Pestalozzi, Johann Heinrich 1746 - 1827). Schweizer Pädagoge, Schriftsteller und Sozialreformer, der für die Entwicklung der modernen Pädagogik eine sehr große Bedeutung hatte. Kritiker der sozialen Mißstände und der Erziehungsmethoden seiner Zeit. Beklagte die "Verwilderung" und "Entwürdigung" des Volkes. Ursachen dafür seien die menschliche Natur, das Privateigentum und der Staat. Durch Recht, d. h. Einschrän-kung des Eigennutz, und durch Sittlichkeit, d. h. Einschränkung der menschlichen Natur, sollten diese Mißstände beseitigt werden. Die Erziehung solle zur Entfaltung der in der menschlichen Natur liegenden positiven Kräfte führen. Forderte einen praxisbezogenen gemeinschaftsfördernden Unterricht. Anschauung sei wichtiger als Buchwissen. Der inneren Sinn des Menschen solle auf Ordnung in der Welt und auf Liebe und Glaube gründen. Nötig sei die umfassende Entwicklung der geistigen, sittlich-religiösen und körperlich-werktätigen Kräfte ("Kopf, Herz, Hand") durch Familie und Mutter-Kind-Beziehung, letztendlich durch die Bindung an Gott. Zu Beginn standen seine Unterrichts-methoden im Vordergrund, später im Zusammenhang mit der Industrialisierung sein sozialreformerische Ansatz gegen die Zerstörung der Familie. Biographie.
Renan, Ernest (1823 - 1892). Französischer Schriftsteller und Religionsphilosoph. Lehnte eine auf christlichen Dogmen beruhenden Moral ab. Renan schrieb 1871 in "Träume" über eine höherentwickelte Menschenrasse: "Es wäre dies eine Art von Göttern ... Wesen, die uns zehnfach überlegen wären ... An der Wissenschaft ist es, das Werk bei dem Punkt wieder aufzunehmen, bei welchem die Natur stehen geblieben ist ... So wie die Mensch-heit aus der Tierheit hervorgegangen ist, so würde die Gottheit aus der Menschheit hervorgehen. Es würde Menschen geben, welche sich des Menschen bedienen würden, wie sich der Mensch der Tiere bedient." (Zitiert nach "http://www.kroi.de/nietzsche.htm") [Ob uns diese "Götter" wie Tiere behandeln würden, ist für mich offen. Zusätzlich zu einer intellektuellen Weiterentwicklung wird es eventuell auch zu einer ethischen Weiterent-wicklung kommen.] Biographie in Französisch.
Sade, Donatien Alphonse François de (1740 - 1814). Französischer Schriftsteller. Von seinem Namen ist der Begriff Sadismus abgeleitet. Seine Bücher sind wie Abenteuerro-mane aufgebaut. In ihnen werden am laufenden Band Menschen sexuell gequält, wobei die Folterer aus ihrer Tätigkeit sexuelle Befriedigung erlangen und häufig nebenbei philosophische Gespräche führen, in denen
Materialismus und Atheismus vertreten werden. In seinen Geschichten triumphieren Immoralität, Egoismus und Rücksichtslosig-keit immer über
Moral und Tugend. De Sade hat erstmals aufgeschrieben, was andere Menschen bis dahin nur gedacht haben. (In diesem Punkt Ähnlichkeit zu Machiavelli.) Er hat Bedeutung für die Entwicklung der Psychologie und der Sexualwissenschaft. Man kann bei ihm in die Abgründe der menschlichen Seele blicken, eine Vorstellung davon bekommen, zu welcher Destruktivität Menschen fähig sind. In einem seiner wichtigsten Werke "Die 120 Tage von Sodom" werden systematisch alle nur denkbaren Grausamkei-ten und Perversionen nacheinander ausgeführt. (Die Filme mit diesem Titel geben das bestenfalls in ganz schwachen Ansätzen wieder.) [In meiner Studentenzeit mußte man sich diese Bücher noch aus dem "Giftschrank" der Staatsbibliothek ausleihen und konnte sie nur im Lesesaal mehr oder weniger unter Aufsicht lesen. Heute sind viele seiner Schriften erhältlich. Sanften Gemütern ist diese Lektüre aber nicht zu empfehlen.] De Sade verbrachte einen großen Teil seines Lebens in Gefängnissen und Irrenanstalten. Seit der Entstehung der Tiefenpsychologie, besonders der Werke Freuds und Reichs, ist Sades pathologisches Innenleben besser begreifbar. Biographie und Biblio-graphie in französisch.
Simmel, Georg (1858 - 1918). Bedeutender Soziologe. Im Mittelpunkt seiner Lebensphilosophie steht die Spannung zwischen dem Leben als solchem und den "objektiven Sachgehalten" der Kultur, wie Recht, Sittlichkeit, Wissenschaft, Kunst, Religion. Obwohl sich diese objektiven Sachgehalte dem Leben gegenüberstellen können, erwachsen sie doch aus dem Leben. Transzendenz sei dem Leben immanent, es gehöre zu seinem Wesen, daß es über seinen vitalen Grund hinausgreife. Biographie.
Steiner, Rudolf (1861 - 1925). Begründer der Anthropo sophie, einer religiös-esoterischen Bewegung und Weltanschauung, die von ihren Anhängern allerdings anderes bewertet wird. Sie sehen in ihr eine Geisteswissenschaft, einen Erkenntnisweg zum Geistigen im Menschen und in der Welt, in derem Verlauf der Mensch eine stufenweise Entwicklung nachvollzieht, um höhere seelische Fähigkeiten zu entwickeln und übersinnliche Erkennt-nisse zu erlangen. Eine auf diese Weise errungene Erkenntnis sei die von der Sieben-gliedrichkeit des Menschen. (Physischer Leib, Ätherleib, Astralleib, Ich, Geistselbst, Lebensgeist, Geistmensch. Die sieben "Glieder" werden den sieben (damals bekannten) Planeten zugeordnet.) Steiner wird in der Literatur als
Okkultist, Spiritist, Mythenerfin-der, Religionsstifter, Scharlatan, Rassist, aber auch als Naturwissenschaftler, Pädagoge und Philosoph bezeichnet. Steiner knüpft an den Deutschen Idealismus und Goethe an (z. B. in seinem Werk "Die Philosophie der Freiheit" von 1894), verbindet diese mit einigen zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und mit christlichen, indischen,
kabbalistischen und okkulten Auffassungen. Was dabei herauskommt, wird von seinen Anhänger als grandios, von der etablierten Wissenschaft und Philosophie als indiskutabel angesehen. Die in der Öffentlichkeit am stärksten bekannte und einflußreich-ste Schöpfung Steiners und der Anthroposophie sind die Waldorfschulen. Kurze positive Darstellung Steiners und der Anthroposophie
Trakl, Georg (1887 - 1914). Österreichischer Dichter. Musterbeispiel für eine krankhaft pessimistische Weltsicht. Starb durch Selbstmord. Seine Dichtungen sind voller schwer-mütiger Traumbilder mit Todes- und Verfallsvisionen. "Alle Straßen münden in schwarze Verwesung." "Wie ist doch alles Werdende so krank." Es gibt Leute, die mögen sowas. Z. B. Adorno. [Ich bin kein Anhänger Nietzsches, wie aus meinem Artikel zu ihm hervorgeht. Leuten wie Trakl gegenüber halte ich einige Äußerungen Nietzsches aber für angemessen: "Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht. Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren die Erde müde ist: so mögen sie dahinfahren!" (Zarathustra"s Vorrede) Wer sagt: "Das Leben ist nichts wert", der sagt eigentlich: "Ich bin nichts wert." Krankhaften Pessimisten gegenüber empfinde ich nur Verachtung, da mögen die noch so brillante Lyriker sein.] Siehe auch
Angst. Umfangreiche Linkliste zu Trakl.
Tucholsky, Kurt (1890 - 1935). Deutscher Schriftsteller jüdischer Abstammung. Sehr bedeutender Publizist, Satiriker, Kabarettautor und Dichter der Weimarer Republik, von dem viele Texte auch heute noch gelesen werden. Linker Demokrat, Pazifist und Anti-militarist. Warnte leider vergeblich vor antidemokratischen Elementen in Politik, Militär und Justiz und vor den Nazis. Nahm sich 1935 aus Kummer über die politische Entwick-lung in Deutschland das Leben. "Eines verzeihe ich mir nie: Daß ich die Menschen dermaßen falsch eingeschätzt habe. Und jetzt mag ich nicht mehr." Biographie bei wikipedia.
Verlaine, Paul (1844 - 1896). Französischer Dichter, Vertreter des Symbolismus, mit Rimbaud befreundet, mit dem er lange herumvagabundierte, bis er ihn durch einen Pistolenschuß verletzte. Sah sich als "Poètes maudits", der von der Gesellschaft unverstanden und verachtet ist, der wiederum die Gesellschaft verachtet. Schrieb Lyrik, die subtile Gefühlsäußerungen beschreibt. Über Leben und Werk Verlaines.
Vico, Giambattista (1668 - 1744). Italienischer Philosoph, besonders Geschichtsphilo-soph. Begründer der Völkerpsychologie, der spekulativen Geschichtsphilosophie, der Wissenssoziologie und Wegbereiter des Historismus. Der Mensch könne nur begreifen, was er selbst schaffe, die geschichtlich Welt. Umfassende Naturerkenntnis sei dagegen nur Gott möglich. Wandte sich gegen ein mathematisch-physikalischen Wissenschafts-verständnis, da es vieles ausblende, z. B. Politik, Rhetorik, Kunst, Geschichte. Behauptete die Gesetzmäßigkeit des Aufstiegs und Untergangs der Kulturen. (Wie Spengler.) Die Vertreter des Radikalen Konstruktivismus sehen in Vico einen ihrer Vorläufer. Werke u. a.: Vom Wesen und Weg der geistigen Bildung, 1709. Grundzüge einer neuen Wissenschaft über die gemeinschaftliche Natur aller Völker, 1725. Links zu Giambattista Vico.