Pantheismus: Alles sei Gott, alles sei in Gott. "Wenn du die Tiefe und die Sterne und die Erde ansiehest, so siehst du deinen Gott, und in demselben lebest und bist du auch, und derselbe Gott regiert dich auch, und aus demselben Gott hast du auch deine Sinne und bist eine Kreatur aus ihm und in ihm, sonst wärest du nichts. ... Also können wir mitnichten sagen, daß Gottes Wesen etwas Fernes sei, das eine sonderliche Stelle oder Ort besitze oder habe; denn der Abgrund der Natur und Kreatur ist Gott selber." (Alle Zitate aus Störig, S. 309f.) [In indischer Terminologie: Die Welt ist Brahman. Und Brahman und Atman sind letztlich identisch.]
Willensfreiheit: Aktualität gewinne das Böse aber erst im Menschen, der sich zwischen den Reichen des Guten und des Bösen mit absoluter Freiheit entscheiden müsse. "Denn ein jeder Mensch ist frei und wie ein eigener Gott, er mag sich in diesem Leben in Zorn oder in Licht verwandeln. ... So der Mensch freien Willen hat, so ist Gott über ihn nicht allmächtig, daß er mit ihm tue, was er wolle. Der freie Wille ist aus keinem Anfange, auch aus keinem Grunde, in nichts gefaßt oder durch etwas geformt. Er ist sein selbereigener Urstand aus dem Worte göttlicher Kraft, aus Gottes Liebe und Zorn."
Der Pantheismus Böhmes gefällt mir ganz ausgezeichnet. Aber auch bei Böhme ist keine skeptische Distanz zu den eigenen Überzeugungen, keine kritische Erkenntnis-theorie zu verzeichnen.
In seiner Sicht des Bösen ist Böhme viel konsequenter als die beiden großen
idealistischen Philosophen Platon und Hegel, denen das Böse nicht ins System paßt, weswegen sie es aus der Welt und dem Sein eskamotieren. Aber nicht alles, was an Bösem existiert, ist nötig, damit es das Gute geben kann. Mußte es Auschwitz geben, damit es etwas Gutes geben kann? Das Gleiche gilt für die vielen anderen Massenmorde und Blutbäder in der Geschichte. Der blinde Weltwille Schopenhauers ist vielfach Ursache für das Böse.