Arthur Schopenhauer

Allgemeines: Arthur Schopenhauer (1788 - 1860), deutscher Philosoph. Ursprünglich ein Schüler Kants. Daneben gab es Einflüsse von Platon und besonders von der indische Philosophie, (siehe auch: Brahman-Atman Lehre, Buddhis-mus) die zu seinen Lebzeiten den Europäern nach und nach bekannt wurde.

Arroganz: Schopenhauer wußte um seine Bedeutung in der Philosophie und war nicht gerade bescheiden. "Ein Denkmal wird die Nachwelt mir errichten." "Wohl ... ist die Tugend der Bescheidenheit eine erkleckliche Erfindung für die Lumpe; da ihr gemäß jeder von sich zu reden hat ... als gäbe es überhaupt nichts als Lumpe." (Zitiert nach Störig, S. 502f.) Die einfachen Menschen nannte er "Fabrikware der Natur".

Kant: Schopenhauer bezeichnet Kants Philosophie als Eingangspforte zu seiner Philosophie. Sie gleicht einer Staroperation an einem Blinden. Er hat im Einzelnen aber manches an der kantischen Philosophie auszusetzen:

Die Welt ist meine Vorstellung: Mit diesem Satz beginnt das Hauptwerk. Wenn irgendei-ne Wahrheit a priori ausgesprochen werden könne, so sei es diese. Es wäre aber einseitig die Welt nur als Vorstellung anzusehen. Das zeigt schon das unwillkürliche Widerstreben, das jeder empfindet, wenn ihm zugemutet wird, die ganze Welt als bloße Vorstellung zu nehmen. Solipsisten gehörten ins Tollhaus. [Das "Unwillkürliche Widerstreben" reicht mir als Argument nicht!]

Metaphysik ist möglich: Schopenhauer geht einen Mittelweg zwischen vorkantischem Dogmatismus und kantischer Verneinung der Metaphysik. Metaphysik sei möglich, weil sie empirisch begründbar sei. Wir müßten nur innere und äußere Erfahrung am richtigen Punkt verknüpfen.

Wille: Dann würden wir sehen, daß die Welt außer Vorstellung auch Wille sei. Wir erlebten unseren Leib unmittelbar als Vorstellung und als Wille. Der Leib sei der in Raum und Zeit objektivierte Wille. Diese Erkenntnis sei die unmittelbarste, sie ist die eigentliche philosophische Wahrheit.

Der Wille ist das Entscheidende am Menschen: Das Wesen des Menschen liege nicht in Denken, Bewußtsein, Vernunft. Unsere bewußten Gedanken seien nur die Oberfläche. Der Intellekt sei ein Diener des Willens.

Der Wille ist das Wesen der Welt: Aber nicht nur der Mensch sei seinem Wesen nach Wille. Alle uns in Raum und Zeit umgebenden Erscheinungen seien Objektivationen eines blinden Weltwillens.

Der Wille steht über der Vernunft: Die Welt als die Entfaltung einer Urkraft oder eines Urwillens anzusehen, darin unterscheidet sich Schopenhauer noch nicht von den Deutschen Idealisten vor ihm. Während aber die Idealisten das Letzte und Absolute im Geist, in der Idee, in der Vernunft sehen, die sich in der Welt entfalte, ist für Schopenhauer das Letzte und Absolute der blinde Wille, ist Vernunft lediglich der Diener des irrationalen Weltwillens. Hier liegt die theoretische Begründung des Pessimismus.

Kant und Platon: Das kantische  "Ding an sich" sei der Wille. Die  "platonischen Ideen" seien die ewigen Urbilder, in denen der unendliche Wille in Erscheinung trete.


In meinem 17ten Jahre, ohne alle gelehrte Schulbildung, wurde ich vom Jammer des Lebens so ergriffen wie Buddha in seiner Jugend, als er Krankheit, Alter, Schmerz und Tod erblickte. Die Wahrheit, welche laut und deutlich aus der Welt sprach, überwand bald auch die mir eingeprägten jüdischen Dogmen, und mein Resultat war, daß diese Welt kein Werk eines allgütigen Wesens sein könnte, wohl aber das eines Teufels, der Geschöpfe ins Dasein gerufen, um am Anblick ihrer Qual sich zu weiden; darauf deuteten die Data, und der Glaube, daß es so sei, gewann die Oberhand.



Aus dem handschriftlichen Nachlaß Schopenhauers.
Zitiert nach Rowohlt Monographie
Horkheimer, S. 9.


Leben ist Leiden: Das Leben sei nicht lebenswert. Not sei die beständige Geisel des größten Teils der Menschheit. In letzter Instanz sei jeder allein. Fressen und Gefressen-werden sei das Gesetz der Natur. Unser Leben eile unaufhaltsam dem Tode entgegen usw. usf.

Erkenntnis ist keine Erlösung: Im Gegenteil, je höher die Erscheinungsform des Lebens sei, um so größer und offenbarer sei das Leid, um so größer sei die Empfindsamkeit. Das Genie leide am meisten.

Der Selbstmord ist sinnlos: Der Wille schaffe sich sofort eine neue Inkarnation.

Der ästhetische Weg der Erlösung, Genie und Kunst: Kunst sei die Betrachtung der Dinge losgelöst von Kausalität und Willen. Genialität sei vollkommenste Objektivität. In der Betrachtung der Kunst könnten wir uns dem Sklavendienst des Willens entziehen.

Musik: Unter den verschiedenen Kunstarten nehme die  Musik eine besondere Rolle ein. Sie sei das unmittelbare Abbild des Willens selbst und damit des Wesens der Welt. [Die Deutschen und die Musik.]

Der ethische Weg der Erlösung, Verneinung des Willens: Unseren Wünschen und Trieben hingegeben würden wir nie Glück und Ruhe finden. Askese als vorsätzliche Brechung des Willens sei der Weg der Erlösung.

Unbewußtsein: Nach Störig hat Schopenhauer der Philosophie die Augen geöffnet für die dunkle Tiefe im Menschen unterhalb des Bewußtseins und hat damit dem Weg bereitet für eine Philosophie und Psychologie des Unbewußten.

Schopenhauer und Hegel: Den etwas älteren aber zeitgleich mit ihm in Berlin lehrenden Hegel lehnte Schopenhauer schroff ab. Über niemanden sonst hat er sich wohl so ablehnend und verächtlich geäußert. Eine kleine Kostprobe: "Hegel, ein platter, geistlo-ser, ekelhaft-widerlicher, unwissender Scharlatan, der, mit beispielloser Frechheit, Aber-witz und Unsinn zusammenschmierte, welche von seinen feilen Anhängern als unsterbli-che Weisheit ausposaunt und von Dummköpfen richtig dafür genommen wurden, ... hat den intellektuellen Verderb einer ganzen gelehrten Generation zur Folge gehabt." (Zitiert nach Weischedel, S. 109.) Trotz dieser Schimpftiraden haben später einige Philosophen versucht, eine Synthese aus Hegel und Schopenhauer zu ziehen, z. B. Eduard von Hartmann. Ich selbst neige ebenfalls einer solchen Synthese zu. (Sehen sie hierzu bitte "Eine kurze Zusammenfassung meiner Philosophie" und  meine Kritik an Hegel.)


Meine Kritik an Schopenhauer

Wie viele andere Philosophen vor und nach ihm, glaubte Schopenhauer, den Stein der Weisen, die endgültige Wahrheit gefunden zu haben. Das hat er aber genausowenig wie die anderen Absolutisten. Er ist lediglich eine interessante Stimme im Konzert.

Ob man dem Optimismus oder dem Pessimismus zuneigt, ist nicht eine Frage des vernünftigen Erkennens. Wenn Schopenhauer dies behauptet, dann führt er sich ja selbst ad absurdum. Es ist eine Frage der Mentalität. Nietzsche hat aus ähnlichen philosophi-schen Grundansichten ganz andere Schlußfolgerungen gezogen.

Ich bin von meiner Mentalität her ein unverbesserlicher Optimist. Der Pessimismus ist mir zuwider!

Bezogen auf ein individuelles Schicksal, das Schicksal bestimmter Gruppen oder aller Menschen, aller bewußten Wesen zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort ist Pessimismus oft Realismus. Aber Pessimismus ist für Schopenhauer etwas ontologi-sches, das Sein, alle Existenz schlechthin betreffendes. Das kann ich aus mehreren Gründen nicht unterstützen: Erstens kann ich das Sein schlechthin überhaupt nicht überblicken mit meinem eingeschränkten Erkenntnisvermögen und mache deshalb über das Sein schlechthin keine Aussagen, bzw. nur Aussagen in Form von Vermutungen. Zweitens besteht die Möglichkeit, daß im weiteren Verlauf der Geschichte objektive und subjektive Ursachen von Leid weitgehend ausgeschaltet werden. Drittens vertrete ich die Vermutung, daß alle bewußten Wesen in ihrem innersten Kern Weltgeist sind. In irgend-einer Weise werden die Individuen, die heute leiden, in Zukunft eventuell ein glückliches Leben führen. Mit diesen Auffassungen beweise ich nicht etwa den Optimismus als die richtige Einstellung zum Sein. Ich behaupte lediglich, daß eine optimistische Sicht mindestens soviel gute Gründe für sich anführen kann, wie eine pessimistische.

Zum Selbstmord: Entweder es verschwindet das einzelne Individuum mit seinem Tod, dann lohnt sich der Selbstmord aus individueller Sicht, vorausgesetzt natürlich, man findet das Leben unerträglich; oder aber das einzelne Individuum überdauert seinen Tod und dann ist Sterben nur eine schnell ablaufende Metamorphose. In diesem Fall würde der Pessimismus einen wichtigen Pfeiler verlieren.

Ich will keine Willensverneinung! Ich will in dieser Welt tätig sein, versuchen meine Bedürfnisse zu befriedigen, auch wenn ich weiß, daß mir dies häufig mißlingen wird und daraus Leid entsteht. Leid gehört zum Leben wie Freude. Aber gerade das dialektische am Sein hat Schopenhauer überhaupt nicht kapiert, sondern es als "Fieberphantasien eines Hegels" abgetan.

Wenn neben dem Weltwillen nicht auch die Weltvernunft eine bedeutende Rolle spielen würde, dann könnte ich mir die Entstehung und Funktionsweise der (mir erkennbaren) Welt nicht hinreichend erklären. (Näheres hierzu bei  Hegel.)

Kunst und darunter auch  Musik haben sehr viel mit der Art und Weise zu tun, wie wir Menschen fühlen und wahrnehmen. Anders geartete intelligente Wesen würden zu unseren Kunstwerken ein ganz anderes Verhältnis haben als wir. Die Musik als unmittel-bares Abbild des Willens zu sehen, ist ein nicht zu vertretener Anthropozentrismus. Schon andere Europäer haben zur Musik ein anderes Verhältnis als die Deutschen.

Im Detail könnte man an Schopenhauer noch viel mehr kritisieren, z. B. seine Einschät-zung der Frau. Aber in diesem Punkt ist er wie viele andere, auch Linke, Fortschrittliche, ein Kind seiner Zeit.


Literatur, Sekundärliteratur und Internetlinks

Literatur:

Sekundärliteratur:
  • Rowohlt Monographie Schopenhauer

Schopenhauer im Internet:

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