Mythos und Hypothese

Ein Mythos ist eine Sage oder eine Sammlung von Sagen (Götter-, Tier- und Heldensa-gen) z. B. über Weltentstehung und Weltuntergang, die Entstehung und das zukünftige Schicksal der Menschen. Fast alle Völker haben einen Schöpfungsmythos hervorge-bracht. Der am weitesten verbreitete ist der Schöpfungsmythos der Bibel, im 1. Buch Mose. Die Mythen gleichen Märchen. Sie werden nicht kritisch, vernünftig hinterfragt.

In der Regel sind Mythen die frühesten in Worte gefaßte Überlieferungen eines Volkes. Z. T. werden Mythen aber auch von einzelnen klar bestimmbaren Menschen ausgedacht. Viele vorsokratische Philosophen waren faktisch Mythenerfinder bei denen allerdings schon ein bischen vernünftige Erklärungsversuche einflossen. Die Grenze zwischen Mythos und Philosophie war zur Zeit der Vorsokratiker noch fließend. Aber auch in jüngerer Zeit hat es immer wieder Mythenerfinder gegeben, die für ihre Geschichten viele Anhänger fanden. (Z. B. Rudolf Steiner.)

Ein Mythos wird "gebildet in der absichtslos dichtenden Sage", wie David Friedrich Strauß es genannt hat. Er ist das Ergebnis des menschlichen Einbildungsvermögens, des fabulierenden Verstandes. Es gibt verschiedenste Mythen, denen eines gemeinsam ist: Sie sind nicht nachprüfbar. Man kann sie glauben oder es auch lassen. (Die Aussa-gen von Mythen können noch sovielen Erfahrungen und modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen, der Gläubige wird trotzdem an ihnen festhalten.)

Eine Hypothese ist eine auf der Grundlage von Beobachtungen und Überlegungen (Empirie und Ratio) gebildete Vermutung. Sie wird auf der Basis von Indizien aufgestellt. Sie ist von Menschen gleicher Bildung und gleichem Wissensstand überprüfbar. Sie kann auf Basis weiterer Erfahrungen und Überlegungen verifiziert oder falsifiziert werden. (Das trifft allerdings nicht für alle Hypothesen zu. Z. B. die Behauptung, daß ein Individuum mit seinem Tod nicht nur körperlich, sondern auch bewußtseinsmäßig aufhört zu existieren, ist - zumindestens in dieser Welt - weder verifizierbar noch falsifizierbar. Man könnte nun mit einer gewissen Berechtigung sagen, dadurch ist diese Behauptung eben gar keine Hypothese, sondern ein Glauben. Ich plädiere dafür, den Begriff Hypothese nicht ganz so eng zu sehen und ihn auch für begründbare philosophische Aussagen zuzulassen.)

Sowohl die Hypothese wie der Mythos können Wahrheit enthalten oder aber auch völlig neben den Tatsachen liegen. Aber auf Grund des unterschiedlichen Zustandekommens gibt es für Hypothese und Mythos völlig zu recht zwei verschiedene Worte. Darüber hinaus ist das Aufstellen von Hypothesen eine höhere Form von Erkenntnisart als das Erfinden von Mythen. Ansonsten wäre nämlich die  Evolutionstheorie und das 1. Buch Mose tatsächlich qualitativ gleichwertig. In einigen Bundesstaaten der USA ist dies bekanntlich Grundlage der Bildungspolitik. Nach meiner Auffassung eine unzulässige Vermischung von Mittelalter und aufgeklärter Gegenwart.


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