Hymnenzeit ca. 1500 - 1000
Allmähliche Eroberung Indiens durch arische Stämme mit indogermanischer Sprache.
Eine Unterscheidung von Belebtem und Unbelebtem, von Personen und Sachen, von Stofflichem und Geistigem wurde noch nicht vorgenommen. Naturelemente und Naturge-setze wurden als Personen gedacht.
Die ersten Keime philosophischen Denkens entstehen mit der Frage: Liegt hinter der Vielzahl der Götter ein letzter Urgrund verborgen? Zum Ende der Hymnenzeit kommt es zum ersten Zweifel an der Existenz der Götter.
Zeit der Opfermystik ca. 1000 - 750
Entstehung des Kastenwesens, das das hinduistische Indien bis heute prägt. Aryas (die indogermanischen Eroberer) und Tschudras (die unterworfenen Völker). Innerhalb der Aryas: Brahmanen (Priester), Kschatriyas (Krieger, Adel) und Vaischyas (Freie, Kaufleute). Noch unter den Tschudras stehen die Parias (Sklaven, unbekehrte Eingeborene). Aus ihnen sind die "Unberührbaren" hervorgegangen. Im Laufe der Zeit entwickelten sich viele weitere erbliche Unterkasten, die alle streng getrennt voneinander lebten.
Im Gegensatz zur Hymnenzeit, wo die Kschatriyas die Vormacht hatten, entsteht nun die Vormacht der Brahmanen, die aber nicht zu ihrer weltlichen Herrschaft führt. Es kommt zur Monopolisierung des Wissens. In dieser Zeit entstehen die Begriffe "Brahman und Atman".
Vaischeschika bedeutet ungefähr "Unterschied". Der Name besagt, daß dieses System versucht, durch das Herausfinden von Unterschieden, von Differenzen in der Welt der objektiven Körper und des Inneren des Menschen zu klarer Erkenntnis zu kommen. Der Schwerpunkt dieses Systems liegt auf Welterklärung, Metaphysik und Naturphilosophie.
Im weiterem Verlauf ist es zu einer Verschmelzung dieser beiden Systeme gekommen.
Es bleiben aber eine ganze Menge Fragen offen: Mir ist nicht klar, wie der Puruscha, wenn er untätiger Geist, also pures untätiges Bewußtsein ist, überhaupt etwas erkennen soll, z. B. daß ihn die materiellen Prozesse gar nichts angehen. Denn Erkennen setzt Tätigkeit voraus. Es soll sich hier vielleicht um ein Erkennen handeln, das mit Begriffen wie "denken", "fühlen" und "wahrnehmen" nicht mehr beschreibbar ist.
Yoga hieß ursprünglich soviel wie "Joch" (ist auch sprachlich mit diesem deutschen Wort verwandt) und bedeutet Selbstzucht, Disziplin. Es ist das System, das den Schwerpunkt nicht so sehr auf theoretische Erörterungen legt, sondern mehr auf die praktische Seite, indem es Mittel und Wege aufzeigt, wie die Erlösung erreicht werden kann.
Erlösung: Das Grundlegende des Yoga-Systems ist die Lehre, daß der Mensch durch ein bestimmtes System asketischer Übungen, zu dem auch eine streng vorgeschriebene Art des Sitzens gehört, durch Konzentration, Abziehung der Sinne von der Außenwelt, Meditation u. ä. m. einen Zustand tiefster Einsicht, Entzückung und Erlösung erreichen kann, der mit Worten nicht zu beschreiben ist, und den keiner verstehen kann, der ihn nicht erlebt hat. Die Yogis meditieren dann über Jahre hinweg, um diesen Zustand zu erreichen und klinken sich damit aus dem praktischen Leben aus.
Zauberkräfte: Als Nebenprodukt dieses Strebens entstehen dann angeblich Fähigkeiten wie Allwissenheit, Unverletzlichkeit, Allmächtigkeit. [Wahrscheinlich soll das bedeuten, daß sich der Yogi mit dem obersten Puruscha verbindet, in ihm aufgeht.] Nach der reinen Yoga-Lehre sind dies alles aber nur Mittel um zur Erlösung zu gelangen. Wer an diesen Fähigkeiten haften bleibt, oder sie gar zum Broterwerb, zur Befriedung der Schaulust anderer Menschen einsetzt, wird als Scharlatan angesehen, der das wahre Heil nicht erlangen wird.
Das Vedanta-System - Der Philosoph Schankara
Vedanta heißt "Ende der Veda" und war ursprünglich ein Name für den Schlußteil der Veda, also für die Upanischaden. Vedanta-Systeme nannte man diejenigen, die konsequent an der Brahman-Atman Lehre festhielten und diese gegen andere Lehren, sowohl dem Buddhismus als auch dem
Samkhya-System, das ja lediglich formell die Veda anerkennt, verteidigt. Es sind die einflußreichsten Systeme. Unter ihnen ist die Lehre des Philosophen Schankara, der um das Jahr 800 u. Z. lebte, die einflußreichste.
Erkenntniskritik: Weil die Alltagserfahrung der Auffassungen widerspricht, Brahman und Atman, Atman und Welt seien identisch, unterzieht Schankara die Mittel unserer Erkenntnis einer eingehenden Kritik. Er fragt: "Wie ist Wissen überhaupt möglich, wie kommt es überhaupt zustande und wieso ist es unbezweifelbar?" Sowohl in den Fragen, wie in den Antworten kommt Schankara Kant sehr nahe. Die Welt, wie sie uns unsere Sinnen vermittelt, ist nur die Erscheinung. Die Vorstellung, wir könnten durch sinnliche Erfahrung das wahre Wesen der Welt erkennen, ist Täuschung,
Maya.
Zwei Stufen der Erkenntnis: Schankara sieht aber auch, daß die Veda vieldeutig ist, daß neben Texten, die die Einheit von Brahman und Atman behaupten, auch andere Texte zu finden sind, die nicht von dieser Einheit ausgehen. Er zieht daraus den Schluß zu sagen, es gäbe zwei Stufen der Erkenntnis. Auf der niederen Stufe erscheint Gott als Weltschöpfer, als von den Menschen getrennt, durchaus auch als Person. Dieses Gottes- und Weltbild ist dem Fassungsvermögen des breiten Volkes angepaßt und zumindestens die Vorstufe der höheren Erkenntnis. Der Wissende tadelt diese niedere Stufe der Erkenntnis nicht, er kann in jedem Tempel, zu jedem Gott beten. Aber er weiß auf der höheren Stufe der Erkenntnis, daß sich hinter der Vielheit der Gottheiten, der Vielheit der materiellen Dinge und der Vielheit der Menschen letztlich der einzige wahrhaft existierende Brahman befindet, mit dem alles identisch ist und der letztlich unerkennbar ist.
Ethik: Unterscheidung zwischen Ewigem und Nicht-Ewigem; Verzicht auf Lohn im Dies-seits wie im Jenseits; Gemütsruhe, Selbstbeherrschung, Entsagung von Sinnengenuß, Ertragen aller Mühsale, innere Sammlung, Glaube; Verlangen nach Erlösung vom indivi-duellen irdischen Dasein. Gute Werke sind zwar nicht völlig wertlos, da sie eine Ähnlichkeit zur Askese haben, aber entscheidend ist nicht das richtige Tun sondern das richtige Erkennen. [Beinahe wie
Kant. Aber bei dem ist es in erster Linie Pflichtbe-wußtsein.]
Zur indischen Religion siehe Der Hinduismus
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