Ich halte es nicht für richtig, wenn man sich ein altes Buch nimmt, das tausend oder zweitausend Jahre alt ist, z. B. die
Bibel oder den
Koran, und behauptet, da stände die absolute Wahrheit drin. Ich halte es auch nicht für richtig, wenn man losgelöst vom gegenwärtigen Entwicklungsstand der Naturwissenschaft, sich etwas zusammenspeku-liert, das schön zu den eigenen Wünschen passt. Die Naturwissenschaft ist ein wichtiger Teil der Geistesgeschichte der Menschheit und soll nicht ignoriert werden.
Andererseits sollte man aber auch nicht glauben, mit unseren naturwissenschaftlichen Erkenntnissen hätten wir ontologische, das Sein schlechthin betreffende Wahrheiten letzter Instanz. Wir Menschen können nur innerhalb eines bestimmten quantitativen wie qualitativen Bereichs des Seins etwas erkennen. Innerhalb dieses Bereichs mögen wir auch zu richtiger Erkenntnis fähig sein, d. h. unabhängig von uns existierende objektive Tatbestände werden uns bewusstseinsmäßig gegenwärtig. Aber was wir erkennen können, sind eben immer nur Wahrheiten innerhalb dieses bestimmten Bereichs. Welche Bedeutung diesen von uns erkannten Tatbeständen im Sein schlechthin zukommen, können wir nicht wissen.
Höher entwickelte Tiere wissen schon viel mehr von ihrer Umwelt. Die Säugetiere können sehen, riechen, hören. Sie können ihr Futter finden, sich fortpflanzen, ihre Jungen großziehen etc. Aber ein Tier wird nie begreifen können, was ein Buch ist. Eine ganze Seinssphäre, die wir Menschen uns geschaffen haben, die Sphäre des in Büchern und anderen Medien gespeicherten menschlichen Wissens, ist den Tieren unzugänglich. Sie haben keinen blassen Schimmer von ihrer Existenz.
Wir Menschen haben sowohl quantitativ wie qualitativ einen größeren Einblick in das Sein als die höchstentwickelten Tiere. Aber wieso gehen wir denn davon aus, dass das, was wir mit unseren Sinnesorganen und unserem Gehirn erkennen können, mit dem Sein schlechthin identisch sei? Ist es nicht möglich, ja ist es nicht geradezu wahrscheinlich, dass wir Menschen (biologisch gesehen das höchstentwickelste Tier auf diesem Plane-ten) auch nur einen Ausschnitt des Seins erkennen, quantitativ wie qualitativ? Innerhalb dieses Ausschnitts mögen wir, wie die Tiere in dem ihnen zugänglichen Ausschnitt, zu richtiger Erkenntnis fähig sein, aber eben nur innerhalb dieses Ausschnitts. Es kann Seinsbereiche geben, von denen wir Menschen soweit entfernt sind, wie das Tier vom Buch. Und so sehr wir uns auch anstrengen, wir können zu diesen Seinsbereichen nicht vordringen, weil wir hierzu einfach nicht ausgestattet sind.
Dass es quantitative Seinsbereiche gibt, die wir Menschen nicht wahrnehmen können, wird heute keiner mehr bestreiten. Wir nehmen weder die atomare und molekulare Struktur der Dinge wahr, noch die elektromagnetischen Strahlungen außerhalb des Bereichs des sichtbaren Lichts. So wie frühere Generationen nichts von Radiowellen wussten, so kann es natürlich auch sein, dass spätere Generationen von manchem wissen werden, wovon wir heute noch keine Ahnung haben.
Dass es qualitative Seinsbereiche außerhalb unseres Erkenntnisvermögens gibt, darauf weist z. B. die
Relativitätstheorie hin. Diese stellt Behauptungen auf, die dem gesunden Menschenverstand widersprechen. Wir können uns keinen gekrümmten Raum vorstellen. Auch nicht die anderen Verwicklungen, die die Konstanz der Lichtgeschwin-digkeit mit sich bringt. Auch die Behauptung Heisenbergs, dass es im subatomaren Bereich keine Kausalität gebe, ist nicht vorstellbar. Wir Menschen denken in Kausalitäts-zusammenhängen, aber das bedeutet eben nicht, dass es in dem von uns unabhängigen Sein überall Kausalität geben muss.
Aber auch hier kann der Mensch über das bisher Erkannte hinaus natürlich noch viel mehr sein, als er über sich weiß und über sich wissen kann. Man kann sehr wohl die modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse über die Funktionsweise des menschli-chen Körpers, besonders des Gehirns und des Nervensystems, ernst nehmen, sie für richtige Erkenntnisse halten, ohne deshalb davon auszugehen, dass der Mensch sich in dem erschöpft, was mit naturwissenschaftlichen Methoden an ihm erkennbar ist. [3]
Und hinter diesem Ich könnte ein weiteres stehen usw. Wenn alle Beschränktheiten durchschritten wären, dann bliebe zum Schluss das letzte, allumfassende Ich, das aber vielleicht gar kein Ich mehr ist, sondern eine »Ichlose«, unpersönliche geistige Kraft als Kern des Seins. Und dies wäre dann Gott oder
Brahman oder das
Ureine oder die
Substanz usw. usf. Viele Worte wurden schon dafür geprägt. (Es handelt sich hier um eine philosophische, eine pantheistische
Hypothese, nicht um eine Aussage, auf die ich einen Absolutheitsanspruch erhebe!)
II. Ausschließungsverfahren
Objektive Wahrheiten werden unmittelbar als solche erkannt. Sie sind nicht mehr das Ergebnis von Argumenten. Es sind Behauptungen, über die man nicht mehr ernsthaft diskutiert. Alles, was man mit Argumenten beweisen muss, bleibt bezweifelbar. Aber es wird kein vernünftiger Mensch auf die Idee kommen, einen Disput darüber zu führen, ob Rumpelstilzchen existiert oder nicht. In dem Moment, wo man zu beweisen sucht, dass Rumpelstilzchen nicht existiert, hat man schon verloren. (Ich halte Letztbegründung für möglich.)
Einem Menschen, der sich auf einem intellektuellen Niveau bzw. einem intellektuellen Entwicklungsstand befindet, auf dem er glauben kann, die Welt sei nur geträumt bzw. dies jedenfalls möglich sei, dem kann man nichts anderes beweisen. Jedes Argument, das man bringt, ist aus der Perspektive des anderen ja geträumt. Man kann lediglich Argumente dafür bringen, dass die Welt aller Wahrscheinlichkeit nach nicht geträumt ist. Beweisen kann man das nicht. (Die meisten Menschen werden die Existenz der Welt allerdings deshalb nicht bezweifeln, weil sie gar nicht erkennen, dass es hier ein Problem gibt.)
Man kann alle Behauptungen, die über das unmittelbar Erlebte hinausgehen, in zwei Gruppen einteilen: In die Gruppe der Behauptungen, die man mit Sicherheit als falsch ausschließen kann und in die Gruppe der Behauptungen, die als mögliche Wahrheiten bestehen bleiben. Innerhalb dieser Gruppe kann man die eine Erklärung für plausibler halten als die andere, aber beweisen kann man nichts.
Das intellektuelle Niveau ist nichts statisches, bzw. muss nichts statisches sein. Der Mensch kann sich durch Lernen und Denken auf immer höhere Niveaus entwickeln. Dabei ist die qualitative Weiterentwicklung wichtiger als der rein quantitative Wissenser-werb. Ersteres hat aber das zweite in beträchtlichem Maße zur Voraussetzung. Sehen Sie hierzu das
»dialektische Gesetz des Umschlagens quantitativer in qualitative Veränderungen«. Auf jedem Niveau wird man wieder auf's Neue Behauptungen mit Sicherheit ausschließen können, die auf dem vorherigen Niveau noch als mögliche Wahr-heiten bestehen blieben. Einem Menschen, der ein bestimmtes intellektuelles Niveau nicht hat, kann man Wahrheiten, die nur auf diesem Niveau erkennbar sind, nicht ver-mitteln. (»Wir haben keine Worte um mit dem Affen von Weisheit zu reden. Der ist schon weise, der den Weisen versteht.« Lichtenberg)
Auf der einen Seite kann man abstürzen in den Relativismus, der nichts mehr als sicher anerkennt und damit naiv ist, denn je nach dem intellektuellen Niveau, auf dem man sich befindet, kann man eine ganze Menge von Behauptungen ausschließen. Auf der anderen Seite kann man abstürzen in den Dogmatismus, in die Verabsolutierung von Auffassun-gen, die man als objektive Wahrheiten ansieht, obwohl sie es nicht sind.
Dies gilt auch in den Bereichen der Ethik und der Ästhetik. In der Ethik kann man abstürzen in den Nihilismus, der keine ethischen Maßstäbe anerkennt und damit menschenverachtend ist, da das Handeln des Sadisten, der kleine Kinder totquält, auf der gleichen Stufe steht wie das Handeln des Philanthropen, der kranke Kinder selbstlos gesund pflegt. Und man kann abstürzen in einen moralischen Rigorismus, der die eigenen Moralvorstellungen zu objektiven Maßstäben hochstilisiert. In der Ästhetik kann man abstürzen in den ästhetischen Relativismus. Dann ist Beethoven genausoviel wert wie der Penner, der auf dem Kamm bläst. Und man kann abstürzen in eine kleinliche Intoleranz, indem man seinen eigenen Geschmack zu einem objektiven ästhetischen Maßstab erhebt.
Was man erkennen kann und was nicht, ist nicht nur eine Frage der intellektuellen Potenz, sondern auch eine Frage der Interessen. Unsere Interessen schränken unsere Erkenntnisfähigkeit ein. Wir verdrängen laufend eine ganze Reihe von Tatsachen aus unserem Bewusstsein. Und der Prozess der Verdrängung wird selbst auch verdrängt.
Ich versuche bei mir keine Verdrängungen zuzulassen. (Wobei mir klar ist, dass es Verdrängungen im
freudschen Sinne gibt, an denen ich nichts ändern kann.) Erkennt-nis ist mir wichtiger als Glück. (Um Missverständnissen vorzubeugen: Das bedeutet nicht, dass ich für unmenschliche wissenschaftliche Experimente wäre. Dieses »lieber wissen, was los ist, als dumm glücklich sein« beziehe ich ausschließlich auf meine Person. Das soll jeder Mensch nur für sich entscheiden, niemals für andere.)