Martin Heidegger, deutscher Philosoph (1889 - 1976), Professor in Marburg und Freiburg, war einer der bedeutendsten, meistdiskutierten Philosophen des 20. Jahrhunderts und in der Bundesrepublik Deutschland war er in den ersten Jahrzehnten ihrer Existenz über die von ihm beeinflußten Professoren, Gymnasiallehrer etc. wohl der bedeutendste Philosoph überhaupt, was bis in die Gegenwart nachwirkt.
Heidegger spielte während der Nazizeit eine etwas dubiose Rolle. Er und seine Anhänger haben später nie ehrlich und eindeutig dazu Stellung bezogen, sondern sich auf Ausflüchte, Ausreden und Bagatellisierungen beschränkt. Man sollte aber seine Philosophie nicht allein wegen dieses Verhaltens verwerfen, bevor man sie überhaupt kennt. Es ist leider eine bei bestimmten Menschen(gruppen) beliebte Methode, einem mißliebigen Menschen, Autor, Politiker etc. bestimmte Dinge zu unterstellen, ihm zu Recht oder zu Unrecht bestimmte Verhaltensweisen anzukreiden und auf diese Weise eine Auseinandersetzung mit seinen politischen, philosophischen etc. Auffassungen zu vermeiden. Wie bei manch anderen Philosophen sollte man auch bei Heidegger die Kritik an seiner Person von der Kritik an seinen Auffassungen trennen. Natürlich geht häufig das Verhalten eines Menschen auch aus seinen philosophischen Überzeugungen hervor und/oder er kann auf grund seiner philosophischen Überzeugung eine gewisse Nähe zu bestimmten Gesellschaftsordnungen haben, ohne diese deshalb in allen Punkten zu befürworten und alle Übertreibungen, Perversionen etc. zu unterstützen. Heideggers Philosophie vor jeder konkreten Prüfung "faschistisch" zu nennen wäre genauso falsch, wie Bloch wegen dessen katastrophaler Fehleinschätzung des Stalinismus zu bescheinigen, er hätte eine "stalinistische Philosophie" entwickelt. Viele bedeutende Philosophen hatten zu bestimmten Aspekten des praktischen Lebens oft eine naive Ein-stellung. Siehe auch
Naivitäten von Philosophen. [Vorwegnehmend will ich schon hier sagen, daß ich Heideggers Philosophie ablehne, aber in keiner Weise erkennen kann, daß diese "faschistisch" sei.]
Zeitlichkeit sei die Grundstruktur des menschlichen Daseins. Der Mensch sei "sich-vorweg", weil er sich ständig auf seine zukünftigen Möglichkeiten hin entwerfe [kleinere und größere Pläne für die Zukunft macht], er sei "schon-sein-in" weil die Vergangenheit sein gegenwärtiges Dasein bestimme und er sei "Sein-bei", weil er ständig ihn umge-bendes Seiendes vergegenwärtige. [Zeit ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und Vergangenheit und Zukunft wirken auf die Gegenwart. Banalitäten. Wenn man sich auf das beschränkt, was man unmittelbar erlebt, dann gibt es allerdings nur Gegenwart. Vergangenheit und Zukunft sind spezifische Formen von Gegenwart. Außerdem sollte man bei Überlegungen über die Zeit auch die Naturwissenschaften, speziell die
Relativitätstheorie berücksichtigen, was Heidegger aber scheinbar nicht macht.]
In der Massengesellschaft lebe der Einzelne aber nicht sein Leben. "Das Dasein steht im alltäglichen Miteinandersein in der Botmäßigkeit der Anderen. Nicht er selbst ist, die Anderen haben ihm das Sein abgenommen. ... Diese anderen sind dabei nicht bestimm-te Andere. Im Gegenteil, jeder Andere kann sie vertreten." (Zitiert nach Helferich, S. 299.) Heidegger nennt dieses Herrschaft des "Man". Menschliches Dasein sei unter diesen Umständen Verfallenheit, uneigentliches Dasein, Uneigentlichkeit. [Mit anderen Worten: Der Mensch lebt kein selbstbestimmtes, selbstgestaltetes Leben. Das in der Gesell-schaft allgemein übliche wird übernommen. Hier ist eine Stelle der heideggerschen Philosophie, wo ich noch am ehesten mit ihm übereinstimmen kann. Allerdings nicht, wenn er nun meint ein allgemein gültiges Rezept für "richtiges" Dasein zu besitzen. (Siehe weiter unten
Heideggers Kritik an der Technik.)] Diese Stelle der heidegger-schen Philosophie wird von einigen Autoren aber auch ganz anders bewertet, bzw. interpretiert. Der Mensch solle nach Heidegger kein selbstbestimmtes, selbstgestaltetes Leben führen, sondern er solle sein Schicksal erkennen und sich diesem unterwerfen. Nach dieser Interpretation würde sich hier bereits "Heidegger 2" andeuten.
Der Mensch sei nur als "Vollzug" intentionaler Akte. (Über die Intention näheres bei
Husserl.) [Eine dialektische Sicht der Identität und gleichzeitigen Nichtidentität ist mir plausibler. - Selbst wenn man zustimmt, daß der Mensch Vollzug intentionaler Akte ist, ist der Mensch auch nach Form der Dinge. Beispiel: Ein Patient, dem der Blinddarm entfernt wird, ist in diesem Moment nicht Vollzug intentionaler Akte, sondern Objekt des Vollzugs eines intentionalen Aktes eines anderen. - Tiere sind auch bezüglich intentionaler Akte Vorstufen des Menschen. Das ganze Leben, sogar das ganze Sein (allerdings nur so weit, wie es unserem Erkenntnisvermögen zugänglich ist), ist intentional, soweit man das Intentionale vom Bewußtsein trennt. Damit würde Intention allerdings einen anderen Sinn bekommen als in der Phänomenologie Husserls.]
Viele Aussagen Heideggers - keineswegs alle - können auch in der Umgangssprache wiedergeben werden. Sie verlieren dann allerdings ihre vorgebliche Tiefe. Ich teile Heideggers Aussagen in vier Gruppen:
1. Aussagen, die - jedenfalls für mich - Banalitäten, Allerweltsweisheiten wiedergeben. Beispiele: Der Mensch ist sterblich. Der Mensch findet sich in einer Lebenslage, die er sich nicht ausgesucht hat. Der Mensch plant seine Zukunft. Der Mensch ist an seiner Existenz interessiert.
2. Aussagen, die subjektive Gemütszustände Heideggers wiedergeben, die wohl auch die subjektiven Gemütszustände vieler anderer Menschen sind, aber keineswegs aller. Gefühle wie Angst und Sorge haben nicht bei allen Menschen eine solche Dominanz im Gefühlsleben wie bei Heidegger.
3. Aussagen, die unbeweisbare Spekulationen über das Sein und anthropozentrische Lächerlichkeiten beinhalten. Beispiele: Das Sein ist Quellgrund des Seienden. Der Mensch ist der Hirt des Seins. Die Sprache ist das Haus des Seins. Das Sein zieht sich vom Menschen zurück.
So sehr ich auch die phänomenologische Methode als eine sinnvolle Ausgangsposition für philosophisches Denken schätze, so halte ich auch die wissenschaftliche und speziell die naturwissenschaftliche Methode für legitim und in unserer heutigen Zeit für unabding-bar. Heidegger dagegen wertet die Naturwissenschaft und die Wissenschaft generell ab". "Daß Wissenschaft überhaupt sein soll, ist niemals unbedingt notwendig" - Aus: Die Selbstbehauptung der deutschen Universitäten. - "Die Geschichte, die Kunst, die Dichtung, die Sprache, die Natur, der Mensch, Gott - bleibt den Wissenschaften unzugänglich ..." - Aus: Was heißt Denken.
An vielen Stellen der Heideggerschen Philosophie habe ich an Hegel denken müssen. Wenn ich "Sein" mit
"Weltgeist" und "Seiendes" mit den konkreten "Manifestationen des Weltgeistes" gleichsetze, ist Heideggers Philosophie eine Spielart der Hegelschen Philosophie. Ähnlich ist es dort, wo das Sein zum Subjekt wird, wo es sich uns eröffnet oder aber sich von uns zurückzieht. Heidegger hat scheinbar nie den Gottesglauben aufgegeben, so sehr er auch selbst das Sein nicht als Gott verstanden haben wollte. Auch Heidegger wird seine
blinden Flecke für sich und seine Philosophie gehabt haben. Er war einst als Theologiestudent gestartet und ist am Ende seines Philo-sophierens wieder bei der Theologie angekommen, egal hinter welchen Worten er sich das verbarg. Ich ziehe aber die hegelsche Philosophie der heideggerschen vor, besonders wegen der dialektischen Denkweise, die ich bei Heidegger vermisse. (Als eine Sammlung interessanter philosophischer
Hypothesen, nicht etwa als höchstmögliche Existenz-form des absoluten Geistes.)
Popper: "Heidegger ist sozusagen der Hegelianer unserer Zeit, der unter anderem auch ein Nazi war. Das schlimmste ist, daß man in Deutschland und in der ganzen Welt, zum Beispiel in Südamerika, Frankreich und Spanien, Heidegger bewundert und nachgemacht hat. (...) Gewöhnlich schreibt er ja Dinge, die man überhaupt nicht versteht, und zwar seitenweise!"
Übernommen von wikiquote (http://de.wikiquote.org/wiki/Karl_Raimund_Popper)
Kurt Tucholsky: "Das, was die Franzosen heute machen, ist eine Sünde am Geiste: sie tragen Brillen und germanisieren. Es gibt keinen noch so blöden, philosophischen, deutschen Schwindel, der dort nicht schwer begeisterte Adepten fände. Heidegger! Ein Philosoph, der nur aus Pflaumenmus besteht - das ist mal schön! Man versteht kein Wort - he, das ist nicht so, wie bei unsern albern klaren Schriftstellern! Dahinter muss doch etwas sein. Es ist eine Sünde."
Übernommen von wikiquote (http://de.wikiquote.org/wiki/Martin_Heidegger)
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Literatur, Sekundärliteratur, Internetquellen
Literatur: (Nur eine Auswahl)
- Das Realitätsproblem in der modernen Philosophie
- Sein und Zeit, 1927 Hauptwerk (von "Heidegger 1")
Näheres zu diesem Buch - Was ist Metaphysik?, 1929
- Vom Wesen der Wahrheit, 1930
- Die Selbstbehauptung der deutschen Universitäten
- Über den Humanismus, 1946
- Erläuterungen zu Hölderlins Dichtung, 1944
- Identität und Differenz
- Vorträge und Aufsätze, 1954 (Darin u. a.
- Die Frage nach der Technik
- Was heißt Denken?
- Bauen, Wohnen, Denken
- Das Ding
- Was ist das - die Philosophie?, 1956
- Studien über Nietzsche, 1961
Sekundärliteratur
- Walter Biemel: Heidegger, Rowohlts Bildmonographie 1973
- Otto Pöggeler und Friedrich Hogemann: M. Heidegger - Zeit und Sein
in Speck, Josef (Hrsg), Grundprobleme der großen Philosophen, Band 3.5 - UTB Für Wissenschaft
Heidegger im Internet:
Anmerkungen
Anm. 1: Diese Behauptung ist umstritten. Heidegger selbst lehnte diese Bezeichnung für seine Philosophie ab, da sein Denken sich besonders auf das Sein bezöge. Da das menschliche Dasein für Heidegger einen zentralen Platz im Sein einnahm, halte ich diese Behauptung aber für richtig. Man könnte - analog zu Wittgenstein - von Heidegger 1 (Sein und Zeit - Existenzphilosophie, Untersuchung menschlichen Daseins) und Heidegger 2 (nach der
Kehre stärkere Betonung des Seins) sprechen. Zurück zum Text.
Anm. 2: "AVTer-Philosophie" = Angst, Verzweiflung, Tod. Diese Polemik richtet sich nicht gegen jeden Menschen, der mit Angst, Verzweiflung und Tod zu tun hat. Sie richtet sich nur gegen diejenigen, die in gesicherten materiellen Verhältnissen leben und Angst, Verzweiflung und Tod zu den zentralen Bestandteilen ihrer Philosophie machen. Das sind neben Heidegger z. B. noch
Kierkegaard und
Sartre. Siehe auch
Angst.
Zum Vergleich: Popper war in den 20er Jahren als junger Volksschullehrer sehr arm und er mußte später immigrieren, da er als Jude und als konsequenter Verfechter von Demokratie und Toleranz von den Nazis umgebracht worden wäre. (Ein Problem, daß der sich so sehr sorgende Heidegger als "Arier" und NSDAP-Mitglied nicht hatte.) Trotzdem spielte in Poppers Philosophie Angst und Sorge bei weitem nicht die Rolle, wie bei den oben erwähnten Philosophen. Zurück zum Text.
Anm. 3: Ich will mich was meine intellektuelle Leistungsfähigkeit und mein Wissen anbetrifft nicht mit Heidegger auf eine Stufe stellen, aber ich möchte hier mal einen Vergleich zwischen seiner und meiner Mentalität aufzeigen: Als ich "Meine Philosophie" schrieb, da war ich noch Student, bekam aber kein BaföG mehr. Mein einziges Einkommen kam aus Nebenjobs, die ich mir fast immer, wenn das Geld knapp wurde, neu suchen mußte. Oft wußte ich nicht, wie ich in den nächsten Tagen Lebensmittel kaufen oder in der nächste Woche die Miete bezahlen sollte. In meinem Tagebuch aus dieser Zeit finden sich Eintragungen wie: "Ich habe noch 13 Pfennig und sieben Kilo Übergewicht". Als ich mir aber Gedanken machte über die Grundgruppen meiner Erlebnisse und die "negativen Gefühle", da habe ich "Sorge" und "Angst" schlicht und ergreifend vergessen. Zurück zum Text.
Anm. 4: Als Nicht-Dogmatiker ziehe ich in Erwägung, daß sich hinter diesem Satz irgendeine tiefe Einsicht verbirgt. Um ihn richtig beurteilen zu können, muß man ihn auch in seinem Zusammenhang sehen. Ich weiß ja, daß die von mir geschätzte Dialektik auch von vielen Menschen als "Dummes Zeug" angesehen wird. Da mir fast alles, was ich bisher über Heideggers Philosophie weiß, nicht gefallen hat bzw. ich es für banal halte, und weil es viele interessante Bücher gibt, die ich noch nicht gelesen habe - und auf grund meiner begrenzten Lebenszeit auch gar nicht alle lesen kann -, werde ich mir nicht die Mühe machen, herauszufinden, ob sich hinter diesem Satz tatsächlich eine tiefe Einsicht verbirgt.
Ich habe Heidegger-Fans kennengelernt, die auf solche Sätze standen. Und wenn man sich etwas mit ihnen unterhielt, dann merkte man, daß es in ihren Köpfen so nebulös zuging, wie in diesem Satz, daß sie zu rationalen Gedankengängen überhaupt nicht in der Lage waren. (Das will ich aber keineswegs allen unterstellen, die Heidegger schätzen.) Da sage ich mir dann: Über die Vernunft hinaus, okay. Aber nicht hinter die Vernunft zurück! Der analytische Verstand mag ja nicht alles erklären können, aber er sollte deshalb nicht gänzlich aufgegeben werden. Wer geistig nur auf der Ebene solcher Heideggerschen Sätze existiert, ist nach meinem Dafürhalten völlig vertrottelt.
Ich finde es schade, wenn Leute es ablehnen, sich mit Philosophie zu beschäftigen. Wer allerdings Philosophie in der heideggerschen Form kennengelernt hat, dem kann ich es nicht verdenken, daß er damit nichts zu tun haben will. Aber das ist ja nur eine spezifische Form von Philosophie, glücklicherweise nicht die Philosophie. Zurück zum Text.
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