Zu Beginn sind Menschen naturwüchsig Naive Realisten, d. h. die um einem Menschen herum existierende Welt wird als real angesehen. Sie würde auch genauso existieren, wenn ich (oder ein anderer Mensch/Lebewesen) nicht hier wäre. Durch philosophische und naturwissenschaftliche Erkenntnisse kann es dazu kommen, daß ein Mensch erkennt, daß die Welt, die er um sich herum erlebt - zumindestens in der Form, wie er sie erlebt -, sein geistiges Produkt ist. Hier einmal angekommen, stellen sich viele Menschen die Frage: Was ist denn die Welt unabhängig von mir, von meinen Wahrneh-mungen, Gedanken etc. ?
Zu dieser Welt, über deren tatsächlicher Beschaffenheit ich kein sicheres Wissen haben kann, gehören auch die menschlichen Körper, sowohl mein Körper, wie die Körper der anderen Menschen. Von mir selbst weiß ich mit unmittelbarer Sicherheit, daß ich ein mich wissendes Ich bin, unabhängig davon, ob mein Körper und die gesamte übrige materielle Welt nur Traum oder ähnliches sind. Bei den anderen menschlichen Körpern kann ich nur vermuten, daß sie wie ich sich wissende Ichs sind. (Nach der Vergleichs-hypothese - bei gleichen Gegenständen vermuten wir gleiche Eigenschaften, siehe
Evolutionäre Erkenntnistheorie.) Das "Fremdseelische" oder "Fremdpsychische" ist für mich unerreichbar und deshalb kann ich keine letzte Sicherheit über seine tatsächliche Existenz haben. (In meinen Träumen oder in Computersimulationen kommen auch Menschen vor, von denen ich annehme, daß sie keine sich wissende Ichs sind.) [3]
Solipsismus bedeutet nicht notwendigerweise, wie des Öfteren behauptet, die Identität von Ich und Welt, bzw. Weltall, Sein oder welche Worte man auch immer benutzen mag. Wenn man den
subjektiven Idealismus und Solipsismus konsequent zu Ende denkt wird nicht nur das "Nicht-Ich" und das "Du" problematisch, sondern auch das "Ich". Wenn es lediglich darum ginge, daß ich eine materielle Welt, einschließlich menschlicher Körper, um mich herum wahrnähme, dann würde es mir keinerlei Probleme machen, mir vorzustellen, diese Welt sei ein Produkt meines Geistes, eben wie im Traum. Aber wenn ich mir die kulturelle Welt, die Bücher, die philosophischen Systeme, die wissenschaftli-chen Theorien, die Kunstwerke, die Gemälde und Skulpturen, die
Musik von Beetho-ven und Mozart etc. selbst schaffen würde, dann wäre ich viel mehr, als ich unter "Ich" verstehe. Was ich unter "Ich" verstehe, ist nicht identisch mit dem Sein. Über die Exis-tenz des Femdseelischen und der Existenzart der von mir erlebten Welt ist damit aber noch nichts ausgesagt. [4] (Dieser Absatz ist auch eine Anmerkung zum 5. Abschnitt des oben verlinkten Solipsismusbeitrags von Oswald Riedel.)
Es wird die Auffassung vertreten, daß der Solipsismus für das praktische Leben eine potentiell gemeingefährliche Einstellung sei. Warum solle man z. B. eine Frau nicht vergewaltigen und umbringen, wenn sie sowieso kein sich wissendes ich ist. Dazu ist folgendes zu sagen. 1. Ethische Aussagen oder Forderungen können nie ein Argument für oder gegen die Richtigkeit einer Tatsachenbehauptung sein. 2. Es ist mir nicht bekannt, daß irgendwo, irgendwann ein Vergewaltiger, Mörder etc. sich als Solipsist bezeichnet hat und damit seine Taten entschuldigte. (Hitler und Stalin waren jedenfalls keine Solipsisten.) 3. Mir ist überhaupt niemand bekannt, der sagt, es gibt nur mein Ich und sonst nichts. Mir sind lediglich Leute bekannt, die sagen, es ist nicht ausschließbar, daß es nur mein Ich gibt. Und viele Philosophen, die eine solche Aussage eigentlich machen müßten, wenn sie ihre Positionen konsequent zuende denken und öffentlich äußern würden, drücken sich um eine solche Aussage herum, weil sie nicht salonfähig ist.
Jede Subjektphilosophie muß sich mit dem Problem des Solipsismus auseinanderset-zen. Jeder Mensch, der eine letztendlich wahre Erkenntnis der von uns unabhängig existierenden Welt nicht für möglich hält, muß die Nichtexistenz des Fremdpsychischen und damit den Solipsismus als Möglichkeit in Erwägung ziehen. Ein Philosoph, der seine Positionen nicht konsequent zuende denkt, weil er Angst hat, der Lächerlichkeit und der gesellschaftlichen Ächtung anheimzufallen, ist ein halbherziger Philosoph. Leider gibt es eine ganze Menge davon. (Das "nicht konsequent zuende denken" muß aber kein vorsätzlicher, bewußter Prozeß sein. Es werden häufig unbewußte
Erkenntnisschran-ken sein.)
Descartes stellte in seinen "Meditationen" fest, daß alles, was er bisher als richtig ansah, falsch sein könnte. Im Verlaufe des durch diese Feststellung bedingten radikalen Zweifels gelangte er zu seinem berühmten "Cogito ergo sum". An diesem Punkt angekommen, besteht die Möglichkeit des Solipsismus. Descartes gelangt zur Sicher-heit, daß die Welt und damit auch die anderen Menschen unabhängig von seinem Denken existieren, nur dadurch zurück, daß er die Existenz Gottes "beweist" und gleichzeitig, daß dieser Gott kein Täuschergott sein kann. Wenn man Descartes über-zeugend findet bis zu dem Punkt, wo er nur noch weiß, daß er ein denkendes Etwas ist (und bis dort finde ich ihn sehr überzeugend), dann aber seine Gottesbeweise nicht teilt (und meines Wissens tut das heute fast keiner mehr), dann gibt es keinen Weg zurück zur Sicherheit, daß die Welt und die anderen Menschen unabhängig von mir existieren.
Fichte ist
subjektiver Idealist, und zwar viel konsequenter als Berkeley, da er keinen über den individuellen Geistern stehenden objektiven Geist kennt. In einem vorbewußten Stadion setze das Ich sein eigenes Sein. Und da das Ich seinem innersten Wesen nach Tätigkeit sei, setze es sich, ebenfalls unbewußt, ein Nicht-Ich, die Welt, als Schranke, als Widerstand entgegen. Wo (der frühe) Fichte allerdings die anderen "Ichs" hernimmt, ist mir schleierhaft. Soweit ich das sehe, müßte er Solipsist sein. Denn warum sollte die um mich herum existierende Welt mein Produkt sein, bloß die anderen Menschen nicht? (Der späte) Fichte umgeht den Solipsismus dadurch, daß er seine anfänglichen Auffas-sungen so stark relativiert, daß er sie faktisch wieder zurücknimmt. Er nähert sich schon dem hegelschen Weltgeist, wo subjektiver und objektiver Geist identisch (und gleichzeitig nichtidentisch) sind.
Husserl fordert: Zurück zu den Sachen! Man solle zu dem zurückzukehren, was sich tatsächlich ereigne, vom Standpunkt desjenigen gesehen, der etwas Bestimmtes erlebt und dieses Erlebte nicht schon von vornherein durch Interpretationen, Abstraktionen und Begriffsbildungen unkenntlich machen. Zu dem, was ich unmittelbar erlebe, gehört aber nicht das Fremdpsychische. Aber - sagt Husserl - aus meiner eigenen Leiberfahrung wisse ich, daß die Erscheinungsform bestimmter Körper nur so zu erklären sei, daß sich in ihnen ein anderes Ich manifestiere. Nun gab es schon zu Husserls Zeiten Träume, Halluzinationen etc. Allen in solchen Zuständen erlebten menschlichen Leibern müßte dann ein Ich entsprechen, das sich in diesen Leibern manifestiert. Heutzutage, wo Cyperspace-Welten vorhanden sind und weiter perfektioniert werden, müßte jedem computersimulierten menschlichen Körper auch ein sich wissendes Ich entsprechen, das sich in diesen Leibern manifestiert.
Für die Radikalen Konstruktivisten ist die Welt ein Konstrukt, eine Erfindung des Menschen. Konsequent zu ende gedacht, ist die Welt aber nicht unsere Erfindung, sondern meine Erfindung. Wieso sollte die ganze Welt Erfindung sein, ausgenommen die menschlichen Körper? Die (oder jedenfalls einige) Radikale Konstruktivisten umgehen den Solipsismus dadurch, daß sie sagen, sie würden lediglich einen epistemologischen Solipsismus vertreten. Daß erkennende Wesen würde wie ein geschlossenes System funktionieren und keine Außenwelt erkennen können. Dies bedeute aber nicht, daß es diese Außenwelt nicht gebe. Der epistemologische Solipsismus schließt aber die Möglichkeit ein, daß Fremdpsychisches nicht existiert. Würde man mit Sicherheit die Existenz anderer Subjekte behaupten, würde man sichere Aussagen über die von einem unabhängige Realität machen, was nach der Grundüberzeugung der Radikalen Konstruk-tivisten eben nicht möglich ist.
Der konsequent zu ende gedachte Fallibilismus, wie er im Kritischen Rationalismus vertreten wird, beinhaltet die Möglichkeit des Solipsismus. Würde man mit Sicherheit die Existenz anderer Subjekte behaupten, würde man sichere Aussagen über die von einem unabhängige Realität machen, was dem Fallibilismus widerspricht. Einer der aktivsten Verfechter des Kritischen Rationalismus im Internet, Dr. H. J. Niemann (siehe oben verlinkte Internet-Seite), umgeht den Solipsismus, in dem er ihn zwar für unwiderlegbar, aber im praktischen Leben für unbrauchbar erklärt und im Übrigen die Solipsisten mit abfälligen Bemerkungen belegt. Aber eine eindeutige Aussage, daß der Solipsismus eine Möglichkeit bleibt, solange er nicht mit letzter Sicherheit ausschließbar ist, gibt es von den Kritischen Rationalisten meines Wissens nicht. (Ich sage das unter Vorbehalt, da ich nicht alle Äußerungen aller Kritischen Rationalisten kenne.)