüng-lich von »denken« kommt. Aber inzwischen versteht man darunter etwas materielles.) Ich sage allerdings auch: Es gibt »etwas«. Das ist eine objektive Wahrheit. (Näheres im 7. und 8. Kapitel.) Dass es »etwas« gibt, wird aber bei mir nicht kausal hergeleitet, sondern ist unmittelbares Erleben. Und ich mache auch keine Aussagen über das »etwas« (oder das »Sein«) wie Kant über das »Ding an sich«. Zurück zum Haupttext
Anm. 23: Später habe ich bei Spinoza. zu Beginn seines Hauptwerks Ethik genau den gleichen Gedanken wiedergefunden. (Spinoza 1, S. 23) Unbezweifel-bar ist aber auch dies nicht, da ich nicht vom Denken auf das Sein schließen darf. Wenn es einen Gott geben sollte, dann wäre er vielleicht der Schöpfer der Welt. Ein Teil des Seins (Gott) hätte einen anderen Teil des Seins (Welt und Menschen) geschaffen. Aber das Sein als Ganzes, zu dem Gott ja gehören würde, könnte nur aus sich selbst heraus sein. Wenn behauptet wird, es müsse einen Schöp-fergott geben, weil sich ansonsten nicht die Existenz der Welt erklären ließe, dann verschiebt man das Problem nur um eine Station. Zurück zum Haupttext
Anm. 24: Die marxistisch-leninistische Philosophie vertritt einen »Kritischen Realismus« (sie selbst nennt es
»Materialismus«), der zwar die Möglichkeit einer Täuschung der Sinne und des Verstandes einräumt, aber meint, dass durch die Zusammenarbeit aller Sinne mit dem Verstand und durch die Über-prüfung unserer Erkenntnisse im praktischen Leben eine richtige Widerspiege-lung der Welt in unserem Bewusstsein möglich ist. Da wende ich ein, dass ein Tier mit seinem »Wissen« in seinem praktischen Leben auch zurechtkommt, ohne dass sich die Welt in dem erschöpft, was dem Tier erkenntnismäßig zugänglich ist. Dieser Gedanke wird im Haupttext weiter unten noch genauer ausgeführt. Auch im philolex-Beitrag Evolutionäre Erkenntnistheorie habe ich mich mit diesem Thema näher beschäftigt. Zurück zum Haupttext
Anm. 25: Der 2. und der 3. Grundsatz ist selbst eine Erklärung und damit eine Vermutung, die ich mit Hilfe meines Verstandes erschlossen habe. Dass die Ergebnisse der Mathematik ebenfalls nur Vermutungen sind, ist mir zwar unvor-stellbar, aber nichts desto Trotz ist es so. Einstein soll einmal auf die Frage, ob zwei mal zwei vier seien, geantwortet haben: »Ich bin mir nicht sicher.« »Insofern sich die Sätze der Mathematik auf die Wirklichkeit beziehen, sind sie nicht sicher, und insofern sie sicher sind, beziehen sie sich nicht auf die Wirklich-keit.« So Einstein Kleine Anekdote am Rande: Auch Marx, den wohl keiner des Relativismus verdächtigen will, hat einmal auf die Frage nach dem Motto seines Lebens geantwortet: »De omnibus dubitandum!« (An allem ist zu zweifeln!) Siehe Marx Engels Werke, Band 31, S. 597. Er hat sich allerdings nicht daran gehalten, sondern war ein Absolutist reinsten Wassers.
Descartes findet nach seinem radikalen Zweifel zur Sicherheit, dass die Welt auch unabhängig von seinem Denken existiert, nur dadurch zurück, dass er die Existenz Gottes »beweist« und gleichzeitig, dass dieser Gott kein Täuschergott sein kann. Wenn man Descartes in seinen Meditationen überzeugend findet bis zu dem Punkt, wo er nur noch weiß, dass er ein denkendes Etwas ist (und bis dort finde ich ihn sehr überzeugend), dann aber seine Gottesbeweise nicht teilt (und meines Wissens tut das heute fast keiner mehr), dann gibt es keinen Weg zurück zur Sicherheit, dass die Welt unabhängig von mir existiert. Ich habe den Eindruck, dass Descartes es mit seinem Zweifel gar nicht Ernst gemeint hat. Descartes hatte von Anfang an das Ziel, die Existenz Gottes und der Seele zu beweisen und zwar besser zu beweisen, als das die mittelalterliche Scholastik konnte. (Siehe unter anderem Rowohlt Monographie Descartes, Specht 1) Zurück zum Haupttext
Anm. 26: Seitdem ich die Erkenntnis habe, dass das Bewusstsein den Dinge selbst zukommt (Siehe 10. Kapitel), damit also auch dem menschlichen Körper des anderen, bin ich mit diesem Satz nicht mehr zufrieden. Ich habe aber bisher keine bessere Formulierung gefunden. Vielleicht: Ich kann das »Ich« des Ande-ren, seine Bewusstseinsinhalte nicht so unmittelbar erleben, wie mein »Ich« und meine Bewusstseinsinhalte. Deshalb kann ich keine Sicherheit darüber haben, ob es das andere »Ich« mit seinen Bewusstseinsinhalten überhaupt gibt. Zurück zum Haupttext
Anm. 27: In der Zeit, in der ich mich intensiv mit dem Solipsismusproblem beschäftigt hatte, das waren die Jahre 1986/87, Bibliotheken, Buchhandlungen und Fachzeitschriften durchforstete um zu sehen, ob der Solipsismus widerleg-bar sei, da hatte ich folgendes Erlebnis: Ich war auf einer Party, in einem kleineren Saal. In der Mitte des Raumes tanzten etwa 20/30 Leute und ich stand am Rand mit einer Flasche Bier wie das üblich war für mich und sah mir das Ganze an. Neben mir stand ein älterer Herr mit weißen Haaren, und der sagte zu mir: »Sag mal, willst du im Ernst behaupten, dass die Leute, die hier tanzen, in Wirklichkeit alle gar nicht existieren, dass die alle nur Phantome sind?« Und das sagte er mit so einem moralischen Unterton. »Wie kannst du nur.« Und während ich darüber nachdachte, was ich ihm antworten könnte, wachte ich auf und lag im Bett. Und das ganze Tanzvergnügen einschließlich des älteren Herrn hatte sich in Luft aufgelöst. Der weißhaarige ältere Herr hatte sich als mein
Über-Ich entpuppt. Aber das kann sich täuschen. Auch das »Unwillkürliche Widerstre-ben«, das
Schopenhauer dem Solipsismus gegenüber empfand, reicht mir als Gegenargument nicht. Zurück zum Haupttext
Anm. 28: Ich halte den Glauben an einen allmächtigen und allwissenden Gott, der nach dem Tode belohnt oder bestraft, für einen naiven Kinderglauben. (Das ist nämlich der aus der Perspektive des Kindes allmächtige und allwissende Vater, der belohnt oder bestraft.) Aber selbst wenn es einen solchen Gott gäbe, gebe es dadurch keine objektiven ethischen Werte, sondern lediglich ein sehr mächtiges Subjekt, das nach eigenem Gutdünken entscheidet. Außerdem gibt auf dieser Welt soviel unnennbar und unzählbar Grausames, dass ein Wesen, welches dies alles verhindern könnte, es aber nicht tut, ein solch widerlicher Sadist wäre, dass ich ihm jedes Recht absprechen würde, über andere zu rich-ten. Denen, die nicht an Gott glauben, wird häufig vorgeworfen, sie würden den Menschen auch noch den letzten Trost nehmen. Aber wie sollte ich denn Trost schöpfen aus der Annahme, dass es einen allmächtigen und allwissenden Gott gibt, der soviel unnennbar und unzählbar Grausames zulässt? Eine solche Annahme wäre für mich eine Horror-Vorstellung! Trost kann man aus einer solchen Annahme nur schöpfen, wenn man vorher seinen Verstand abschaltet. Zurück zum Haupttext
Anm. 29:
Kant 2, S. 140. Im Zusammenhang mit meinem Versuch den Nihilismus zu überwinden (9. Kapitel
Anmerkung 59) werde ich mich mit dieser Auffassung Kants näher auseinandersetzen. Zurück zum Haupttext
Anm. 30: Hierzu ist noch zu sagen, dass der Mensch nicht nur anderen Menschen, sondern auch anderen Lebewesen unaufzählbar viel Grausames antut. Alleine schon dadurch, dass wir Tiere schlachten, um sie zu essen oder Tierversuche in der Arzneimittelforschung betreiben. Aber auch ohne den Menschen wäre die Welt immer noch grausam genug. In der Natur gibt es keine Humanität, sondern knallharten Darwinismus. Zusätzlich leiden Menschen und Tiere auch noch unter Naturkatastrophen. Diese Grausamkeit entsteht aber erst in dem Moment und nur dort, wo leidensfähige Subjekte vorhanden sind, Wesen mit zumindest schwachen Bewusstseinsansätzen. Bedauernswert ist nicht die Materie, die sich verändert, sondern nur das Bewusstsein, das leidet. Meine Auffassung, dass das Bewusstsein den Dingen selbst zukommt, bedeutet nicht, dass die Dinge »Selbstbewusstsein« sind. Ich behaupte nicht, dass ein Stein leidet, wenn er zerschlagen wird. Wohl auch nicht die Frucht, die geges-sen wird. Aber das Säugetier, dass bei lebendigem Leibe zerrissen wird, leidet. Hier bewege ich mich aber in einen Bereich hinein, wo »Wissen« die Anerken-nung bestimmter naturwissenschaftlicher Thesen voraussetzt. (»Schmerz setzt ein Nervensystem voraus.«) Im praktischen Leben gehe ich von der Richtigkeit dieser Thesen aus. Aber der philosophische Zweifel bleibt. Eine kurze Anmer-kung zum Thema Fleisch: Die Anerkennung der naturwissenschaftlichen Thesen beinhaltet auch, dass Fische, Geflügel, Rinder, Schweine und ähnliche Tiere kein in die Zukunft gerichtetes perspektivisches Bewusstsein haben, bzw. bei den Säugetieren ein solches nur in sehr bescheidenen Ansätzen vorhanden ist, die sich von den entsprechenden menschlichen Bewusstseinsformen qualitativ unterscheiden. Am ehesten könnte man bei in menschlicher Gesellschaft aufge-wachsener und lebender Säugetieren, besonders aber bei Menschenaffen, solche Bewusstseinsformen annehmen. Hier ist eine Grauzone bzw. ein Über-gangsfeld. Ich halte eine schmerzlose Tötung bestimmter Tierarten zwecks Er-nährung anderer Lebewesen für ethisch vertretbar. Ich möchte als Fleischesser den Vegetariern nicht kampflos die höhere Ethik zugestehen. Schopenhauer hat in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung aufgezeigt, was für eine Kette von Grausamkeiten die Weltgeschichte und das Leben überhaupt darstellt. Ich teile seine pessimistischen Konsequenzen daraus aber nicht, da man die bisherige Geschichte, sowohl die der Menschen wie die der Natur als notwendige Vorgeschichte einer glücklichen Zukunft ansehen kann. (Per aspera ad astra.) Und in vielen Punkten ist es auch schlicht eine Frage der inneren Einstellung, wie man mit unbefriedigten Bedürfnissen umgeht, ab wann man sich gelangweilt fühlt etc. Schopenhauer veranstaltet zuweilen eine mir nicht erträgli-che Jammerei. Zurück zum Haupttext
Anm. 31: Die Auffassung von Protagoras ist hier mit den Worten Hans Joachim Störigs wiedergegeben. (Störig 1, S. 147) Der berühmtere Sokrates sagte zur gleichen Zeit: »Ich weiß, dass ich nichts weiß!« Dieser Satz enthält einen vermeidbaren Widerspruch. Sein Gegner Protagoras fand dort die bessere Formulierung. Zurück zum Haupttext
Anm. 32: Dass ich den Begriff Nihilismus ähnlich verwende wie Sartre, würde ich inzwischen so nicht mehr schreiben, weil es missverständlich ist. Sartre ist trotz seiner Behauptung, dass die menschliche Existenz absurd und sinnlos sei, ein sehr moralischer Mensch. Aber so wie ich Ethik aus meinen Gefühlen ableite, näheres dazu im 9. Kapitel, leitet nach meiner Überzeugung auch Sartre seine Ethik aus seinen Gefühlen ab, was er selbst auch immer gedacht haben mag. Aus seinen philosophischen Grundüberzeugungen ist keine Ethik stringent ableitbar. Zurück zum Haupttext
Anm. 33: Das 5. Kapitel war wie der gesamte 1. Teil dieses Textes ein Abschüt-teln von christlichen und kommunistischen Dogmen aus meiner Kindheit und Jugendzeit. In diesem Sinne stehe ich heute noch zu diesen Aussagen. Aber die gegenwärtige Dominanz des Egoismus, der bei sehr vielen Menschen alle über-individuellen Werte überflügelt hat und eine Ursache ist für den Sozialstaatsab-bau, halte ich nicht für wünschenswert und nicht für unabwendbar. Ich erscheine hier viel egoistischer und nihilistischer als ich im praktischen Leben bin. Deshalb habe ich inzwischen fast schon Bedenken, dieses Kapitel zu veröffentlichen, da mancher Leser die hier vertretenen Auffassungen als Rechtfertigung für ein Ver-halten ansehen könnte, dass nicht auf meine Zustimmung stößt. Besonders die Leser, die das 9. Kapitel nicht lesen, bzw. mit den dort vertretener Auffassungen nicht übereinstimmen. Aber ich halte mich und meine Texte nicht für so einfluss-reich, dass das Veröffentlichen oder Nichtveröffentlichen dieses Kapitels am gegenwärtigen Zustand viel ändert. Zurück zum Haupttext
Anm. 34: Hier vertrete ich fast die gleiche Auffassung wie
Augustinus, von dem ich ansonsten nichts halte, da er der Begründer des christlichen Dogmatis-mus' ist. Nach
Kant ist die Zeit »reine Form unseres inneren Sinnes«, den Dingen, der Welt kommt sie nicht zu. Mit dieser Aussage überschreitet Kant nach meiner Auffassung die von ihm selbst gezogene Grenze des menschlichen Wissens über die »Welt an sich«. Aber als plausible philosophische Hypothese halte ich diese Aussage für gut. Die Dynamik ist vielleicht nur subjektiv. Ich habe das Erleben, dass sich etwas bewegt, verändert. Aber denken kann ich mir auch, dass das, was ich als Dynamik erlebe, nur das Aneinanderhängen von statischen Bildern ist. (Im Film sind nur statische Bilder, die Dynamik erleben lassen.) Sind alle Zustände vielleicht gleichzeitig oder besser zeitlos vorhanden und nur in unterschiedlichen Erlebnisformen bewusst? Im 13. Kapitel, im Zusam-menhang mit möglicher Präkognition, komme ich darauf noch einmal zurück. Wenn es so wäre, gäbe es Bewegung, Veränderung nur in meinem Bewusst-sein. Dahinter könnte sich eine Sphäre unbewegter
»Dinge an sich« oder
»platonischer Ideen« oder ähnliches befinden. Als ich zum ersten Mal die Urknall-Hypothese vernahm, da habe ich mich wie die meisten anderen Menschen auch gefragt, was denn vor dem Urknall war. Einen Beginn der Zeit konnte ich mir nicht vorstellen. Meine heutige Auffassung von der Zeit führt dazu, dass ich dieses Problem nicht mehr habe. Wo sich nichts bewegt, wo keine Aufeinanderfolge ist, ist die Zeit nicht nur nicht feststellbar (es bewegen sich ja auch keine Uhren), es gibt dann überhaupt keine Zeit, weil Zeit nur Aufein-anderfolge von Erlebnissen, bzw. Ereignissen ist. Für sich allein gibt es sie nicht. Oder kann man auch hier eine dialektische Sicht haben? Die Zeit ist identisch und gleichzeitig nicht identisch mit der Aufeinanderfolge? So sehr mir das dialektische Denken gefällt, manchmal habe ich den Eindruck, das auch dieses Denken seine Grenzen hat. Mir ist inzwischen auch oft entgegenhalten worden, Zeit sei in der modernen Physik die 4. Dimension. Nun sind wissen-schaftliche Theorien für mich in letzter Instanz Vermutungen, die subjektiven Erlebnisse aber unbezweifelbar. Wie ist es denn mit folgendem Gedanken: Ohne Bewegung gäbe es die 4. Dimension nicht? Einstein, der die Zeit als 4. Dimen-sion ansah, sagte auch: »Der Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist für uns Wissenschaftler eine Illusion, wenn auch eine hart-näckige.« Zurück zum Haupttext
Anm. 35: Ähnlich wie mit der Zeit ist es mit dem Raum. Nach
Kant ist »Raum die Form, nach der uns alle Erscheinungen der äußeren Sinne gegeben werden«, den Dingen, der Welt kommt er nicht zu. Auch mit dieser Aussage überschreitet Kant nach meiner Auffassung die von ihm selbst gezogene Grenze des menschlichen Wissens über die »Welt an sich«. Als ich zum ersten Mal die Hypothese vernahm, dass das Weltall grenzenlos aber endlich sei da immer in sich zurückgekrümmt , habe ich mich wie die meisten anderen Menschen auch gefragt, was denn nun außerhalb des Weltalls ist. Meine heutige Auffassung vom Raum führt dazu, dass ich dieses Problem nicht mehr habe. Wo keine materiellen Dinge sind, ist der Raum nicht nur nicht feststellbar, er ist nicht existent, da er nur in Form der Ausgedehntheit materieller Dinge und deren Nebeneinander existiert. Wie die Zeit ist er »An-sich« nichts. Und das gilt unabhängig von der Frage, ob der Raum etwas objektives ist, oder wie Kant meint etwas von uns in die Welt hineingetragenes. (Ich will aber nicht behaupten, dass meine Raumvorstellung mit der der Relativitätstheorie überein-stimmt.) Oder ist auch hier eine dialektische Sicht sinnvoll? Der Raum ist identisch und gleichzeitig nicht identisch mit den in ihm befindlichen Dingen? Auch hier scheint die Dialektik an ihre Grenzen zu kommen. Zurück zum Haupt-text
Anm. 36: Aus den Bewegungen und den Regelmäßigkeiten in diesen Bewe-gungen entsteht etwas, das es ohne Bewegung nicht gäbe. Wie in der Natur so in der Gesellschaft: Ohne Bewegung keine Existenz. Für andere Philosophen sind Dinge wie Gesellschaft, Familie u. ä. Beziehungsgeflechte. Die Relationen schaffen letztlich alles. Ein interessanter Gedanke. Bewegung und ihre Regel-mäßigkeiten sind für mich aber vorrangig. Zurück zum Haupttext
Anm. 37: Dieses Problem besteht nach dem 14. Kapitel sowieso nicht mehr. Denn dialektisch betrachtet sind Ich und Nicht-Ich, Subjekt und Objekt relative Begriffe. Ihre konkrete Bedeutung ist immer nur aus dem Zusammenhang ersichtlich. Zurück zum Haupttext
Anm. 38: Die Sprache ist aller Wahrscheinlichkeit nach entstanden, um im praktischen Leben mit anderen Menschen zu kommunizieren und gemeinsames praktisches Handeln zwecks Erreichung von Zielen zu ermöglichen. Nicht aber um mit ihr objektive Wahrheit zu erkennen. Einige Philosophen meinen, dass wir nur soviel erkennen können, wie unsere Sprache zulässt, z. B. Wittgenstein. Zurück zum Haupttext
Anm. 39: Als ich diesen Text erstmals schrieb, war ich noch Student, bekam aber kein BAföG mehr. Mein einziges Einkommen kam aus Nebenjobs, die ich mir fast immer, wenn das Geld knapp wurde, neu suchen musste. Oft wusste ich nicht, wie ich in den nächsten Tagen Lebensmittel kaufen oder in der nächste Woche die Miete bezahlen sollte. In meinem Tagebuch aus dieser Zeit finden sich Eintragungen wie: »Ich habe noch 13 Pfennig und sieben Kilo Übergewicht«. Als ich mir aber Gedanken machte über die Grundgruppen meiner Erlebnisse und die negativen Gefühle, da habe ich »Sorge« und »Angst« schlicht und ergreifend vergessen. Das mag man mir als mangelnde Sensibilität, als eingeschränktes Erkenntnisvermögen auslegen. Es ist aber auch mindestens genauso stark ein Hinweis darauf, dass ich eine andere Mentalität, Gemütsver-fassung und Lebenseinstellung habe, als
Kierkegaard,
Heidegger,
Sartre und andere Vertreter der AVTer-Philosophie. (Angst, Verzweiflung, Tod.) Mit diesen Philosophen und den mit ihren Namen verbundenen philosophischen Denkrichtungen hatte ich mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht näher beschäf-tigt, sonst wären diese Gefühle erwähnt worden. Denn es ist ja nicht so, dass ich nie Angst hätte oder mir nie Sorgen machen würde. Aber diese Gefühle dermaßen in den Mittelpunkt des Philosophierens zu stellen, wie es die eben erwähnten Philosophen getan haben, das wäre mir nie eingefallen. Zum Vergleich: Popper war in den 20er Jahren als junger Volksschullehrer sehr arm und er musste später immigrieren, da er als Jude und als konsequenter Verfechter von Demokratie und Toleranz von den Nazis umgebracht worden wäre. (Ein Problem, dass der sich so sehr sorgende Heidegger als »Arier« und NSDAP-Mitglied nicht hatte.) Trotzdem spielt auch in Poppers Philosophie Angst und Sorge bei weitem nicht die Rolle, wie bei den oben erwähnten Philosophen. Zurück zum Haupttext
Anm. 40: Das bezieht sich aber auch auf Wahrnehmungen, soweit diese in mir verschiedene Gefühle auslösen. Hiermit hängt auch zusammen, das Glück sowohl etwas Subjektives, wie etwas Objektives sein kann. (Näheres im 16. Kapitel.) Es gibt die durchaus überlegenswerte These, dass der Mensch erst mit dem Leid wächst, dass das Leid, die Entsagung die Voraussetzung für die Erringung neuer Erkenntnisse und letztlich der Erlösung sei. Z. B. einige (fern)östliche Religionen (Buddhismus, Brahmanismus) sehen das so. Nach
Nietz-sche führt nur Leid zur Erhöhung der Menschen. Auch die dialektische These, dass sich nur dort etwas bewegt, wo ein Widerspruch vorhanden ist, gehört hier her. Der Stoizismus fordert allen Ereignissen, sowohl den positiven wie den negativen, mit Leidenschaftslosigkeit und Gelassenheit zu begegnen. Ich lehne solche Auffassungen nicht grundsätzlich ab, aber ich bin bisher bei allen Überlegungen zu dem Ergebnis gekommen, dass ich es vorziehe,
Epikureer zu sein. Und die Epikureer sehen das Ziel des Lebens in der Erreichung von Lust und der Vermeidung von Unlust. Man sollte allerdings wissen, dass Epikur nicht, wie häufig angenommen, in einer hemmungslosen materiellen Bedürfnisbefriedi-gung den Sinn des Lebens sah. Für ihn war die höchste Stufe der Lust das philosophische Erkennen, ohne dass er deshalb die materielle Bedürfnisbe-friedigung verschmähte. (Vorländer 1, S. 262ff) Zurück zum Haupttext
Anm. 41: Was die Kausalität anbetrifft bin ich einer Meinung mit Hume (mit dem ich noch viele andere Gemeinsamkeiten habe). Nach Hume können wir Sub-stanz und Kausalität nicht wahrnehmen. Ein innerer Zwang führt uns dazu anzu-nehmen, dass es Substanz und Kausalität gibt. Wer dies aber verabsolutiert, behauptet mehr zu wissen, als er wissen kann. Kant, der von sich sagte, er sei von Hume aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt worden, fällt mit seinem
»Ding an sich«, das er auch noch kausal herleitet, jedenfalls in diesem Punkt wieder hinter Hume zurück. An dieser Stelle eine Anmerkung zum Problem der Willensfreiheit: Es ist in der Philosophiegeschichte häufig behauptet worden, die menschliche Willensfreiheit existiere in Wirklichkeit gar nicht, da jeder Mensch in Kausalketten eingebunden sei und zwangsweise so handeln muss, wie er handelt. Freiheit sei nur subjektiver Schein, da wir die Kausalketten nicht kennen, uns ihrer nicht bewusst seien. Eine solche Auffas-sung ist das Ergebnis eines unkritischen Schließens vom Denken auf das Sein. Es ist durchaus möglich, dass der Mensch mit seinem innersten, elementar-sten, ursprünglichsten Kern in Seinssphären wurzelt, in denen die Kausalität nicht oder nicht durchgängig wirkt. Die Frage ob Willensfreiheit oder Determi-nation ist nicht beantwortbar. Beides ist denkmöglich. Das unmittelbare Erleben ist auch hier die einzige Sicherheit. Und ich erlebe keine Kausalität, wenn ich mich für dieses oder jenes entscheide. Die Heisenbergsche Unschärferelation will ich als Argument gegen die Kausalität nicht anführen, da es sich bei dieser These wohl um einen positivistischen Irrtum handelt. Wenn der Mensch im subatomaren Bereich die Kausalität nicht mehr feststellen, nicht mehr messen kann, dann bedeutet dies nicht automatisch, dass dort auch keine Kausalität ist. Da die Bestreiter der Willensfreiheit sich aber häufig auf die Naturwissenschaften berufen, ist es zumindest interessant und erwähnenswert, dass in der Quanten-physik und in der Chaosforschung nicht mehr von der durchgängige Determina-tion aller Ereignisse ausgegangen wird. Zurück zum Haupttext
Anm. 42: Mir ist es allerdings mehrfach gelungen »Klarträume« hervorzurufen. Das bedeutet, dass einem während des Träumens bewusst wird, dass man träumt. Ohne dabei zu erwachen. Allerdings waren diese Ereignisse so selten und kurz, dass sie zu längerem Philosophieren über die Differenz zwischen Traum und Realität nicht ausreichten. Zurück zum Haupttext
Anm. 43: Erst nach dem Verfassen dieses Textes habe ich erfahren, dass Russell auch eine solche Einteilung hat, und von
»Wissen durch Bekannt-schaft und Wissen durch Beschreibung« spricht. Zurück zum Haupttext
Anm. 44: Diese Aufzählung der wichtigsten Erlebnisgruppen ist wahrscheinlich nicht erschöpfend. Es ist durchaus möglich, dass ich hier einige wichtige Erlebnisgruppen vergessen habe. (Siehe
Anmerkung 39, »Sorge und Angst«.) Ich hätte an dieser Stelle auch vieles weitere aufführen können, das ich bei anderen Philosophen gelesen habe, z. B. die
Urteilsformen und Kategorien Kants aus der »Kritik der reinen Vernunft« oder einige der »Existenzialien«
Heideggers aus »Sein und Zeit«. Aber dann hätte ich hier nicht mehr meine Philosophie wiedergegeben, sondern das, was andere erdacht haben. Und das will ich gerade nicht machen. In den philolex-Beiträgen zu diesen beiden Philosophen findet man darüber näheres.) Zurück zum Haupttext
Anm. 45: Auch hier habe ich im Nachhinein erfahren, dass es in der Philosophie eine ähnliche Position bereits gibt: Den Evidentialismus. Nach ihm ist es unver-nünftig und falsch, an etwas zu glauben, das nicht entweder gut bewiesen oder offensichtlich richtig, d. h. »evident« ist. Russell, ein Vertreter des Evidentialis-mus, wurde einmal gefragt, was er sagen würde, wenn er nach seinem Tode ei-nem Gott begegnen würde, der ihn fragen würde, warum er nicht an ihn geglaubt habe. Darauf antwortete Russell: »Zu wenig Evidenz, Gott. Einfach zu wenig Evidenz.« Mein Ausschließungsverfahren ist eine Art »negativer Evidentialis-mus«. Dialektisch gesehen ist jede Negativ-Aussage im Umkehrschluss auch eine Positiv-Aussage. Zurück zum Haupttext
Anm. 46: Siehe den philolex-Beitrag zu
Platon. Zurück zum Haupttext
Anm. 47: Siehe den philolex-Beitrag zu
Fromm. Zurück zum Haupttext
Anm. 48: Siehe den philolex-Beitrag zu
Feuerbach. Zurück zum Haupttext
Anm. 49: Auf zwei weitere meines Erachtens nach überlegenswerte Methoden objektive Wahrheiten zu erkennen, möchte ich noch kurz hinweisen. Die »Phä-nomenologische Methode« Husserls, die auch die Existentialisten verwenden und die »Philosophie der Wirklichkeitsnähe« von Reininger sind vom Ausgangs-punkt her genau das, was ich möchte: Das unmittelbare Erleben zum Ausgangs-punkt des Philosophierens machen. Im weiteren Verlauf kann ich dann allerdings mit diesen Philosophen in vielen Punkten nicht mehr übereinstimmen, wie ich in den philolex-Beiträgen zu ihnen näher erläutert habe. Zurück zum Haupttext
Anm. 50: Zitiert nach Störig 1, S. 568. Siehe auch den philolex-Beitrag zu William James. Über die Beschränktheit des menschlichen Erkenntnisvermö-gens aus evolutionstheoretischer Sicht hat sich Hoimar von Ditfurth häufig geäu-ßert, besonders kompakt im Kapitel Die Welt ist nach oben offen in seinem Buch Innenansichten eines Artgenossen. (Ditfurth 3) Er zeigte dort auf, dass wir eine Durchgangsphase der Evolution sind, und dass qualitative höhere intel-lektuelle Niveaus möglich sind, als die Menschen erreichen können. Das Kapitel endet mit der wichtigsten Aussage, die Ditfurth nach meiner Auffassung gemacht hat: »Vor allem aber möchte ich unterstreichen, dass mein Argument die Erschließung neuer Welthorizonte im Falle einer evolutiven Weiterentwick-lung über die bis heute biologisch verwirklichten kognitiven Funktionen hinaus prinzipiellen Charakter hat: Es gilt völlig unabhängig von der Frage, ob es dazu auf diesem Planeten kommen wird. Wenn, das ist alles, was ich behaupte, uns haushoch überlegene Lebensformen die Welt betrachteten, dann würden sie mit ihren den unsrigen so weit überlegenen Erkenntnisapparaten jenseits der Grenzen des uns zugänglichen Weltbildes gewiss nicht auf lauter weiße Flecken stoßen, sondern auf Eigenschaften der objektiven Realität, die für uns unwahr-nehmbar, unvorstellbar und unausdenkbar sind. Die Welt ist oberhalb der von uns erreichten Stufe der Erkenntnis nicht zu Ende. Sie ist nach oben offen. Die gegenteilige Annahme wäre Ausdruck anthropozentrischer Vermessenheit rein-sten Wassers, vergleichbar nur mit dem jahrtausendelang die Köpfe der Men-schen beherrschenden Wahn, sie befänden sich mit ihrer Erde im Mittelpunkt des ganzen Weltalls.« Zurück zum Haupttext
Anm. 51: Im Verlaufe der Geistes- und Wissenschaftsgeschichte ist es nicht nur vorgekommen, dass unbeantwortbare Fragen beantwortbar wurden, sondern es ist auch passiert, dass vor dem Hintergrund neuer Erkenntnisse unbeant-wortbare Fragen sich als sinnlos herausgestellt haben. »How deep is the ocean? How high is the sky?« heißt es in einem alten amerikanischen Schlager. Die erste Frage ist inzwischen beantwortbar wenn man sie präzisiert: Welcher Ozean an welcher Stelle. Die zweite Frage hat sich als sinnlos herausgestellt. (Für Leser, die kein oder nur wenig Englisch können: »Wie tief ist der Ozean? Wie hoch ist der Himmel?« Im Englischen gibt es für unser Wort »Himmel« zwei Worte: 1. »sky« für den tatsächlichen Himmel über uns, das Blaue da oben. 2. »heaven« für den Himmel im religiösen Sinne.) Zurück zum Haupttext
Anm. 52: Diejenigen Radikalen Konstruktivisten, die davon ausgehen, dass unabhängig von ihnen nichts ist, haben genau das Problem, dass sie alle Kunst-werke, wissenschaftliche und philosophische Systeme etc. selbst schaffen, in dem Moment, wo sie Kenntnis von ihnen bekommen. Das ist nicht plausibel. Die Radikalen Konstruktivisten, die davon ausgehen, dass es eine objektive Realität gibt, ich aber nichts über sie wissen kann, umgehen dieses Problem, verstoßen damit aber gegen ihren eigenen Grundsatz. Sie machen Aussagen über die von ihnen unabhängige Realität. Zurück zum Haupttext
Anm. 53: Nach
Fichte setzt sich das Ich in einem vorbewussten Stadium ein Nicht-Ich entgegen, um einen Widerstand zu haben, an dem es tätig werden kann. Zurück zum Haupttext
Anm. 54: In der Frage der Welt (einschließlich der Zeit) und der anderen Menschen habe ich eine Position wie
Hume in den Fragen der Kausalität und der Substanz: Ich kann nicht wahrnehmen, dass die Welt unabhängig von mir existiert. Ich kann nicht wahrnehmen, dass mein Mitmensch wie ich ein bewusst erlebendes Subjekt ist. Ein innerer Zwang führt mich dazu, anzunehmen, dass die Welt unabhängig von mir existiert, und dass mein Mitmensch ein bewusst erlebendes Subjekt ist. Aber wenn ich dies verabsolutiere, dann behaupte ich mehr zu wissen, als ich wissen kann. Aber genauso wie Hume im praktischen Leben Substanz und Kausalität bestehen lässt, genauso lasse ich die Welt und die Mitmenschen im praktischen Leben als unabhängig von mir existierend bestehen. Und wer im praktischen Leben etwas anderes zu Grunde legt, der gehört, da bin ich ganz der Meinung Schopenhauers, ins Tollhaus. An dieser Stelle ist mir des Öfteren die Frage gestellt worden (die man als Philoso-phierender sowieso häufig hört), wozu denn nun die ganze Gedankenakrobatik, diese intellektuelle Spielerei (oder Spinnerei), wenn sich bezogen auf das prakti-sche Leben sowieso nichts ändert? Darauf antworte ich: 1. Eine Erkenntnis zu haben, muss nicht bedeuten, auch etwas von dieser Erkenntnis zu haben. Eine Erkenntnis hört nicht auf eine Erkenntnis zu sein, nur weil man im praktischen Leben nichts von ihr hat. (»Der Wissenschaftler findet seine Belohnung in dem, was Poincaré die Freude am Verstehen nennt, nicht in den Anwendungsmöglich-keiten seiner Erfindung.« Einstein) 2. Die Erkenntnis, dass vieles, was wir im täglichen Leben mit Selbstverständlichkeit als richtig voraussetzen, letztlich Vermutungen sind, hat aber durchaus eine praktische Bedeutung. Dogmatismus und Fanatismus haben weit mehr Elend über die Menschheit gebracht als Bösartigkeit. Die Erkenntnis vom Vermutungscharakter unseres Wissens kann davor schützen, ein philosophischer, religiöser, politischer oder sonstiger Fanati-ker zu werden. Es kann Toleranz und Lernbereitschaft fördern. Es gibt auch viele Menschen, besonders im naturwissenschaftlich-technischen Mittelbau trifft man solche häufig an, die ganz naturwüchsige
Materialisten oder Positivisten sind, sich aber ihrer Entscheidungen in erkenntnistheoretischen und philosophi-schen Fragen gar nicht bewusst sind, da sie sich mit Philosophie nicht ausken-nen. Häufig weigern sie sich sogar ausdrücklich, sich überhaupt mit Philosophie zu beschäftigen. Nicht, was völlig legitim wäre, weil es nicht ihr Interessensge-biet ist, sondern, weil sie meinen, Philosophie sei Kokolores, überflüssig. Statt an irgendwelche »Spekulationen und Spinnereien« halten sie sich an das, was »beweisbar« ist. Wer so denkt, dem halte ich entgegen: Vieles, was wir im prak-tischen Leben als richtig voraussetzen, ist in überhaupt keiner Weise beweisbar! Wir setzen es als richtig voraus, weil wir es als richtig voraussetzen wollen, in der Regel, weil wir es einfach so gewöhnt sind. Der »Tatsachensinn«, den viele (nur) naturwissenschaftlich-technisch denkende Menschen glauben den Philoso-phen vorauszuhaben, entpuppt sich so als mangelnde Sensibilität für die Tatsa-che, dass ihr Wissen zu einem beträchtlichen Teil aus Vermutungen besteht. Zurück zum Haupttext
Anm. 55: In diesen Zusammenhang möchte ich auch gleich erwähnen, warum mich Poppers Überwindung des Skeptizismus, trotz Ähnlichkeiten zu meinem Ausschließungsverfahren, nicht überzeugt. Popper meint, dass wir in einem Prozess der ständigen Fehlersuche versuchen sollten, unsere Theorien zu widerlegen, zu falsifizieren. Wenn wir eine Theorie falsifiziert haben, ersetzen wir sie durch eine neue, die den Fehler der alten Theorie vermeidet. Damit haben wir zwar keine Wahrheit, denn wir werden sofort versuchen, auch diese neue Theorie zu falsifizieren, was uns früher oder später wahrscheinlich auch gelingen wird, aber wir haben uns durch die Überwindung des Fehlers der Wahrheit angenähert. Poppers Antwort auf das Erkenntnisproblem: »Die Antwort ist nicht pessimis-tisch, relativistisch oder skeptisch: sie zeigt, dass wir von unseren Fehlern lernen können. Eine Annäherung an die Wahrheit ist möglich. Das war meine Antwort auf den erkenntnistheoretischen Pessimismus. Aber ich gebe auch eine Antwort auf den erkenntnistheoretischen Optimismus: Sicheres Wissen ist uns versagt. Unser Wissen ist ein kritisches Raten; ein Netz von Hypothesen, ein Gewebe von Vermutungen.« (Popper 5, S. XXV) Ich sehe das nun so, dass die Tauglichkeit des Falsifikationsprozesses selbst schon nur eine relative und praktische Wahrheit ist. Auch der Falsifikationsprozess benötigt eine Basis oder einen Bezugsrahmen, deren Elemente ich bezweifeln könnte (z. B. die Richtig-keit meiner Erinnerungen und die Tauglichkeit meines Verstandes). Die Falsifika-tionsmethode ist im praktischen Leben und in vielen Wissenschaftsbereichen sehr wertvoll (und jedem Dogmatismus vorzuziehen, der nur das wahrnimmt, was seine Behauptungen verifiziert), aber durch die Falsifikation von relativen und praktischen Wahrheiten erlange ich keine Gewissheit, mich objektiver Wahrheit genähert zu haben. Wenn unser Wissen letztlich ein Gewebe von Vermutungen bleibt, dann kann ich auch nur vermuten, mich der Wahrheit angenähert zu haben. Dass Falsifikation auch wiederum verifiziert werden muss, hat auch Popper später eingestanden. Das dialektische Verhältnis zwischen Verifikation und Falsifikation sieht Popper, wegen seiner all zu oberflächlichen Ablehnung der Dialektik, allerdings nicht. Eine Annäherung an objektive Wahrheit ist nach meiner Auffassung nur möglich, wenn das Falsifikationsprinzip in abgewandelter Form in den Bereich der Philosophie und Religion übertragen wird. Dort wird aber nicht im wissenschaftlichen Sinne widerlegt, dort werden mit unmittelbarer Gewissheit Aussagen als naiv verworfen. Man lässt bestimmter Aussagen hinter sich, nach vorne aber ist es offen. Näheres im 2. Teil meines Essays
»Gedan-ken zur Erkenntnistheorie«. Zurück zum Haupttext
Anm. 56: Beispiel: Jeden Morgen geht die Sonne auf und Abends geht sie unter. Für Milliarden von Menschen ein tausendfach erlebter Tatbestand. Grundlage für erfolgreiches praktisches Handeln. Daran Zweifel zu üben, ist für praktisch veranlagte Menschen »Dummes Zeug«. Ein Mensch, der hieraus eine absolute oder objektive Wahrheit macht, wird Probleme haben, wenn er nach Lappland kommt. (Im Zusammenhang mit der
buddhistischen Lehre von den niederen und den höheren Wahrheiten habe ich mich mit der Wahrheit des Sonnenauf- und -untergangs näher beschäftigt.) Dass erfolgreiches Handeln kein Beweis für die Richtigkeit der diesem Handeln zu Grunde liegenden Vermutungen ist, habe ich im philolex-Beitrag Evolutionäre Erkenntnistheorie näher ausgeführt. Zurück zum Haupttext
Anm. 57: Die Rotverschiebung des Lichts entfernter Galaxien wird von einer Minderheit unter den Physikern als Ermüdung des Lichts gedeutet, nicht als Zeichen dafür, dass sich diese Galaxien von uns entfernen. In früheren Fassun-gen dieses Textes stand hier, dass die Urknallhypothese ein moderner Schöp-fungsmythos sei. Diese Behauptung halte ich aber inzwischen für falsch. Eine
Hypothese ist eine auf der Grundlage von Beobachtungen und Überlegungen (Empirie und Ratio) gebildete Vermutung. Sie wird auf der Basis von Indizien aufgestellt. Ein
Mythos wird »gebildet in der absichtslos dichtenden Sage«, wie D. F. Strauß es genannt hat. Der Mythos ist das Ergebnis des menschli-chen Einbildungsvermögens, des fabulierenden Verstandes. Sowohl der Mythos wie die Hypothese können Wahrheit enthalten oder aber auch völlig neben den Tatsachen liegen. Aber schon auf Grund des unterschiedlichen Zustandekom-mens gibt es für Hypothese und Mythos völlig zu recht zwei verschiedene Wörter. Darüber hinaus ist das Aufstellen von Hypothesen eine höhere Erkennt-nisart als das Erfinden von Mythen. Sonst wäre die Evolutionstheorie und das 1. Buch Mose tatsächlich qualitativ gleichwertig. In einigen Bundesstaaten der USA ist dies Grundlage der Bildungspolitik. Nach meiner Auffassung eine unzu-lässige Vermischung von Mittelalter und aufgeklärter Gegenwart. Zurück zum Haupttext
Anm. 58: Wenn Sokrates vom »Gott in meiner Brust« spricht, Platon über den Eros, die Liebe zur Idee des Guten vorstößt und wenn Aristoteles sagt, wir wüssten mit dem »Auge der Seele« um das Gute, dann sind dies lediglich andere Formulierung für
»Gefühlsethik«. In neuerer Zeit wird diese ethische Position
»Emotivismus« genannt. Zurück zum Haupttext
Anm. 59:
Kant behauptet, der Wille sei unmittelbar durch das moralische Gesetz bestimmbar. Das kann ich nicht nachvollziehen. Kants Grundgesetz der praktischen Vernunft lautet (wie im 5. Kapitel schon kurz angesprochen): »Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.« (Kant 2, S. 140) Dieses Gesetz passe wegen seines bloß formalen Charakters auf jeden beliebigen Inhalt. Kann ich wollen, dass alle Menschen stehlen? Kann ich wollen, dass alle Menschen lügen? Das kann ich nicht wollen, also unterlasse auch ich es. Da frage ich dann: Kann ich wollen, dass alle Menschen Philosophieprofessoren werden? Kann ich natürlich nicht wollen, denn es sind für das Funktionieren einer arbeits-teiligen Gesellschaft auch noch andere Berufe nötig. Trotzdem werden einzelne Menschen Philosophieprofessoren. Kann ich wollen, dass alle Menschen Kauf-leute oder Fabrikanten werden? Natürlich nicht. Denn es muss ja auch noch Leute geben, die die Lebensmittel herstellen, die wichtige Dienstleistungen erbringen. Ich kann nicht wollen, dass alle Menschen auf Kosten der Arbeit anderer Menschen leben, weil ich einsehen kann, dass das überhaupt nicht funktionieren würde. Trotzdem leben in der Realität viele Menschen auf Kosten anderer und dazu noch völlig legal. Und genauso kann ich nicht wollen, dass alle Menschen ständig und nur stehlen und lügen, weil ich erkennen kann, dass ein Zusammenleben in der Gesellschaft dann unmöglich würde und ich der Vorteile, die das Leben in der Gesellschaft mit sich bringt, verlustig gehen würde. D. h. aber nicht, dass ich nicht zum persönlichen Vorteil gelegentlich stehlen und lügen werde, wie die meisten anderen Menschen auch. So funktioniert die Welt. Ein gewisses Maß an Regelverstößen kann die Gesellschaft verkraften und muss sie auch verkraften können, weil wir eine Gesellschaft ohne Regelver-stöße nicht haben und nicht bekommen werden. Der kantische kategorische Imperativ ist nichts anderes als der etwas intellektuell eingekleidete fromme, naive und weltfremde Spruch: »Was du nicht willst, das man dir tut, das füge auch keinem anderen zu.« Die legale Ausbeutung im Produktionsprozess und die legale Art der Gewinnmachung im Handel oder durch Spekulationen der verschiedensten Art ist auch eine Art Stehlen. Und bisher sind alle Versuche an Stelle solcher gesellschaftlicher Verhältnisse andere zu setzen, gescheitert. Kant behauptet, dass er im Gegensatz zu anderen Philosophen kein Moralprin-zip erfinde oder aufstelle, sondern lediglich das aufdecke, was jeder Mensch in sich selbst vorfinden könne, wenn er auf die Stimme seines Gewissen höre. Das bezweifle ich aber sehr. Das, was Kant »Gewissen« nennt, kann man auch als das ihm anerzogene
»Über-Ich« interpretieren. Andere Menschen, besonders die zu anderen Zeiten und in anderen Kulturkreisen aufgewachsen sind, aber auch Menschen, die einfach nur unter anderen Lebensumständen großgeworden sind, z. B. als Kinder armer Leute oder als Kinder von Kriminellen usw., werden in sich möglicherweise anderes vorfinden als Kant in sich vorfand. Für solche Menschen ist der kategorische Imperativ Kants eben doch eine von außen her-angetragene Forderung. Kant behauptet, die praktische Vernunft zwinge uns dazu, die Freiheit des Willens anzunehmen. Nicht etwa »Du sollst, denn du kannst!«, sondern »Du kannst, denn du sollst!« Wenn man davon ausgeht, dass der Mensch der Schöpfer der Naturgesetze ist, dass es in der Sphäre des »Dings an sich« keine Kausalität gibt, dann ist eine solche Einstellung folgerichtig. Die innere Konsistenz ist gewahrt. Trotzdem halte ich diese Einstellung für verrückt. In Anlehnung an diese kantische Formulierung habe ich den Satz kreiert: »Du musst, denn Du willst!« Die letzten Ziele unseres Handels sind von unserem Willen gesetzt. Die Vernunft kann nur Teilziele festlegen. Die Vernunft kann mir z. B. nicht nur sagen. »Lebe!« Die Vernunft könnte mir auch sagen: »Sterbe! Dann hast du's hinter dir. Früher oder später stirbst du ja sowieso. Wozu die ganze Plagerei?« Ich will leben. Ich will bei guter Gesundheit ein hohes Alter erreichen. Wenn ich das aber will, dann muss ich bestimmte Dinge tun, die mein Verstand mir rät. So ist es auch mit anderen Zielen. Also nicht »Du kannst, denn Du sollst!« Auch nicht »Du sollst, denn Du kannst!« Nein. »Du musst, denn du willst!« Aber wenn du nicht willst, dann musst du auch nicht. Zurück zum Haupttext
Anm. 60: Bei dieser Auffassung bin ich auch stark beeinflusst worden von
Erich Fromm. In seinem Buch Die Seele des Menschen Ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen wendet er sich zwar gegen die sentimentale und gefährli-che Auffassung, dass der Mensch von Natur aus gut sei und bezeichnet ihn als widersprüchliches Wesen, es ist aber auch erkennbar, dass er die Bedürfnisse nach Liebe, Produktivität u. ä. als die primären ansieht. Dies wird besonders deutlich an der Stelle, wo er sich mit der
Freudschen Theorie des Lebens- und Todestriebs beschäftigt. (Fromm 2, S. 189) Die Menschen bilden in ihrer Kindheit eine psychische Struktur heraus, die ihnen zur 2. Natur wird und die später fast so schwer änderbar ist, wie die 1. Natur. Das kann dazu führen, dass Menschen, die alle Möglichkeiten haben sich primäre Bedürfnisse zu befriedi-gen, trotzdem sekundäre Bedürfnisse befriedigen. Sie sind in ihrer Kindheit so sehr kaputt gemacht worden, dass sie die primären Bedürfnisse nicht mehr als die primären empfinden können. Wenn das, was ich »primäre Bedürfnisse« nenne, nicht bei den meisten Menschen tatsächlich primär wäre, dann ließe sich nicht erklären, warum es einen ethischen Fortschritt in der Geschichte gibt. Die Dominanz der »primären Bedürfnisse« in einem Menschen schließen aber in keiner Weise aus, dass sich ein solcher Mensch sehr egoistisch verhalten kann. So soll das nicht verstanden werden! Man kann nämlich ganz egoistisch nach Befriedigung dieser Bedürfnisse streben, ohne viel darauf zu achten, ob andere Menschen sich diese Bedürfnisse auch befriedigen können. Insbesondere schließt die Dominanz der primären Bedürfnisse Konkurrenzkämpfe nicht aus. Im 17. Kapitel gehe ich auf den Egoismus näher ein. Zu recht ist mir entgegnet worden, dass es ein Bedürfnis gibt, das noch vor den »primären Bedürfnissen« steht: Sich einfach im Sein zu behaupten, zu (über)leben. Und daraus leiten sich wieder konkrete Bedürfnisse ab, dass man atmet, isst, sich kleidet, Unterkunft hat etc. Mit Ausnahme der Luft zum atmen mussten sich die Menschen die anderen lebensnotwendigen Dinge wie Nahrung, Kleidung, Unterkunft etc. erar-beiten, weshalb
Marx das Wesen des Menschen darin sieht, dass er arbeitet, dass er sein Leben produziert. Der Mensch produziert sein Leben aber nicht als Einzelgänger, sondern in der Gruppe. In der Regel brauchte der Mensch die Gruppe zum Überleben, bzw. in der Gruppe hatte er eine größere Chance zu überleben und sich fortzupflanzen. Das ist auch eine interessante Erklärungs-möglichkeit dafür, warum die Bedürfnisse nach Liebe, Geselligkeit und Produkti-vität die primären sind gegenüber Hass, Ungeselligkeit und Destruktivität. Zurück zum Haupttext
Anm. 61: Als das Problem des ethischen Relativismus zum ersten Mal in der abendländischen Philosophie in aller Schärfe aufgeworfen wurde, nämlich bei den Sophisten, da zeigte Sokrates fast gleichzeitig auch den einzigen Weg, diesen Relativismus zu überwinden. Sokrates, der in manchem den Sophisten glich, fühlte in sich eine Stimme (»Der Gott in meiner Brust.«), die ihn dazu trieb, das Gute zu tun und das Schlechte zu lassen. Wenn man einmal die Frag-würdigkeit aller angeblich objektiven Maßstäbe und aller von außen kommenden Forderungen erkannt hat, dann gibt es keinen anderen Weg mehr, als die Grund-lagen seiner Ethik entweder in sich selbst zu finden, oder überhaupt keine zu haben. Das Verhältnis der Vernunft zur Ethik ist ambivalent. Auf der einen Sei-te kann Vernunft nicht unmittelbar Ethik begründen, sie kann nicht entscheiden, ob ein bestimmter ethische Grundsatz bzw. eine bestimmte ethische Forderung richtig oder falsch ist. Ethische Grundsätze gehen immer aus dem Gefühl hervor. Auf der anderen Seite lässt sich nachweisen, je höher die Vernunft, die Bildung, das Einsichtsvermögen etc. in einem einzelnen Menschen oder in einer Men-schengruppe entwickelt ist, um so höher ist tendenziell auch die Ethik dieses Menschen oder dieser Menschengruppe. (Lediglich tendenziell, weil rein zahlen-mäßig viele Gegenbeispiele genannt werden können. Prozentual fallen diese aber nicht ins Gewicht.) Zwischen Vernunft und Ethik scheint es also einen Zusammenhang zu geben, wenn auch keinen unmittelbaren. Zurück zum Haupt-text
Anm. 62: Wenn es lediglich ums Glück ginge, egal um welches, dann wäre der Mensch mit den geringsten und niedrigsten Bedürfnissen der potentiell glücklich-ste. So wie Woody Allen in seinem Film Die letzte Nacht des Boris Gruschenko über den Dorftrottel sagt: »Es ist leicht zufrieden zu sein, wenn das einzige Problem, das man hat, darin besteht, wohin man seine Spucke tropfen lässt.« Von Sokrates dagegen ist überliefert: »Ich bin lieber ein unglücklicher Sokrates als ein zufriedenes Schwein.« Ein Satz, mit dem ich mich voll identifizieren kann. Das Streben nach Wahrheit und das Streben nach Glück müssen nicht notwendigerweise in Widerspruch zu einander stehen, schon alleine deshalb, weil man die Erkenntnis der Wahrheit als das höchste Glück ansehen kann. Dort allerdings, wo Wahrheit und Glück in Widerspruch zu einander geraten, dort entscheide ich mich für die Wahrheit und gegen das Glück. Zurück zum Haupt-text
Anm. 63: Als mir klar wurde, dass ich die Menschen, die Millionen Juden vergast oder Atombomben auf Städte abwerfen ließen, nur von der Basis meiner subjektiven Bedürfnisse aus verurteilen kann, war dies zuallererst einmal ein Schock. Es war keine angenehme Erkenntnis. In meinem ca. vier Jahre nach diesem Text geschriebenen Aufsatz
»Gedanken zur Erkenntnistheorie« habe ich die Behauptung aufgestellt, dass es eine Rangordnung der ästhetischen Anschauungen gibt, die eine überindividuelle Gültigkeit hat. Analog dazu müsste es wohl auch eine ethische Rangordnung geben, die eine überindividuelle Gültigkeit hat. Ich bin mir aber bis heute nicht sicher, ob das so ist. Zurück zum Haupttext
Anm. 64: Es gibt Philosophen und Schriftsteller, die meinen, ethische Werte, Gesetze, Menschenrechtskataloge u. ä. seien lediglich die Erfindungen der Schwachen und Minderwertigen, um damit die Starken und Fähigsten zu bändigen. Sie plädieren für das Recht des Stärkeren auch in der menschlichen Gesellschaft. (Z. B.
Heraklit, einige der Sophisten, De Sade, Stirner und Nietzsche.) In der Natur herrscht der Stärkste, es gibt dort kein Recht und kein Unrecht, keine Humanität, kein Mitleid usw. Aber wer soetwas auch für die menschliche Gesellschaft fordert, der reduziert den Menschen auf ein Tier! Der Mensch ist nicht nur ein Naturwesen. Er verfügt nicht nur über ein intensiveres Bewusstsein und eine höhere intellektuelle Leistungsfähigkeit als die Tiere, son-dern er ist auch ein Kulturwesen. Er hat im Laufe der vergangenen Jahrtausende Gefühle wie Mitleid, Solidarität mit Schwächeren, Hilfsbereitschaft, Verantwor-tungsgefühl für die Gemeinschaft u. ä. entwickelt. Hervorragende Persönlichkei-ten und Denker, die sich auf Grund ihrer Fähigkeiten durchaus auch erfolgreich für den knallharten Egoismus hätten entscheiden können (und nicht etwa die Schwachen und die Dummen), haben ethische Systeme begründet, Staatsver-fassungen entwickelt etc. Und dies war keine Degeneration, sondern im Gegen-teil eine außerordentliche und (jedenfalls für mich) unverzichtbare Kulturleistung. Man sollte sich aber auch darüber im Klaren sein, dass der neugeborene Mensch noch kein Kulturwesen ist. Dazu wird er erst im Verlaufe seiner Soziali-sation. Der Einzelne muss in seiner Entwicklung individuell das nachholen, was die Gattung Mensch in ihrer Kulturentwicklung hervorgebracht hat. Ich stehe deshalb der Auffassung, dass der Mensch von Natur aus gut sei sowie Vorstel-lungen von »antiautoritärer Erziehung«, äußerst skeptisch gegenüber. Da der Mensch trotz seiner Vernunft und seiner Kultur auch Naturwesen ist, besteht immer die Gefahr, dass das kulturell Erworbene wieder verloren geht. Die Verbrechen während der Nazizeit sind ein schrecklicher Beweis dafür, zu was Kulturnationen fähig sind! Außerdem hat kein Mensch eine selbstverständliche Pflicht, sich an kulturell hervorgebrachte ethische Werte zu halten. Zurück zum Haupttext
Anm. 65: Dieser Vergleich ist sehr naheliegend und wurde deshalb schon oft gestellt, z. B. von Karl Popper. Auch von Ernst Haeckel: »Die Früchte vom Baume der Erkenntnis sind es immer wert, dass man um ihretwillen das Paradies verliert.« Christen werden diesen Satz und diese Berichte natürlich anders interpretieren. Zurück zum Haupttext
Anm. 66: Einen ähnlichen Vergleich bringt auch Sartre. Da mir inzwischen vorgeworfen wurde, ich hätte Sartre nicht richtig verstanden, möchte ich noch mal ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich hier meine philosophischen Über-zeugungen darlege, nicht die Sartres. Bei Sartre hat der Satz »Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt« eine andere Bedeutung als bei mir. Er lehnt es gerade ab, Freiheit als Bestimmungslosigkeit anzusehen. Ich hatte am Ende des 5. Kapi-tels schon einmal kurz darauf hingewiesen, dass ich im Unterschied zu Sartre Skeptizist bin. Sartre glaubt, beeinflusst durch die Phänomenologie Husserls, objektive Wahrheit erkennen zu können. »Zur Freiheit verurteilt« bedeutet bei mir, dass ich keine objektiven Maßstäbe für Ethik habe, und dass die subjekti-ven Maßstäbe unsicher sind, schwankend. Heute dominiere diese, morgen jene Gefühle. Und da ich Gefühlsethiker bin, ist meine Ethik von meinen Gefühlen anhängig. »Als du die Wahrheit suchtest, wonach sehnte sich da dein Herz? Nach deinem Herren!« (Stirner 1, S. 397) Bei Max Stirner ist das Nichtwissen die Voraussetzung der Freiheit. Ein Weg über die Vernunft, über die Kritik hin-aus, darf Vernunft und Kritik nicht aufheben, nicht rückgängig, nicht vergessen machen. Ein solcher Weg muss Vernunft und Kritik irgendwie beinhalten, ohne sie als höchst mögliche geistige Tätigkeit anzusehen. Der Weg zur Wahrheit kann für mich nicht darin bestehen, dass ich alles Wissen, was ich mir in vierzig Jahren erarbeitet habe, einfach wieder vergesse oder für Null und Nichtig ansehe. Wissenschaft und Philosophie sind wahrscheinlich nicht die höchste geistige Aktivität, die im Sein möglich ist, aber jeder über die Wissenschaft und Philosophie hinausgehende Weg muss Wissenschaft und Philosophie berück-sichtigen, muss Wissenschaft und Philosophie irgendwie umfassen. So wage die Ergebnisse von Wissenschaft und Philosophie auch sein mögen, wenn man einmal vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, wenn man einmal auf den Geschmack nach diesen Früchten gekommen ist, dann kann man sie nicht einfach wieder aufgeben und zur Einfalt des Kindes zurückkehren. Das können nur die, die Wissenschaft und Philosophie nie richtig kennengelernt haben, die ihren geistigen Wert nie erkannt haben. Zurück zum Haupttext
Anm. 67: Der philolex-Aufsatz »Kritik des philosophischen Materialismus« ist eine verkürzte Fassung dieses Kapitels. Zurück zum Haupttext
Anm. 68: Jede Energieart ist in jede andere Energieart umwandelbar, damit ist jede Materie in Bewegung auflösbar. Auch Innerhalb der Naturwissenschaft ist die Existenz der Materie, und sogar der Energie, inzwischen zunehmend umstritten. Sehen Sie dazu Hans-Peter Dürr. Für ihn ist unterhalb von Materie und Energie reines schwingen. Absichtlich kleingeschrieben! Im Quantenbereich gäbe es nichts, was ein Substantiv rechtfertigen würde. In der Physik ist Bewegung die Änderung des Ortes eines punktförmigen oder räumlich ausge-dehnten Gebildes mit der Zeit. In der Philosophie bedeutet Bewegung mehr, nämlich jede Art von Veränderung. Die unterschiedliche Bedeutung des Begriffs »Bewegung« in der Physik und der Philosophie führt des Öfteren zu Missver-ständnissen. Bei Hoimar von Ditfurth habe ich gelesen, dass implodierte Sonnen, sogenannte »Neutronensterne« oder »Schwarze Löcher« sich durch den Druck ihrer eigenen Schwerkraft immer mehr zusammenziehen. » ... der Neutronen-Stern zieht sich bis zu einem mathematischen Punkt, einem völligen Abstraktum, zusammen.« (Ditfurth 4, S. 280.) Und seine Materie verschwindet somit aus dem Universum. Diese Auffassung ist, wie ich inzwischen mehrfach zu hören bekommen habe, nicht unumstritten. Wenn man im Internet oder in populärwissenschaftlichen Zeitschriften liest oder in populärwissenschaftliche Fernsehsendungen etwas über Neutronensterne, Schwarze Löcher und die Zukunft des Universums sieht, bekommt man keine einheitliche Darstellung! Es gibt verschiedene astrophysikalische Theorien. Leider erwecken Professoren und Autoren häufig den Eindruck, die von ihnen vertretene Theorie sei die einzige, zumindest die einzig ernst zu nehmende. Welche Bedeutung den einzelnen Theorien zukommt, wie groß die Wahrscheinlichkeit ihrer Richtigkeit ist, kann und will ich nicht beurteilen. Dass das Universum aus dem Nichts gekommen ist, scheint die Mehrheitsmeinung zu sein, ist aber keineswegs unumstritten. Ob das Universum auch wieder verschwindet und wenn, auf welche Weise, ist ebenfalls umstritten. Aber schon die Vorstellung, dass das Universum aus dem Nichts entstanden ist, ist eine schlechte Grundlage für den Materialismus, unabhängig davon, ob es sich einst wieder im Nichts verflüchtigen wird. Zurück zum Haupttext
Anm. 69: Als
Marx und Engels im 19. Jahrhundert ihren dialektischen Mate-rialismus begründeten, da war auch ihr Materiebegriff noch identisch mit dem Materiebegriff der Naturwissenschaft. Abgesehen von der Dialektik gründeten sie ihren
Materialismus auf die alten Griechen
Leukipp und Demokrit, den Begründern der Atomtheorie. Mit den neuen naturwissenschaftlichen Theorien konfrontiert hat
Lenin zu Beginn des 20. Jahrhunderts versucht, den Materia-lismus dadurch zu retten, dass er den Materiebegriff neu definierte. Für Lenin ist alles Materie, was nicht menschliches Bewusstsein ist, also auch elektromag-netische Felder, Strahlungen, aber auch Gesetzmäßigkeiten und alles was in Zukunft noch entdeckt werden sollte. So wollte Lenin erreichen, dass der Materiebegriff nie veralten kann. Damit hat er aber den Materiebegriff soweit gefasst, dass er jeden Erklärungswert verliert! Dieser Materiebegriff war faktisch die Bankrotterklärung des Materialismus! Wenn alles Materie ist, was nicht menschliches Bewusstsein ist, dann wäre ein Gott oder eine wie auch immer geartete geistige Ursache der Welt per Definition eben Materie. Es gibt Religi-onen, z. B. der Brahmanismus, und philosophische Theorien, z. B. die von Meister Eckhart, Jacob Böhme und Spinoza, da wird das Ganze mit Gott gleichgesetzt. Aber ob man nun das Ganze »Gott« nennt oder »Materie«, dass macht inhaltlich keinen Unterschied mehr. Man rettet am Ende nur noch Wörter, aber nicht die damit ursprünglich mal verbundenen Weltanschauungen. Siehe hierzu auch
Anselms Gottesbeweis. Schlimm war aber nicht nur, dass die Leninisten eine nicht haltbare philosophische These verabsolutierte. (Wo offene Diskussion möglich ist, sind philosophische Leninisten bestenfalls im Promille-bereich vertreten.) Noch schlimmer war, dass man dort, wo sie die Macht hatten, keine andere philosophische Theorie vertreten durfte. Wer die leninistische Philosophie kritisierte, hatte mit Repressalien zu rechnen, z. B. Verweis von der Universität d. h. Unmöglichkeit einer akademischen Laufbahn , Gefängnis, während der Stalinzeit sogar Genickschuss. Zurück zum Haupttext
Anm. 70: In diesem Punkte bin ich einer Meinung mit
Henri Bergson. Die Entwicklung immer komplexerer Strukturen als Prozess blinden Zufalls, zufälli-ger Mutationen mit anschließenden Selektionen, wobei die Naturgesetze und die anderen Umweltbedingungen nur Auslesefaktoren, nicht aber auch gestaltende Faktoren sind, erscheint mir wie ein Wunderglaube. Hoimar von Ditfurth hat zu Beginn des Buchs
Im Anfang war der Wasserstoff eine plausiblere Erklärung angeboten. Ditfurth ist in seiner Argumentation nach meinem Empfinden aller-dings widersprüchlich. Interessant in diesem Zusammenhang ist die in den letzten Jahren sich entwickelnde Epigenetik. Die Gesetze, nach denen sich die Materie bewegt und sich mit anderer Materie verbindet, also die Naturge-setze, was für eine Existenz haben die? Sie existieren in der Form, in der sich die Materie bewegt, sind selbst aber keine Materie. Damit haben wir schon etwas immaterielles, lange bevor menschliches Bewusstsein auftauchte. Zurück zum Haupttext
Anm. 71: Hoimar von Ditfurth hat in seinem Buch Wir sind nicht nur von dieser Welt festgestellt, dass das Bewusstsein sich nicht aus einem evolutiven Druck heraus erklären lässt, denn es ist für das Funktionieren des menschlichen Körpers nicht notwendig. Alles, was Menschen machen, könnten sie ohne ein Wissen davon ebenso erledigen. Vieles in unserem Körper läuft sowieso unbewusst ab. (Ditfurth 2, S. 262275) Des weiteren ist zu fragen, ob sich die Entwicklung eines Gehirns, dass zu höherer Mathematik in der Lage ist, aus einem evolutiven Druck erklären lässt. Das leuchtet mir nicht ein. (Siehe hierzu auch
Vaihingers »Allgemeines Gesetz der Überwucherung des Mittels über den Zweck«.) Zurück zum Haupttext
Anm. 72: Sehen Sie hierzu auch das
»Leibnizsche Mühlengleichnis«. Zurück zum Haupttext
Anm. 73:
Descartes 1, S. 111f Zurück zum Haupttext
Anm. 74: Es wird seit einiger Zeit viel darüber diskutiert, ob ein Computer jemals denken wird wie ein Mensch. Wenn der Mensch primär ein physiochemischer Mechanismus ist, dann sehe ich überhaupt keine prinzipiellen Schranken dafür, soetwas ganz oder teilweise künstlich nachzuahmen. Die wirklich interessante Frage ist, ob ein Computer jemals ein sich wissendes Subjekt wird. Da ich aber nicht einmal mit Sicherheit feststellen kann, ob mein Mitmensch ein bewusst erlebendes Ich ist, werde ich dies auch nie von einem Computer wissen können. (Es ist ja schließlich kein Problem, meinen Computer so zu programmieren, dass er mir jedes mal nach dem Anschalten erklärt, er sei sich gerade seiner Existenz bewusst geworden.) Zurück zum Haupttext
Anm. 75: An diesem Beispiel sieht man auch, dass Schläge, nicht nur auf den Hinterkopf, sondern auch auf die Finger, das Erkenntnisvermögen beträchtlich steigern können, was allerdings nicht als ein Plädoyer für die Prügelstrafe ausgelegt werden sollte ;-) Zurück zum Haupttext
Anm. 76: Die Erkenntnis, dass das Bewusstsein überall ist, war damals (1987) für mich eine atemberaubende, äußerst merkwürdige, zu Beginn sehr dubiose Erfahrung, bei der ich selbst Probleme hatte, sie Ernst zu nehmen. Besonders wohl deshalb, weil ich, bevor ich
Agnostiker wurde,
Materialist war. Heute (2010) ist es für mich eine geradezu banale Tatsache. Bei vielen Menschen, besonders bei naturwissenschaftlich denkenden unreflektierten Materialisten und Positivisten, stößt man mit einer solchen Behauptung auf starken Widerspruch, bzw. man wird für eine solche Behauptung ausgelächelt. (Die klopfen einem auf die Schulter und sagen: »Jaaa, Indianerphilosophie, nä?«) Dabei ist eine solche Auffassung gerade aus naturwissenschaftlicher Sicht völlig folgerichtig. Wie in
Anmerkung 14 bereits näher ausgeführt, ist nach dem gegenwärtigen natur-wissenschaftlichen Erkenntnisstand die Welt, die wir erleben, nicht die von uns unabhängig existierende Welt, sondern unser Bild, dass wir uns auf Grund von Sinnesdaten in unserem Bewusstsein von dieser Welt machen. Und das im Bewusstsein erstellte Bild von der Welt ist wie sollte es anders sein? zur Gänze Bewusstsein. Husserl und Reininger haben, wenn auch auf verschiedene Weise, aus der Tatsache, dass in unserem unmittelbaren Erleben die Welt außerhalb unseres Kopfes ist, den Schluss gezogen, dass damit die Existenz der Dinge unabhängig von uns bewiesen sei. Wäre dies aber ein unumstößlicher Beweis, dann wären auch die Dinge meiner Träume und anderer Halluzinationen als unabhängig von mir existierend bewiesen. Wenn ich die Augen schließe und mir in Gedanken etwas vorstelle, dann tritt diese Vorstellung, je plastischer ich sie hinkriege, aus meinem Kopf aus, ist nicht in meinem Kopf, sondern vor mir, ganz im Wortsinne: vor-stellen. Das kann jeder selbst ausprobieren: Die Augen schließen und sich ein bestimmtes Bild vorstellen, z. B. eine Landschaft, einen Menschen oder ähnliches. Und dann darauf achten, was man unmittelbar erlebt. Man erlebt das Bild nicht in seinem Kopf. Man erlebt es vor sich. (Siehe hierzu auch Ditfurth 3, S. 241 250, Kapitel
Kopf und Kosmos.) Welche Schlussfolgerungen man aus einem solchen Erlebnis zieht, ist eine weitere Frage. Das Erlebnis als solches finde ich aber schon sehr interessant. Bei Träumen und Halluzinationen passiert ja wohl nichts anderes. Und scheinbar passiert im Wachbewusstsein, in der Realität auch nichts anderes. Zurück zum Haupttext
Anm. 77: Auf die »Zufälligkeiten«, die ich im Haupttext erwähnt habe, bin ich im Verlaufe meines Philosophierens selber gestoßen. Es gibt weitere »Zufälligkei-ten«, deren Kenntnis allerdings physikalisches Grundwissen voraussetzt und die ich später bei Hoimar von Ditfurth kennengelernt habe, »Zufälligkeiten«, ohne die nicht nur ich nicht entstanden wäre, sondern das Leben generell nicht. Die Expansion des Universums durfte keine beliebige Geschwindigkeit haben. Eine zu langsame Ausdehnung hätte dazu geführt, dass schon früh die Gravitation die Oberhand gewonnen hätte und das Universum in sich zusammengestürzt wäre, bevor sich nennenswertes in ihm hätte entwickeln können. Eine zu starke Expansionsgeschwindigkeit hätte aber die Gravitation so überspielt, dass sich keine Sonnen hätten bilden können. Der Urknall hat dem Universum exakt den Schwung mitgegeben, der unsere Entstehung ermöglichte. Die Schwerkraft ist um den Faktor 10 hoch 40 schwächer als die Kernbindungskräfte. Wäre die Schwerkraft weniger schwächer, dann hätten sich erheblich kurzlebigere Sonnen entwickelt, auf deren Planeten in der Kürze der Zeit keine molekulare und dann biotische Evolution hätte ablaufen können. Würden die Kernbindungskräfte nur geringfügig oberhalb oder unterhalb dessen liegen, was die Physiker inzwischen als Naturkonstante registriert haben, wären nie die Fusionsprozesse in Gang gekommen, durch die in den Zentren der Sonnen die uns bekannten chemischen Elemente zusammengebacken wurden. Ditfurth zitiert den Physiker Freeman Dyson mit den Worten: »Es ist fast so, als ob das Universum gewusst hätte, dass es uns eines Tages geben würde.« (Ditfurth 3, S. 239 241) (Ich muss an dieser Stelle anmerken, dass ich später erfahren haben, dass diese Thesen Ditfurths in der Astrophysik und der theoretischen Physik nicht unumstritten sind. Zum Teil scheinen sie auch veraltet zu sein.) Die Erde hatte bei ihrer Entstehung einige Eigenschaften, die für die spätere Entwicklung von entschei-dender Bedeutung waren: »Ein Sonnenabstand von 150 Millionen Kilometer. Eine Größe, welche infolge der aus ihr resultierenden Erwärmung die Entstehung eines metallischen Erdkerns ermöglichte. Ein Gehalt an radioaktiven Elementen, der zu dieser Erwärmung gerade soviel beitrug, dass die Bestandteile der Erdrinde zu einer zusammenhängenden Oberfläche verschmelzen konnten. Der andererseits aber doch so gering war, dass die hier entstehenden Verbindungen sich nicht durch zu starke Erhitzung wieder restlos in ihre Bestanteile auflö-sen.« (Ditfurth 1, S. 67) Zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Erdgeschichte hat wahrscheinlich eine Kollision mit einem sehr großen Asteroiden stattgefunden, in deren Folge der Mond und der Urkontinent entstanden. Ohne diesen Zufall wäre die ganze zukünftige Entwicklung auf der Erde anders abgelaufen. Die Erde wäre wahrscheinlich gleichmäßig mit Wasser bedeckt. Auf ein paar kleinen Vulkaninseln hätte sich nicht die Vielfalt des Lebens entwickeln können, deren gegenwärtig höchstes Entwicklungsprodukt der Mensch ist. Der Mond bremst die Umdrehungsgeschwindigkeit der Erde. Dadurch wiederum schafft er das Magnetfeld, das uns vor dem Sonnenwind sehr schnellen Materieteilchen schützt. Das ständige Einwirken des Sonnenwindes würde dazu führen, dass die Mutationen so über Hand nähmen, dass keine Art mehr über längere Zeit hinweg existieren könnte. (Über die Entstehung des Magnetfeldes der Erde gibt es weitere Theorien. Auch solche, die den Mond nicht benötigen. Leider stellen Professoren und/oder Autoren häufig in ihren Vorlesungen bzw. Büchern nur ihre Theorie bzw. die von ihnen favorisierte Theorie dar. Bei ihren Studenten bzw. Lesern entsteht dann der Eindruck, dies sei die Theorie nicht eine unterer mehreren zur Erklärung des dargestellten Problems. Im Zusammenhang mit der Erklärung der Ursache für das irdische Magnetfeld bin ich leider mal wieder auf ein solches Vorgehen hereingefallen.) Mit der Umdrehungsgeschwindigkeit der Erde hängen. auch die Windgeschwindigkeiten zusammen. Ohne den Mond wäre diese bis zu 500 km/h. Die Evolution des Lebens, besonders die außerhalb der Meere, wäre dann eine ganz andere gewesen. Wenn man davon ausgeht, dass vieles von dem, was man »Ich« nennt, nicht zufällig entstanden ist, dann ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Auffassung, dass man auch nicht zufällig in der Lebenssituation ist, in der man sich befindet. Die grundsätzlichen Rahmenbedingungen unseres Lebens waren vielleicht schon vor unserer Geburt festgelegt. Die Vorstellung einer ethischen Kausalität liegt dann nahe, wie in der indischen
Karma-Lehre. Dies ist aber eine Spekulation. Man sollte nicht in den Fehler verfallen, aus einer solchen Spekulation, oder etwas moderater ausgedrückt, aus dieser »Vermutung« eine unumstößliche Wahrheit zu machen, wie es leider bei Esoterikern Gang und Gäbe ist. Mit z. T. inhumanen Konsequenzen. Zurück zum Haupttext
Anm. 78: Die Welt und die Naturgesetze werden durch eine solche Sichtweise in unserem praktischen Leben um nichts unwirklicher! Auch die heutigen Theorien über die Struktur des Makro- und Mikrokosmos, über die subatomare, molekulare und biotische Evolution können durchaus richtig sein. Aber dies sagt noch nichts darüber aus, ob es sich hierbei um einen primär materiellen oder primär geistigen Prozess handelt. Ob die Materie nur als Vorstellung des Geistes existiert oder einmal geschaffen auch unabhängig vom Geist, kann dialektisch betrachtet gleichermaßen mit Ja und Nein beantwortet werden. Näheres im 14. Kapitel. Zurück zum Haupttext
Anm. 79: Jedenfalls wäre dies eine plausiblere Erklärung als die, dass über dem sadistischen Irrenhaus Namens »Erde« ein allmächtiger, allwissender und gleichzeitig auch noch »lieber« Gott throne, wie die Christen glauben. (Sehen Sie hierzu auch
»Über die Unschlüssigkeit des christlichen Gottesbildes«.) Zurück zum Haupttext
Anm. 80: Der Mensch weiß von Gott in dem Sinne, dass Gott im Menschen von sich selber weiß. (Hegel) Aber Gott weiß im Menschen erst sehr wenig von sich. Im Rahmen einer hegelschen Denkweise wäre die menschliche Gattung nur ein Durchgangsstadium (oder ein Seitenarm) im Prozess der Rückkehr des Weltgeistes. Und sollten sich die Menschen ausrotten, bevor sie etwas höheres hervorgebracht haben, z. B. homöostatische intelligente Maschinen, dann wären sie tragischer Weise nur eine Sackgasse. (Diesen Gedanken habe ich später (1995) in meinem Aufsatz Höhere Arten und der Rückkehrprozess des Welt-geistes weiter ausgebaut.) Zurück zum Haupttext
Anm. 81: Ein Problem, das die
Cartesianer und
Occasionalisten nur durch wirklich lächerliche Künsteleien lösen können. Descartes hatte da seine »Zirbeldrüse«, in der angeblich Geist und Materie miteinander in Verbindung treten. Und die Occasionalisten behaupteten, dass Gott ständig an allen Ecken und Enden der Welt damit beschäftigt sei, die den geistigen Vorgängen angemessenen materiellen Bewegungen herbeizuführen. Zurück zum Haupttext
Anm. 82: Siehe z. B.
Leibnizsche Monadenlehre und Schellings Identitäts-philosophie. Zurück zum Haupttext
Anm. 83: Diese vier Möglichkeiten sind vielleicht sogar alle Teilwahrheiten. Vielleicht kann man eine Synthese aus allen Möglichkeiten ziehen. Weshalb mir eine idealistische Welterklärung plausibler ist als eine materialistische, fasse ich in folgenden vier Thesen zusammen: 1. Mir ist die Vielfalt und Zweckmäßig-keit der Welt, die scheinbare Gesetzmäßigkeit der Entwicklung von einfachen zu komplexeren Strukturen als bloßes Produkt von
Evolutionsdruck nicht vorstell-bar. 2. Mir ist das Bewusstsein als Produkt toter, unbewusster Materie, nur weil diese sich zu einem informationsspeichernden und informationsverarbeitenden System organisiert hat, nicht vorstellbar. Dabei ist die Problematik des Materie-begriffs seit der Entwicklung der
Relativitätstheorie und der
Wellenmecha-nik noch nicht einmal berücksichtigt. 3. Mir ist meine eigene Existenz, und zwar meine bewusstseinsmäßige Existenz, gar nicht mal so sehr meine körperliche, als Produkt eines kosmischen Zufalls nicht vorstellbar. 4. In meinem unmittel-baren Erleben ist das Wissen um die Existenz der Dinge nicht in meinem Kopf, sondern dort, wo die Dinge sind. Ich habe den Eindruck, dass die Dinge selbst bereits Bewusstsein sind. (Was nicht bedeutet, dass sie Selbstbewusstsein sind.) Ich möchte hier auch meine Argumente gegen eine rein naturwissen-schaftliche Sicht der Welt zusammenfassen: 1. Die Naturwissenschaft kann nicht beweisen, dass das, was wir wahrnehmen oder denken, auch mit dem übereinstimmt, was unabhängig vom wahrnehmenden und denkenden Menschen existiert. 2. Die Naturwissenschaft kann nicht erklären, warum es überhaupt etwas gibt. 3. Die Naturwissenschaft kann nicht erklären, was sich bewegt, nachdem sich die Materie in Bewegung aufgelöst hat. 4. Die Naturwissenschaft kann nicht erklären, warum es überhaupt einen Urknall gegeben hat. (Vorausge-setzt natürlich, dass es ihn überhaupt gegeben hat.) 5. Die Naturwissenschaft mag plausible Argumente dafür haben, warum durch den Evolutionsdruck immer komplexere Materiestrukturen entstanden. Was sie aber nicht erklären kann, sind folgende Voraussetzungen für Evolution: 1. Warum hat die Materie über-haupt die Fähigkeit, sich mit anderer Materie zu verbinden? 2. Warum hat die Materie überhaupt das Bestreben, stabilere, längerlebige Strukturen zu bilden? (Hoimar von Ditfurth schreibt in seinem Buch Im Anfang war der Wasserstoff zu Beginn des
5. Kapitels: »Das Wasserstoffatom und die Naturgesetze sind kein Objekt möglicher Naturwissenschaft mehr. Sie sind, unvoreingenommen betrachtet, sichtbare Zeichen dafür, dass unsere Welt einen Ursprung hat, der nicht in ihr selbst liegen kann.«) Und wenn es auch aus Sicht der Evolutions-theorie kein Zufall sein mag, dass immer komplexere Materiestrukturen entstan-den, so bleibt es doch ein ungeheuerlicher Zufall, dass gerade mein Körper, mein Gehirn entstand. 6. Die Naturwissenschaft kann nicht das Bewusstsein beobachten und sie kann nicht erklären, in welchem Verhältnis Materie und Bewusstsein zueinander stehen. 7. Das wissenschaftliche Weltbild unterliegt einer ständigen Wandlung. Wissenschaft ist ein Prozess, zu dem Beiträge geleistet werden, die diesen Prozess möglicherweise voranbringen, aber von denen man nie mit Sicherheit wissen kann, ob sie nicht in Zukunft wieder revidiert werden. Dass Wissenschaft ein nie endender Prozess ist, hat schon Newton erkannt. Er schrieb: »Sein und Wissen ist ein uferloses Meer: Je weiter wir vordringen, um so unermesslicher dehnt sich aus, was noch vor uns liegt; jeder Triumph des Wissens schließt hundert Bekenntnisse des Nichtwissens in sich.« (Zitiert nach Störig 1, S. 347) Auf die Geschichtlichkeit der Wissen-schaft hat Pascal hingewiesen, indem er in der Auseinandersetzung mit den Cartesianern feststellte, dass die Erkenntnisse unserer Vorfahren, auch wenn wir sie zu beträchtlichen Teilen revidieren, deshalb nicht einfach nutzlos seien. Wir können nur über unsere Vorfahren hinaussehen, weil wir auf ihren Schultern stehen. Aber so wie wir vielfach über unsere Vorfahren hinausgehen, sagte Pascal, so werden unsere Nachfahren über uns hinausgehen. (Höffe 1, S. 330f) Zurück zum Haupttext
Anm. 84:
Epikur. Zitiert nach Vorländer 1, S. 264 Zurück zum Haupttext
Anm. 85: Seit Februar 2003 habe ich einen Tinnitus (Ohrenpfeifen) für den kein konsultierter Arzt eine Ursache finden kann. Ich stelle mir einfach vor, es sei der Wecker im BZ III. Zurück zum Haupttext
Anm. 86: Es ist auch eine bewusstseinsmäßige Fortexistenz möglich, in der kein Ich mehr vorhanden ist. Z. B. kommt es vor, dass sich ein Mensch so in eine schöne Landschaft versenkt, dass er danach sagt: »Ich (!) war ganz weg«. Sind wir uns denn überhaupt ununterbrochen unserer Existenz bewusst? Ist es nicht so, dass wir häufig in einer Tätigkeit so aufgehen, dass uns für diese Zeit unser Ich gar nicht bewusst ist? In vielen Religionen und Philosophien ist der Weltgeist oder die Weltvernunft überhaupt kein Subjekt, sondern ein Bewusst-sein ohne Ich. Zurück zum Haupttext
Anm. 87: Bei dem Gedanken an die Wiedergeburt oder eine andersartige »ewige Existenz« wird einem schnell Wunschdenken vorgeworfen und oft ist dieser Vorwurf berechtigt. Bei näherem Hinsehen kann sich die »ewige Existenz« aber auch als Horror darstellen. Wer ewig existiert, erlebt ja nicht nur das Positive immer wieder, sondern auch das Negative. Und das Negative hat in der bisheri-gen Geschichte und Naturgeschichte soweit unsere Kenntnis reicht jedenfalls eindeutig überwogen. Es werden Menschen und andere Lebewesen totgefol-tert. Wenn man ewig existiert, dann passiert einem dies gelegentlich bzw. un-endlich oft. (
Nietzsches ewige Wiederkehr.) Ist es etwa eine Wunschvorstel-lung totgefoltert zu werden? Dort, wo der Glaube an die Wiedergeburt ein Teil der Religion ist, z. B. in Indien, wird die Wiedergeburt häufig gar nicht als positiv angesehen. Im Gegenteil! Wiedergeburt ist immer das Ergebnis unvergoltener Taten. Das Ziel ist gerade die Kette der Wiedergeburten zu beenden, die indivi-duelle Existenz die uns Europäern so wichtig ist, das wir ihr eine ewige Fortexistenz im Himmel andichten zu überwinden und im Ganzen konturlos aufzugehen, wie ein Fluss im Ozean. (Siehe: Brahmanismus, Buddhismus.) Zurück zum Haupttext
Anm. 88:
Todesangst hat ihre Ursachen wahrscheinlich in unserer Natur. In früheren Zeiten war sie überlebensnotwendig. Zurück zum Haupttext
Anm. 89: Dies hat allerdings auch noch andere Gründe, die im 16. Kapitel und in den Anmerkungen
105 und
108 erläutert werden. Zurück zum Haupttext
Anm. 90: Es mag als inkonsequent erscheinen, dass ich hier das Wort »glaube« verwende, obwohl ich mich eben noch für das Denken und gegen den Glauben entschieden haben. Dies liegt aber lediglich an der Ungenauigkeit unserer Sprache. Wenn ich sage »ich glaube« ist es immer ersetzbar mit »ich halte für wahrscheinlich«. (Dies habe ich bereits im 8. Kapitel dargelegt.) Bei einem religiösen Menschen bedeutet Glaube aber sicheres Wissen. Zurück zum Haupttext
Anm. 91: Pantheistische Weltbilder haben entwickelt unter anderen: Der Neu-platoniker Plotin mit seiner Lehre vom »Ureinen«, aus dem alles hervorgegangen ist und in das alles zurückkehren wird. Der christliche Mystiker Meister Eckhart mit seiner These vom »unerschaffenen Seelenfünktlein«. Er bekam gegen Ende seines Lebens Ärger mit der Inquisition. Ähnlichkeiten zu ihm gibt es bei dem christlichen Mystiker Jakob Böhme. Am hervorragensten sind die pantheisti-schen Systeme Spinozas und Hegels. (Es ist mir bekannt, dass Hegel sich mehrfach vom Pantheismus abgegrenzt hat. Das ändert aber nichts daran, dass er faktisch eine pantheistische Philosophie entwickelt hat. Näheres in meinem Aufsatz über Hegel,
Absatz Pantheismus.) In religiöser Form ist der Panthe-ismus meines Wissens zum ersten mal im indischen Brahmanismus entwickelt worden. Wie im Haupttext erwähnt, bin ich kein religiöser Mensch. Sollte ich es aber sein, so würde ich diese Religion der »jüdisch/christlich/islamischen Religi-onsgruppe« vorziehen. Zurück zum Haupttext
Anm. 92: Hegel meinte, die Logik seien die Gedanken Gottes vor der Schöp-fung. Womit er allerdings nicht die
aristotelische Logik meinte, sondern seine eigene, die er durch die Dialektik erweiterte. (Wiedemann 1, S. 48) Zurück zum Haupttext
Anm. 93: Als ich diesen Text erstmals schrieb, besuchte ich gerade Vorlesun-gen und Seminare zur »Parapsychologie« an der Universität Freiburg i. Br. Bei den Mitarbeitern dieses Instituts handelte es sich um »Animisten«. D. h., sie bemühten sich darum, parapsychologische Phänomene naturwissenschaftlich zu erklären. (Animismus) Dagegen versuchen die »Spiritisten« solche Phäno-mene religiös-mystisch bzw. okkult zu erklären. Mit meinem dialektisch-idea-listischen Erklärungsangebot bin ich nicht unbedingt auf Gegenliebe gestoßen. Zurück zum Haupttext
Anm. 94: In diesem Kapitel wird nicht erläutert, was in der Philosophie, in der Philosophiegeschichte und bei verschiedene Philosophen »Dialektik« bedeutet. (Sehen Sie dazu bitte den philolex-Beitrag »Dialektik«.) Mir geht es in diesem Kapitel darum, das an der Dialektik hervorzuheben, was ich für besonders wich-tig halte: Die Widersprüchlichkeit und ständige Bewegung der Welt, und dass diese beiden Aspekte untrennbar zusammengehören. Zurück zum Haupttext
Anm. 95: Z. B. der von mir ansonsten sehr geschätzte
Karl Popper in einem Aufsatz »Was ist Dialektik« in Lührs 1, S. 167ff. Wenn Hegel glaubt, er habe mit seinem dialektischen Denken absolute Wahrheit über das Sein schlechthin erkannt, dann kritisiert Popper das zu recht. Aber Dialektik ist nicht auf das reduzierbar, was Popper in diesem Aufsatz angreift. Zurück zum Haupttext
Anm. 96: Außer
Heraklit sollen auch noch Nikolaus Cusanus und Jakob Böhme erwähnt werden, die schon vor Anbruch des deutschen Idealismus die Dialektik (im Sinne der Lehre von den Widersprüchen) wiederbelebt haben. Ich finde es immer wieder merkwürdig, dass in den meisten philosophischen Lexika bei der Erläuterung des Begriffs Dialektik diese drei Philosophen nicht genannt werden. Zurück zum Haupttext
Anm. 97: So wird es z. B. gesehen in der chinesischen Lehre von
Li und Ki. Zurück zum Haupttext
Anm. 98: Sind die Gesetze der Dialektik selbst etwas, das außerhalb der dialektischen Relativität und Veränderung steht? Zurück zum Haupttext
Anm. 99: P.M. Magazin, Heft 2/1988 Zurück zum Haupttext
Anm. 100: An dieser Stelle eine Anmerkung zur »Theodizee«. Wie das Böse in die Welt kommt, ist für alle die Religionen und philosophischen Systeme ein kaum zu lösendes Problem, die eine Ursachen der Welt annehmen, die mit der Liebe oder dem höchsten Guten identisch ist (z. B. die Christen und die Neupla-toniker). Meine Antwort: Bedürftige Subjekte, die das Gelingen oder Misslingen ihrer Bedürfnisbefriedigung bewusst erleben und die das Gelingen gut und das Misslingen böse nennen. Das ist das Grundsätzliche. Gut und Böse ist immer eine Frage der subjektiven Wertung. Objektiv betrachtet scheint es weder gut noch böse zu geben. In diesem Punkt bin ich von
Spinoza beeinflusst. Beachten sollte man aber, dass Spinoza zwischen wahren und unwahren Bedürfnissen unterscheidet, bzw. eine Rangordnung der Bedürfnisse kennt. Was die Menge nach diesem Grundsatz unter gut und böse verstehen würde, ist nicht identisch mit den Auffassungen Spinozas. Das Böse, also unbefriedigte Be-dürfnisse, ist eine Notwendigkeit, da es ohne Widersprüche (ein unbefriedigtes Bedürfnis ist nichts anderes als ein Widerspruch) keine Bewegung und ohne Bewegung keine Existenz gibt. (Genauso sieht es auch
Jacob Böhme.) Zurück zum Haupttext
Anm. 101: Interessant ist, dass es hier immer um die Abwesenheit bzw. Be-kämpfung von Missständen geht. (Also auch hier ein Ausschließungsverfahren!) Die Menschen können sich viel leichter darauf einigen, was schlecht ist und von daher abgeschafft werden sollte, als darauf, was gut ist und von daher eingeführt werden sollte. In diesem Punkt bin ich ganz einer Meinung mit
Karl Popper. Was die praktische Seite des Lebens anbetrifft, z. B. politische Strategien, halte ich sehr viel von ihm. Man kann im politischen Leben mit Karl Popper auf jeden-fall mehr anfangen als mit Karl Marx. (Dass Popper Platon und Hegel nicht mag, trennt mich allerdings von ihm.) Zurück zum Haupttext
Anm. 102: Es gibt unter Linken die weitverbreitete Auffassung, solange es den Kapitalisten besser geht als den Arbeitern, solange haben die Arbeiter keinen Grund Abstriche zu machen. Diese Ansicht ist häufig bewusst oder unbewusst mit der Auffassung verbunden, solange es einem Menschen besser geht als mir, solange brauche ich von dem, was ich habe, nichts abzugeben. Ich sage, solange es noch einen Menschen, noch ein bewusstes Wesen gibt, dem es schlechter geht als mir und dem es besser gehen könnte, wenn ich mich anders verhielte, solange habe ich keinen Grund mich moralisch über andere zu erheben. Und dabei geht es überhaupt nicht darum Schuldkomplexe zu schüren. Schuldkomplexe sind bei der Verbesserung der Welt ebenso störend wie verdrängte Wahrheiten. Es geht darum, dass jeder Mensch seinen Teil zum Elend in der Welt beiträgt und von daher auch jeder durch Verhaltensänderung mit zur Verbesserung der Welt beitragen könnte. Auf der anderen Seite sind die Menschen aber durchaus in unterschiedlich starkem Maße an dem Elend in der Welt schuld. Von daher ist es durchaus gerechtfertigt andere anzugreifen, Forde-rungen an sie zu stellen. Aber wer nur von anderen fordert (und die Erfüllung dieser Forderungen auch noch ihm selbst zu gute käme), wer glaubt, er täte bereits genug und von ihm könne man nicht mehr verlangen, der ist in Blindheit geschlagen, in die Blindheit des Subjekts für sich selbst. (»Der Edle stellt Anforderungen an sich selbst, der Gemeine stellt Anforderungen an die anderen Menschen.« Aus dem Buche Tschung Yung, dessen Inhalt dem Konfuzius zugeschrieben wird. Zitiert nach Störig 1, S. 109) Zurück zum Haupttext
Anm. 103: Dies ist mir besonders aufgefallen im Zusammenhang mit Computer-spielen. Da ich etwas die Computersprache BASIC beherrsche, kann ich die Programme von Spielen, die in dieser Sprache geschrieben sind, so verändern, das ich leichter gewinnen kann oder sogar so, dass ich gar nicht mehr verlieren kann. Aber dann macht das Gewinnen keinen Spaß mehr. (Das ist schon einige Jahre her. Inzwischen gibt es meines Wissens so gut wie keine Spiele mehr, die in BASIC geschrieben sind.) Zurück zum Haupttext
Anm. 104: Der Grundsatz, dass das Streben nach Bedürfnisbefriedigung seine Grenzen nur dort haben soll und muss! , wo man anderen Leid zufügt, kann ins absurde überspitzt werden. Dafür zwei Beispiel: 1. Es gibt Menschen, die mögen keine Meeresfrüchte, sie ekeln sich bei dem Gedanken, soetwas zu essen. Okay! Dann soll sie auch keiner dazu zwingen. Einige dieser Menschen mögen es auch nicht, wenn in ihrer Gegenwart jemand soetwas isst. Dort wird es schon kritisch. Aber selbst darauf könnte man eventuell noch Rücksicht neh-men. Es gibt aber auch Menschen, die schon bei dem Gedanken, dass irgend-wo auf der Welt Menschen Meeresfrüchte essen, sich nicht mehr beruhigen können. Würde man nun daraus die Konsequenz ziehen, Meeresfrüchte als Nahrungsmittel abzuschaffen, dann wäre dies absurd. 2. Nehmen wir an, da gibt es einen Satanskult, deren Mitglieder das Bedürfnis haben, im Rahmen eines Rituals Menschen umzubringen oder selbst umgebracht zu werden. Sie losen unter sich aus, wer als nächstes dran ist, und derjenige, den das Los getroffen hat, erklärt notariell abgesichert , dass er als Masochist sich nichts Schöneres vorstellen kann, als von seinen Glaubensgenossen rituell ins Jenseits befördert zu werden. Dieser Vorgang würde also allen Teilnehmern nur Freude und keinem Leid verursachen. Trotzdem ist es absurd, wenn eine solche Art von Bedürfnisbefriedigung toleriert würde. Bei Gewaltdarstellungen und bei mit Gewalt verbundener Pornographie bin ich mir nicht sicher. Findet hier beim Betrachter Triebabfuhr statt oder findet er Anregungen für das wirkliche Leben? Es findet wahrscheinlich bei einigen Betrachtern das erste, bei anderen Betrach-tern das zweite statt. Die allgemeine Anerkennung des Grundsatzes, dass das Streben nach Bedürfnisbefriedigung seine Grenzen nur dort haben soll und muss! , wo man anderen Leid zufügt, würde eine Gesellschaft beträchtlich voranbringen in Bezug auf Toleranz. Aber es bliebe immer noch genug Raum für Meinungsverschiedenheiten. Zurück zum Haupttext
Anm. 105:
John Stuart Mill sagt, dass das Glück nicht außerhalb von uns liegt, sondern in uns. Es ist ein Gefühl. (Störig 1, S. 477) Ich meine aber, dass der Mensch so stark mit seiner Umwelt verwoben ist, dass Glück meistens auch einen objektiven Aspekt hat. Aber trotz aller Dialektik, das Entscheidende am Glück ist das Gefühl in uns und nicht das Ding oder Ereignis außerhalb von uns. Zurück zum Haupttext
Anm. 106:
Epikur. Zitiert nach Vorländer 1, S. 265 Zurück zum Haupttext
Anm. 107: Das Existenzminimum muss natürlich vorhanden sein. Wer sich ständig ums Essen, um Unterkunft und Kleidung sorgen muss, kann kein glückliches Leben führen. Aber das Existenzminimum ist auch wieder eine variable Größe und von Mensch zu Mensch und von Kulturkreis zu Kulturkreis verschieden. Zurück zum Haupttext
Anm. 108: Für Marxisten und Christen seien noch zwei Zitate nachgereicht. Marx: »Je weniger du bist, je weniger du dein Leben äußerst, desto mehr hast du, um so größer ist dein entäußertes Leben, um so mehr speicherst du auf von deinem entfremdeten Wesen.« (Marx 1, S. 549) Jesus: »Sammelt euch keine Schätze auf Erden, denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.« (Aus der Bergpredigt) Bei Jesus fällt mir allerdings das Gleiche auf wie bei vielen anderen Menschen. (Jesus ist für mich ein Mensch, kein Gott.) Er hat eine gute Idee, ein richtiges Anliegen, schießt dann aber über das Ziel hinaus. Der Satz. »Sorget euch nicht darum, was ihr essen werdet und womit ihr euch kleiden werdet etc.« ist nicht praktikabel. Die Menschen würden so keinen Winter überleben. In der Bergpredigt stehen interessante Sätze, aber einige Überspitzungen müssen zurückgenommen werden. Zurück zum Haupttext
Anm. 109: Diese und ähnliche Auffassungen findet man z. B. bei
Pascal,
Schopenhauer,
Kierkegaard, Eduard von Hartmann und
Adorno. Zurück zum Haupttext
Anm. 110: Schopenhauer fragt: Was ist Ruhm? Nur ein Abbild unseres Wesens in den Köpfen anderer. Und er sagt dann: »Zudem sind die Köpfe der Menge ein zu elender Schauplatz, als das auf ihm das wahre Glück seinen Ort haben könnte.« Zitiert nach Störig 1, S. 504 Aber wie sieht es denn hier mit dem hypothetischen »Kollektiven Unbewussten« aus? Können die Gedanken anderer mich beeinflussen, z. B. krank machen, ohne dass ich dies überhaupt bemerke? Ausschließen kann ich soetwas nicht. C. G. Jung hat unter »Kollektives Unbewusstes« etwas anderes verstanden, nicht die aktuellen Gedanken aller Menschen bzw. Teile dieser Gedanken, sondern eine Art geistiger Erbmasse der Menschheitsentwicklung, die in jeder menschlichen psychischen Struktur wieder auftaucht, die Archetypen. Soweit ich mich erinnere, wurde bei den Parapsycho-logen in Freiburg der Begriff »Kollektives Unbewusstes« auch benutzt für eine mögliche unbewusste allgemeine Telepathie. Das, was Jung mit Hilfe der Arche-typen erklärt, sei möglicherweise Folge einer solchen allgemeinen kollektiven unbewussten Telepathie. Wenn man es für wahrscheinlich oder zumindest für möglich hält, dass alle individuellen Bewusstseins Teile des Weltbewusstseins sind, ist eine solche Vermutung durchaus schlüssig. Zurück zum Haupttext
Anm. 111: Dies ist übrigens auch ein weiteres gutes Beispiel dafür, dass die Menschen die Wirklichkeit, in der sie leben, selbst produzieren. Denn unabhän-gig vom wertenden Menschen scheint es keine Werte zu geben und damit auch keine mehrwertigen und minderwertigen Menschen. Zurück zum Haupttext
Anm. 112: Nachlesen kann man dies auch bei Erich Fromm in seinem Buch »Die Kunst des Liebens« (Fromm 1, S. 441). Die zwischenmenschlichen Bezie-hungen unterliegen in beträchtlichem Maße den Marktgesetzen. Am Anfang einer Zweierbeziehung steht in der Regel das Prinzip des Äquivalententauschs. (D. h., es wird Gleichwertiges getauscht.) Fromm kritisiert diesen Zustand, aber dies ist meiner Überzeugung nach eine hoffnungslose Kritik. Die Aussage, dass »am Anfang« das Prinzip des Äquivalententauschs steht, bedeutet, dass wenn eine Verbindung ersteinmal zustande gekommen ist, auch noch andere Dinge hinzutreten können. Ich will das an folgendem Beispiel erläutern: So gut wie kein lebensfroher Mensch in seinen 20er Jahren wird eine Partnerschaft mit einem Menschen aufnehmen, der querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt und so gut wie keinen Sex haben kann. Und darüber hinaus in den Freizeitmöglichkeiten stark eingeschränkt ist. Wenn aber einmal eine Verbin-dung zustande gekommen ist und einer der Partner wird durch einen Unfall querschnittsgelähmt, dann muss das nicht bedeuten, dass der gesunde Partner den behinderten Partner verlässt, weil er nun kein Äquivalent mehr darstellt. Zwischenzeitlich hat sich ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt, damit das Bedürfnis für den anderen zu sorgen etc. Richtig ist aber auch, dass ich meine Beobachtungen in einem ganz bestimmten Kulturkreis gemacht habe. In ande-ren Ländern, besonders in solchen, wo die Freiheit des Einzelnen nicht so groß ist wie bei uns, wo Gruppen noch eine größere Rolle spielen, würde ich vielleicht andere Beobachtungen machen. Auch für die Beziehung zwischen Kindern und Eltern, besonders in den frühen Jahren, gilt nicht das Äquivalenten-tauschprinzip. Eine Gattung, die nicht den Trieb hat, den Nachwuchs selbstlos großzuziehen, würde aussterben, bzw. kann sich gar nicht erst entwickeln. Zurück zum Haupttext
Anm. 113: