Wenn man sich bei der Beurteilung des Christentums nicht nur auf seine subjektiven Erfahrungen verlassen will, sondern einen "objektiven Zugang" sucht (soweit ein solcher für Menschen, die in einer von christlichen Traditionen geprägten oder dominierten Gesell-schaft aufwuchsen, überhaupt möglich ist), dann wird man mit einer unüberschaubaren Menge an Literatur und unterschiedlichsten Darstellungen konfrontiert. Das ist bei einer gesellschaftlichen und geistigen Erscheinung von solch geschichtlicher Bedeutung nicht anders zu erwarten. Allein die unterschiedlichen Glaubensrichtungen innerhalb des Chris-tentum, die unterschiedlichen Darstellungen der Entstehung, die Diskussionen über die Glaubwürdigkeit der biblischen Überlieferungen etc. könnten ein jahrelanges Studium ausfüllen.
In der folgenden Darstellung versuche ich die wichtigsten ursprünglichen Glaubenssätze sowie die wichtigsten geschichtlichen Entwicklungen aufzuzeigen und zwar so, daß auch Menschen, die zum ersten mal etwas vom Christentum hören, etwas damit anfangen können. Die Darstellung muß zwangsläufig lückenhaft sein und sie wird mit Sicherheit nicht von allen geteilt werden, die sich Christen nennen oder die das Christentum verurteilen. Ich habe mich außerdem darum bemüht, auf Polemik zu verzichten, was mir nicht leicht gefallen ist. [1]
Entstehung
Die Bibel (von gr. biblia) ist die "Heilige Schrift" der Christen, nach ihrer Auffassung die Offenbarung der Worte Gottes. Sie hat zwei Teile: Das ursprünglich in hebräischer Sprache abgefaßte Alte Testament beinhaltet jüdische Texte aus vorchristlicher Zeit, das ursprünglich in griechischer Sprache abgefaßte Neue Testament beinhaltet Berichte über das Leben Jesu (vier Evangelien), Berichte über die Apostel, die ersten Anhänger Jesu, und die "Offenbarung des Johannes" (Apokalypse). Die Zusammenstellung aller dieser Schriften zu einem festen Kanon war im 4. Jahrhundert abgeschlossen. [Wobei sich hier die Frage stellt, wieso die jüdischen Apostel ihre Berichte in Griechisch verfaßt haben sollen.]
Entstehung der Dogmatik: Die christlichen Glaubenssätze, so wie sie noch heute beste-hen (jedenfalls bei den Buchstabengläubigen), haben sich in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung nach und nach entwickelt - z. T. auch durch Übernahmen von Auffassungen anderer Religionen, Kulte, Philosophien etc. -, wurden also nicht von Beginn an so von den Christen vertreten. Das läßt sich anhand alter Literatur nachweisen. Der vorläufige Abschluß dieses Prozesses war ungefähr das Jahr 381 mit der Synode von Konstantinopel.
Alle christlichen Glaubensrichtungen werden wohl in folgender Darstellung übereinstim-men: Das Christentum ist die Religion, die im Leben und Wirkung von Jesus Christus ihren Ursprung hat, einschließlich seines Todes, Wiederauferstehung und Himmelfahrt. [Wobei sich mir schon hier die Frage aufdrängt, was an den Überlieferungen Tatsache, was Dichtung ist. Außerdem ist anzumerken, daß einige moderne
christliche Theologen schon in dieser elementaren Frage einen anderen Ansatzpunkt haben. Siehe unten.]
Grundsätzliche Glaubenssätze: Es gibt einen allmächtigen, allwissenden und gleichzeitig "Lieben" Gott, der eine sich wissende Person ist (Unterschied zum Panheismus) und der die Welt und die Menschen aus dem Nichts geschaffen hat. (Creatio ex nihilo.) Dieser Gott besteht aus "drei Teilen".
(Dreieinigkeitslehre) Gottvater hat seinen Sohn Jesus, mit dem er aber letztlich identisch ist, zu den Menschen geschickt, um sie von der Sünde zu erlösen, weil die Menschen dies aus eigener Kraft nicht können. Diese Erlösung ist die Voraussetzung für ein späteres ewiges Leben im Himmel. Diese Schickung ging in Form der "Unbefleckten Empfängnis" (durch den "Heiligen Geist", dem "3. Teil" Gottes) und der Jungfrauengeburt (Maria) vor sich. (Weihnachten) Nach einem Leben mit allerlei Predigten und Wundertaten starb Jesus am Kreuz und sühnte so stellvertretend die Sünden der Menschheit. (Karfreitag) Zwei Tage später ist er aber von den Toten auferstanden (Ostern) und einige Zeit darauf in den Himmel gefahren. (Himmelfahrtstag). Kurz darauf wurden Jesus' engste Gefolgsleute, die Jünger oder Apostel von Gott in Form des Heiligen Geistes erleuchtet und gründeten die christliche Kirche. (Pfingsten) Hiermit sind auch die wichtigsten christlichen Feiertage genannt. Wer an die christliche Religion nicht glaubt, kann nicht von Jesus erlöst werden und wird nach seinem Tode ein sehr übles ewiges Leben in der Hölle haben, die von einem bösen Geist, dem Teufel beherrscht wird.
Erbsünde: Zu Beginn, als die beiden ersten Menschen - Adam und Eva - noch im Paradies lebten, ließ Adam sich von Eva dazu verführen, in einen Apfel zu beißen, der vom "Baum der Erkenntnis" gepflückt war. Dieser "Sündenfall Adams" bewirkte die Sündhaftigkeit aller Menschen, aus der sie nur von Jesus erlöst werden können.
Polarität gut - böse: Gott, als dem guten Geist, wird der Teufel, ein böser Geist, gegenübergestellt. Gut ist, was Gott will. Böse, also Sünde, ist, was Gott nicht will. Ein anderes Kriterium gut und böse zu unterscheiden, gibt es nicht. Der Teufel ist ein letztlich Gott gegenüber unmächtiger Geist. Viele Christen fragen sich deshalb, warum läßt der allmächtige und allgütige Gott das Wirken des Teufels zu? Auf philosophischem Gebiet führte dies u. a. zu den Diskussionen um die
Theodizee [Eine Antwort darauf läßt sich auf dem Boden christlicher Dogmen nicht finden. Sehen Sie hierzu auch
"Über die Unschlüssigkeit des christlichen Gottesbildes".]
Jenseits: Wie die Juden glauben auch die Christen (wie auch die
Moslems) an ein Weltgericht (Jüngstes Gericht) und die Auferstehung der Toten. Dort würden gute Taten belohnt, böse bestraft. Anfänglich wurde die frühe Wiederkehr Christi erwartet (Parusie), das Weltgericht als etwas diesseitiges angesehen. Später sahen die Christen darin ein jenseitiges Ereignis. [Diesseits und Jenseits verschwimmen z. T. zur Unkenntlichkeit, (siehe z. B. die Offenbarung des Johannes).] In beiden Varianten ging es um die "Auferstehung des Leibes", nicht (nur) der Seele. [Einige christliche Glaubensrichtungen stellen sich das Jenseits als eine rein geistige, nicht körperlich-materielle Angelegenheit vor. Ob das Christentum von Beginn an so geglaubt hat, ist umstritten.]
Die weitere Entwicklung
Ca. in der 2. Hälfte des 1. christlichen Jahrhunderts löste sich das Christentum aus dem Judentum heraus, besonders durch das Wirken von Paulus, dem "Apostel der Heiden", der unter Heiden christliche Gemeinden schuf, die nicht dem jüdischen Gesetzen unter-lagen. Die Behauptung, Paulus habe das ursprüngliche von Jesus gestiftete jüdische Christentum
"hellenisiert", ist umstritten. [Es wäre jedenfalls eine gute Erklärung dafür, daß das
Neue Testament in griechisch verfaßt wurde, zentrale Begriffe wie
Christentum und
Bibel griechischen Ursprungs sind und viele Glaubenssätze des Christentums an die
griechische, besonders platonische Philosophie erinnern.]