Lebenslauf: Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900) wurde als Sohn eines Pfarrers in Röcken (damals Preußen, heute Sachsen-Anhalt) geboren, wuchs in rein weiblicher Gemeinschaft auf und wurde im Geiste
protestantischer Frömmigkeit erzogen. Studierte klassische Philologie und liebte das griechische Altertum. Bereits mit 24 wurde er 1868 Professor in Basel, mußte aber bereits mit 35, 1877, krankheitshalber in Pension gehen. 1889 fiel er in geistige Umnachtung. Viele Autoren und Philosophie-Professoren gehen aber davon aus, daß die Geisteskrankheit schon viel früher bei ihm auftrat, und daß seine - besonders späte - Philosophie sogar zu großen Teilen das Produkt seines psychopathischen Innenlebens war.
Nietzsches Weltbild Mit seinen eigenen Worten: "Und wißt ihr auch, was mir "die Welt" ist? Soll ich sie Euch in meinem Spiegel zeigen? Diese Welt: Ein Ungeheuer an Kraft, welche nicht größer, nicht kleiner wird, die sich nicht verbraucht, sondern nur verwandelt, als Ganzes unveränderlich groß, ein Haushalt ohne Ausgaben und Einbußen, aber ebenso ohne Zuwachs, ohne Einnahmen, vom "Nichts" umschlossen als von seiner Grenze, nichts Verschwimmendes, nichts Unendlich-Ausgedehntes, sondern als bestimmte Kraft einem bestimmten Raum eingelegt, und nicht einem Raume, der irgendwo "leer" wäre, vielmehr als Kraft überall, als Spiel von Kräften und Kraftwellen zugleich eins und vieles, hier sich häufend und zugleich dort sich mindernd, ein Meer in sich selber stürmender und flutender Kräfte, ewig sich wandelnd, ewig zurücklaufend, mit ungeheuren Jahren der Wiederkehr, mit einer Ebbe und Flut seiner Gestaltungen, aus den einfachsten in die vielfältigsten hinaustreibend, aus dem Stillsten, Starrsten, Kältesten hinaus in das Glühendste, Wildeste, Sich-selber-Widersprechendste, und dann wieder aus der Fülle heimkehrend zum Einfachen, aus dem Spiel der Widersprüche zurück bis zur Lust des Einklangs, sich selber bejahend noch in dieser Gleichheit seiner Bahnen und Jahre, sich selber segnend als das, was ewig wiederkommen muß, als ein Werden, das kein Sattwerden, keinen Überdruß, keine Müdigkeit kennt: diese meine dionysische Welt des Ewig-sich-selber-Schaffens, des Ewig-sich-selber-Zerstörens, diese Geheimniswelt der doppelten Wollüste, dies mein "Jenseits von Gut und Böse", ohne Ziel, wenn nicht im Glück des Kreises ein Ziel liegt, ohne Willen, wenn nicht ein Ring zu sich selber guten Willen hat , wollt ihr einen Namen für diese Welt? Eine Lösung für alle ihre Rätsel? Ein Licht für euch, ihr Verborgensten, Stärksten, Unerschrockensten, Mitternächtlichsten? - Diese Welt ist der Wille zur Macht - und nichts außerdem! Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht - und nichts außerdem!" (Der Wille zur Macht, Schlußaphorismus.)
Nietzsches Lehre vom Übermenschen: Die eigentlichen Philosophen sind Befehlshaber, sie bestimmen das Wohin und Wozu. Der freie Mensch ist ein Krieger. Tod sind alle Götter. Nun soll der Übermensch leben. "Seht, ich lehre euch den Übermenschen! Der Übermensch ist der Sinn der Erde. ... Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmi-scher sind es, ob sie es wissen oder nicht. Verächter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren die Erde müde ist: so mögen sie dahinfahren! ... Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch, - ein Seil über einem Abgrunde. Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben. Was groß ist am Menschen, das ist, daß er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, daß er ein Übergang und ein Untergang ist. Ich liebe die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn es sind die Hinübergehenden. Ich liebe die großen Verachtenden, weil sie die großen Verehrenden sind und Pfeile der Sehnsucht nach dem andern Ufer. Ich liebe die, welche nicht erst hinter den Sternen einen Grund suchen, unterzugehen und Opfer zu sein: sondern die sich der Erde opfern, daß die Erde einst der Übermenschen werde." (Zarathustra"s Vorrede 3 + 4) [
Meine Auffassung zum Über-menschen.]
Trotz gelegentlicher positiver Äußerungen zum Skeptizismus war Nietzsche kein Skeptizist, auch wenn er sich selbst so verstanden haben sollte. (In "Morgenröte, Aph. 539 heißt es: "Hat euch nie die Angst geplagt, ihr möchtet gar nicht dazu taugen, das, was wahr ist, zu erkennen?") Daß
Marx auf die Frage nach dem Motto seines Lebens geantwortet hat: "De omnibus dubitandum" macht den auch nicht zum Skeptizisten. Der frühe und mittlere Nietzsche hat durchaus noch nüchtern und kritisch analysiert, aber der späte Nietzsche war nur noch Apostel. Aber gerade als Apostel des Übermenschen hätte er eine gewisse Distanz zu den eigenen Überzeugungen haben müssen. Wenn wir uns dem Übermenschen gegenüber in einer Position befinden, wie uns der Affe gegenüber, dann wird das Erkenntnisvermögen der Übermenschen - wenn es sie denn einst geben sollte - möglicherweise so weit über unserem Erkenntnisvermögen stehen, wie unseres über dem der Affen. Und das könnte dazu führen, daß sich die menschliche Philosophie, einschließlich die Nietzsches, aus der Perspektive der Übermenschen einst als "Affen-theater" entpuppen wird.
Eine Weltsicht wie im Schlußaphorismus von "Der Wille zur Macht" bietet sich auf der Basis eines materialistisch-mechanischen Weltbildes, wie es die Naturwissenschaft zu Zeiten Nietzsches vertrat, geradezu an. Ich kann darin deshalb keine großartige philosophische Leistung erblicken. Was allerdings an diesem Aphorismus auffällt, ist die kraftvolle, mitreißende Sprache, die ja wohl auch einer der Gründe dafür ist, daß Nietzsche selbst unter Linken und humanistisch denkenden Menschen viele Verehrer hat.
Mit seiner Feindschaft gegen Selbstlosigkeit, gegen Mitgefühl und "warmes Herz" negiert Nietzsche einen tief in unserer Natur liegenden Teil des menschlichen Wesens. Mit seiner Ablehnung von Demokratie, sozialen Bestrebungen und ethischem Fortschritt, mit seiner Aufforderung zur Vernichtung von Schwachen und Mißratenen bereitet er geistig die Gaskammern der Nazis vor. Wer in Kampf, Krieg, Vernichtung der Schwachen, Aus-beutung etc. den Kern des Lebens sieht und das Streben nach Harmonie, Hilfsbereit-schaft etc. zur Dekadenz erklärt, ist ein zutiefst kranker Mensch.
Zitate von Nietzsche, Hinweise auf Textstellen etc.
"Es gibt zu fast jeden Satz Nietzsches bei ihm auch die entgegengesetzte Behauptung. Dies liegt daran, daß Nietzsche seinen Geist nicht in Gewalt hatte. Die Krankheit trat viel früher ein, als viele wahrhaben wollen." (Hirschberger II, S. 521.) Daß es zu seinen biologistischen und faschistoiden Äußerungen auch entgegengesetzte Äußerungen gibt, macht aber erstere nicht ungeschehen. Außerdem findet man bei vielen Philosophen, Schriftstellern etc., die viel geschrieben haben, immer mal wieder Aussagen, die eigent-lich nicht zu ihm passen, nicht typisch für ihn sind. Es geht darum, das herauszuarbei-ten, was für eine Person kennzeichnend ist.
Nietzsches Schwester habe seine Schriften verfälscht, so ein häufig zu hörender Einwand der Nietzsche-Enthusiasten. Aber alles faschistische, reaktionäre, kriegsbejahende, aristokratische etc. findet man bereits in den Schriften, die Nietzsche noch vor seinem endgültigen geistigen Zusammenbruch selbst veröffentlicht hat. Was später aus Nachläs-sen zusammengestellt wurde oder die "Fragmente" vervollständigen nur das Bild, das man sich aus den von ihm selbst veröffentlichten Schriften machen kann. [6]
Diese Auflistung wird im Laufe der Zeit (hoffentlich) noch wachsen.
Über den Wert von Unwahrheit, Schein, Täuschung und falschen Urteilen:
Aus Jenseits von Gut und Böse
§ 4 "Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch kein Einwand gegen ein Urtheil; [...] Die Frage ist, wie weit es lebenfördernd, lebenerhaltend, Arterhaltend, vielleicht gar Art-züchtend ist; und wir sind grundsätzlich geneigt zu behaupten, dass die falschesten Urtheile [...] uns die unentbehrlichsten sind"
§ 34 "Es ist nicht mehr als ein moralisches Vorurtheil, dass Wahrheit mehr werth ist als Schein."
[Ein gewisse Nähe zum pragmatischen Wahrheitsbegriff. Wahrheit = Nützlichkeit. Nützlich gemessen an Nietzsches Wertvorstellungen.]
Für Verantwortungslosigkeit:
"Niemand ist für seine Thaten verantwortlich, Niemand für sein Wesen ..." (Menschliches, Allzumenschliches, Aph. 39)
[Mit dem Verleugnen der Willensfreiheit demonstriert Nietzsche ein weiteres mal, daß er kein Skeptizist ist. Mit dieser Argumentation kann sich jeder Verbrecher, auch die großen - Hitler - aus seiner Verantwortung stehlen.]
"Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt". "Zarathustra", Vierter Teil, Abschnitt: Der freiwillige Bettler
Gegen Sozialismus, für Ausbeutung:
"Wen hasse ich unter dem Gesindel von Heute am besten? Das Socialisten-Gesindel, die Tschandala-Apostel, die den Instinkt, die Lust, das Genügsamkeits-Gefühl des Arbeiters mit seinem kleinen Sein untergraben, - die ihn neidisch machen, die ihn Rache lehren ... Das Unrecht liegt niemals in ungleichen Rechten, es liegt im Anspruch auf "gleiche" Rechte ... " (Antichrist, 57. Kapitel.)
Aus Jenseits von Gut und Böse § 30 "Wo das Volk isst und trinkt, selbst wo es verehrt, da pflegt es zu stinken." §259 "Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung, Überwältigung des Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigner Formen, Einverleibung und mindestens, mildestens, Ausbeutung".
Über die Notwendigkeit der Sklaverei:
"Damit der Boden für eine größere Kunstentwicklung vorhanden ist, muß die ungeheure Mehrzahl im Dienste einer Minderzahl über das Maaß ihrer individuellen Nothwendigkeit hinaus der Lebensnoth sklavisch unterworfen sein. Auf ihre Unkosten, durch ihre Mehrarbeit soll jene bevorzugte Klasse dem Existenzkampfe entrückt werden, um nun eine neue Welt des Bedürfnisses zu erzeugen. Demgemäß müssen wir uns dazu verstehen als grausame Grundbedingung jeder Bildung hinzustellen, daß zum Wesen einer Kultur das Sklaventhum gehöre: eine Erkenntniß, die vor dem Dasein bereits einen gehörigen Schauder erzeugen kann. Dies sind die Geier, die dem prometheischen Förderer der Kultur an der Leber nagen. Das Elend der mühsam lebenden Masse muß noch gesteigert werden, um einer Anzahl olympischer Menschen die Produktion der Kunstwelt zu ermöglichen. Hier liegt der Quell jenes schlecht verhehlten Ingrimms, den die Kommunisten und Socialisten, und auch ihre blässeren Abkömmlinge, die weiße Raçe der Liberalen jeder Zeit gegen die Künste, aber auch gegen das klassische Alterthum genährt haben." (Fragmente 1869-1874)
"Das Wesentliche an einer guten und gesunden Aristokratie ist aber, dass sie sich nicht als Funktion (sei es des Königthums, sei es des Gemeinwesens), sondern als dessen Sinn und höchste Rechtfertigung fühlt, - dass sie deshalb mit gutem Gewissen das Opfer einer Unzahl Menschen hinnimmt, welche um ihretwillen zu unvollständigen Menschen, zu Sklaven, zu Werkzeugen herabgedrückt und vermindert werden müssen. Ihr Grund-glaube muss eben sein, dass die Gesellschaft nicht um der Gesellschaft willen dasein dürfe, sondern nur als Unterbau und Gerüst, an dem sich eine ausgesuchte Art Wesen zu ihrer höheren Aufgabe und überhaupt zu einem höheren Sein emporzuheben vermag ..." (Jenseits von Gut und Böse, Aph. 258).
[Bei Marx und Engels liest man übrigens über die Klassengesellschaften fast das Gleiche. Bloß die hielten das für eine notwendige Durchgangsphase in der Menschheits-entwicklung, nicht für einen Endzustand. Nietzsche sieht darin einen Ideal- und Dauerzu-stand.]
Sklaverei statt Kapitalismus:
"in dem Arbeitgeber sieht der Arbeiter gewöhnlich nur einen listigen, aussaugenden, auf alle Noth speculirenden Hund von Menschen, dessen Name, Gestalt, Sitte und Ruf ihm ganz gleichgültig sind. Den Fabricanten und Gross-Unternehmern des Handels fehlten bisher wahrscheinlich allzusehr alle jene Formen und Abzeichen der höheren Rasse, welche erst die Personen interessant werden lassen; hätten sie die Vornehmheit des Geburts-Adels im Blick und in der Gebärde, so gäbe es vielleicht keinen Socialismus der Massen. Denn diese sind im Grunde bereit zur Sclaverei jeder Art, vorausgesetzt, dass der Höhere über ihnen sich beständig als höher, als zum Befehlen geboren legitimirt - durch die vornehme Form!" (Fröhliche Wissenschaft, Aph. 40.)
Im "Zarathustra" findet man u. a. folgende Äußerungen zu Frauen: "Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!" "Allzulange war im Weibe ein Sclave und ein Tyrann versteckt. Desshalb ist das Weib noch nicht der Freundschaft fähig: es kennt nur die Liebe." "... Katzen sind immer noch die Weiber, und Vögel. Oder, besten Falles, Kühe." "Der Mann fürchte sich vor dem Weibe, wenn es hasst: denn der Mann ist im Grunde der Seele nur böse, das Weib aber ist dort schlecht." "Und gehorchen muss das Weib und eine Tiefe finden zu seiner Oberfläche. Oberfläche ist des Weibes Gemüth, eine bewegliche stürmische Haut auf einem seichten Gewässer. Des Mannes Gemüth aber ist tief, sein Strom rauscht in unterirdischen Höhlen: das Weib ahnt seine Kraft, aber begreift sie nicht." [Den "Zarathustra" hat Nietzsche geschrieben, nicht eine alte Frau oder sonstwer. Und wenn in dieser Schrift eine alte Frau oder jemand anderes etwas sagt, dann sagt das Nietzsche. Wer etwas anderes behauptet, müßte nachweisen, daß aus dem Kontext heraus erkennbar ist, daß diese Aussagen gar nicht die Meinung Nietzsches wiedergeben. So wie in den platonischen Dialogen vieles steht, was nicht Platons Auffassungen wiedergibt. Nun ist dieser Satz aber nur einer unter Hunderten, in denen Nietzsche seine abfällige Meinung über Frauen kundtut. Und vor dem Hintergrund aller dieser Sätze kann man davon ausgehen, daß dieser Satz Nietzsches Auffassung wiedergibt. Und daß es der Mann ist, der die Peitsche dabei hat. Nicht die Frau. Die populäre Variante dieses Satzes ist "Wenn du zum Weibe gehst, vergiß die Peitsche nicht!" Für die Nietzsche-Enthusiasten ist es ein gefundenes Fressen, wenn sie diesen Satz irgendwo lesen oder hören. "Das hat Nietzsche ja nie gesagt. Hier wird ja gar nicht richtig zitiert." Daß das Originalzitat inhaltlich überhaupt nichts anderes aussagt wie die populäre Fassung, das spielt keine Rolle. Denn den Nietzsche-Enthusiasten geht es - in der Regel nicht bewußt, sondern unbewußt - ja überhaupt nicht darum zu verstehen, was Nietzsche hier sagen wollte. Ihnen geht es darum, sich ihr Idol nicht kaputtmachen zu lassen.]
Folgende Aphorismen bzw. Auszüge aus "Jenseits von Gut und Böse ": 144. Wenn ein Weib gelehrte Neigungen hat, so ist gewöhnlich Etwas an ihrer Geschlechtlichkeit nicht in Ordnung. Schon Unfruchtbarkeit disponirt zu einer gewissen Männlichkeit des Geschmacks ... 145. Mann und Weib im Ganzen verglichen, darf man sagen: das Weib hätte nicht das Genie des Putzes, wenn es nicht den Instinkt der zweiten Rolle hätte." 232 - 239 [Alle für Nietzsches Frauenbild interessant.] Auszüge: "Nichts ist von Anbeginn an dem Weibe fremder, widriger, feindlicher als Wahrheit, - seine grosse Kunst ist die Lüge, seine höchste Angelegenheit ist der Schein und die Schönheit. Gestehen wir es, wir Männer: wir ehren und lieben gerade diese Kunst und diesen Instinkt am Weibe: wir, die wir es schwer haben und uns gerne zu unsrer Erleichterung zu Wesen gesellen, unter deren Händen, Blicken und zarten Thorheiten uns unser Ernst, unsre Schwere und Tiefe beinahe wie eine Thorheit erscheint ... Ein Mann hingegen, der Tiefe hat, in seinem Geiste, wie in seinen Begierden ... kann über das Weib immer nur orientalisch denken: er muss das Weib als Besitz, als verschliessbares Eigenthum, als etwas zur Dienstbarkeit Vorbestimmtes und in ihr sich Vollendendes fassen ... das Weib, das "das Fürchten verlernt", giebt seine weiblichsten Instinkte preis. Dass das Weib sich hervor wagt, wenn das Furcht-Einflössende am Manne, sagen wir bestimmter, wenn der Mann im Manne nicht mehr gewollt und grossgezüchtet wird, ist billig genug, auch begreiflich genug; was sich schwerer begreift, ist, dass ebendamit - das Weib entartet ... die "Emancipation des Weibes", ... ein merkwürdiges Symptom von der zunehmenden Schwächung und Abstumpfung der allerweiblichsten Instinkte. ... dass das Weib gleich einem zarteren, wunderlich wilden und oft angenehmen Hausthiere erhalten, versorgt, geschützt, geschont werden müsse; das täppische und entrüstete Zusammensuchen all des Sklavenhaften und Leibeigenen, das die Stellung des Weibes in der bisherigen Ordnung der Gesellschaft an sich gehabt hat und noch hat (als ob Sklaverei ein Gegenargument und nicht vielmehr eine Bedingung jeder höheren Cultur, jeder Erhöhung der Cultur sei): - was bedeutet dies Alles, wenn nicht eine Anbröckelung der weiblichen Instinkte, eine Entweiblichung? ... Man will hier und da selbst Freigeister und Litteraten aus den Frauen machen: als ob ein Weib ohne Frömmigkeit für einen tiefen und gottlosen Mann nicht etwas vollkommen Widriges oder Lächerliches wäre ... macht sie täglich hysterischer und zu ihrem ersten und letzten Berufe, kräftige Kinder zu gebären, unbefähigter."
Aus "Götzen-Dämmerung ", Abschnitt "Sprüche und Pfeile" folgende Aphorismen: "20. Das vollkommene Weib begeht Litteratur, wie es eine kleine Sünde begeht: zum Versuch, im Vorübergehn, sich umblickend, ob es Jemand bemerkt und dass es Jemand bemerkt ... 27. Man hält das Weib für tief - warum? weil man nie bei ihm auf den Grund kommt. Das Weib ist noch nicht einmal flach. 28. Wenn das Weib männliche Tugenden hat, so ist es zum Davonlaufen; und wenn es keine männlichen Tugenden hat, so läuft es selbst davon."
In seiner Selbstbiographie "Ecce Homo ", nach den Kapiteln "Warum ich so weise bin" und "Warum ich so klug bin" schreibt Nietzsche im Kapitel "Warum ich so gute Bücher schreibe" im 5. Abschnitt u. a.: "... Das Weib ist unsäglich viel böser als der Mann, auch klüger; Güte am Weibe ist schon eine Form der Entartung ... Der Kampf um gleiche Rechte ist sogar ein Symptom von Krankheit: jeder Arzt weiss das. - Das Weib, je mehr Weib es ist, wehrt sich ja mit Händen und Füssen gegen Rechte ... Liebe - in ihren Mitteln der Krieg, in ihrem Grunde der Todhass der Geschlechter. - Hat man meine Antwort auf die Frage gehört, wie man ein Weib kurirt - "erlöst"? Man macht ihm ein Kind ... "Emancipation des Weibes" - das ist der Instinkthass des missrathenen, das heisst gebäruntüchtigen Weibes gegen das wohlgerathene ..." [Im gleiche Abschnitt betont Nietzsche allerdings auch, daß die Keuschheit widernatürlich sei. Neben dem Reaktionären findet man bei Nietzsches auch anderes.]
Nietzsche wird auch als Dichter geschätzt. Hier ein Auszug aus seinem diesbezüglichen Schaffen: (Aus: "Vom Aberglauben. Vom Loben und Tadeln. Von der zulässigen Lüge. )
Aus: "Auf hohem Meere": "In Sachen der Ehre sind die Frauen grob und schwerfällig."
(Fragmente (1882-1885))
Aus: "Öffentliche Meinungen - private Faulheiten" "20. Einige Männer haben über die Entführung ihrer Frauen geseufzt, viele darüber, daß Niemand sie ihnen entführen wollte." [Wenn dies eine philosophische Weisheit ist, dann möchte ich auch eine ähnliche beisteuern: Sie zu ihm: "Früher hast du immer gesagt, du hast mich zum Fressen gern. Und heute?" Er zu ihr: "Heute bedaure ich, daß ich dich damals nicht gefressen hab."] 32 [5] Und ... diese Frauen von heute - sind sie nicht auch rechte schlechte Pöbel-Frauen? willfährig, genüßlich, vergeßlich, mitleidig, - sie ... haben's alle nicht weit zur Hure. (Fragmente (1882-1885))
Rassismus und Anti-Antisemitismus, Züchtungsgedanke:
In "Jenseits von Gut und Böse, Aph. 251", schreibt Nietzsche "Die Juden sind aber ohne allen Zweifel die stärkste, zäheste und reinste Rasse, die jetzt in Europa lebt". Und er regt an "die antisemitischen Schreihälse des Landes zu verweisen" Und: "Es liegt auf der Hand, dass am unbedenklichsten noch sich die stärkeren und bereits fester geprägten Typen des neuen Deutschthums mit ihnen einlassen könnten, zum Beispiel der adelige Offizier aus der Mark: es wäre von vielfachem Interesse, zu sehen, ob sich nicht zu der erblichen Kunst des Befehlens und Gehorchens - in Beidem ist das bezeichnete Land heute klassisch - das Genie des Geldes und der Geduld (und vor allem etwas Geist und Geistigkeit, woran es reichlich an der bezeichneten Stelle fehlt -) hinzuthun, hinzuzüchten liesse. Doch hier ziemt es sich, meine heitere Deutschthümelei und Festrede abzubrechen: denn ich rühre bereits an meinen Ernst, an das "europäische Problem", wie ich es verstehe, an die Züchtung einer neuen über Europa, regierenden Kaste."
[Auch wenn Nietzsche hier von einem Scherz spricht, es paßt ja in seine ganze Ideologie: Aus den Deutschen und den Juden eine neue Herrscherkaste züchten.]
Über die Notwendigkeit von Kriegen:
"Krieg. - Zu Ungunsten des Krieges kann man sagen: er macht den Sieger dumm, den Besiegten boshaft. Zu Gunsten des Krieges: er barbarisirt in beiden eben genannten Wirkungen und macht dadurch natürlicher; er ist für die Cultur Schlaf oder Winterszeit, der Mensch kommt kräftiger zum Guten und Bösen aus ihm heraus." (Menschliches, Allzumenschliches, Aph. 444)
"Der Krieg unentbehrlich. - Es ist eitel Schwärmerei und Schönseelenthum, von der Menschheit noch viel (oder gar: erst recht viel) zu erwarten, wenn sie verlernt hat, Kriege zu führen. Einstweilen kennen wir keine anderen Mittel, wodurch mattwerdenden Völkern jene rauhe Energie des Feldlagers, jener tiefe unpersönliche Hass, jene Mörder-Kaltblütigkeit mit gutem Gewissen, jene gemeinsame organisirende Gluth in der Vernichtung des Feindes, jene stolze Gleichgültigkeit gegen grosse Verluste, gegen das eigene Dasein und das der Befreundeten, jenes dumpfe erdbebenhafte Erschüttern der Seele ebenso stark und sicher mitgetheilt werden könnte, wie diess jeder grosse Krieg thut: von den hier hervorbrechenden Bächen und Strömen, welche freilich Steine und Unrath aller Art mit sich wälzen und die Wiesen zarter Culturen zu Grunde richten, werden nachher unter günstigen Umständen die Räderwerke in den Werkstätten des Geistes mit neuer Kraft umgedreht. [...] Man wird noch vielerlei [..] Surrogate des Krieges ausfindig machen, aber vielleicht durch sie immer mehr einsehen, dass eine solche hoch cultivirte und daher nothwendig matte Menschheit, wie die der jetzigen Europäer, nicht nur der Kriege, sondern der grössten und furchtbarsten Kriege - also zeitweiliger Rückfälle in die Barbarei - bedarf, um nicht an den Mitteln der Cultur ihre Cultur und ihr Dasein selber einzubüssen." (Menschliches, Allzumenschliches, Aph. 477).
[Gibt es eine "bessere" Rechtfertigung der beiden Weltkriege als dieser Text?]
"Krieg als Heilmittel. - Matt und erbärmlich werdenden Völkern mag der Krieg als Heilmittel anzuraten sein, falls sie nämlich durchaus noch fortleben wollen: denn es gibt für die Völker-Schwindsucht auch eine Brutalitäts-Kur." (Der Wanderer ..., Aph. 187)
"Ihr sollt den Frieden lieben als Mittel zu neuen Kriegen. Und den kurzen Frieden mehr, als den langen. [...] Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt. [...] So lebt euer Leben des Gehorsams und des Krieges! Was liegt am Lang-Leben! Welcher Krieger will geschont sein!" "Zarathustra, Vom Krieg und Kriegsvolke"
Hass, Neid, Habsucht, Herrschsucht etc.:
Aus Jenseits von Gut und Böse "§ 2 "Bei allem Werthe, der dem Wahren, dem Wahrhaftigen, dem Selbstlosen zukommen mag: es wäre möglich, dass dem Scheine, dem Willen zur Täuschung, dem Eigennutz und der Begierde ein für alles Leben höherer und grundsätzlicherer Werth zugeschrieben werden müsste." § 23 "... Jemand nimmt gar die Affekte Hass, Neid, Habsucht, Herrschsucht als lebenbedingende Affekte, als Etwas, das im Gesammt-Haushalte des Lebens grundsätzlich und grundwesentlich vorhanden sein muss, folglich noch gesteigert werden muss, falls das Leben noch gesteigert werden soll ..."
Gewalt, Babarei etc.:
"wir vermeinen, dass Härte, Gewaltsamkeit, Sklaverei, Gefahr auf der Gasse und im Herzen, Verborgenheit, Stoicismus, Versucherkunst und Teufelei jeder Art, dass alles Böse, Furchtbare, Tyrannische, Raubthier- und Schlangenhafte am Menschen so gut zur Erhöhung der Species "Mensch" dient, als sein Gegensatz" (Jenseits von Gut und Böse, Aph. 44)
"Ein Quantum Brutalität mehr ist nicht zu erlassen, sowenig als die Nachbarschaft zum Verbrechen. Auch die Selbstzufriedenheit ist nicht darin; man muß abenteuerlich auch zu sich selbst stehen, versucherisch, verderberisch, Nichts vom Schön-Seelen-Salbaderei! Ich will einem robusterem Ideal Luft machen" (Der Wille zur Macht, Aph. 951)
"Der Barbar ist in jedem von uns bejaht. Auch das wilde Tier" (Der Wille zur Macht, Aph. 127)
Der Tapfere kennt keinen Schmerz:
" ... ein verächtliches Wesen will man nicht leiden sehen, es gewährt diess keinen Genuss. Dagegen einen Feind leiden zu sehen, den man als ebenbürtig-stolz anerkennt und der unter Martern seinen Stolz nicht preisgiebt, und überhaupt jedes Wesen, welches sich nicht zum Mitleid-Anrufen, das heisst zur schmählichsten und tiefsten Demüthigung verstehen will, - das ist ein Genuss der Genüsse, dabei erhebt sich die Seele des Wilden zur Bewunderung: er tödtet zuletzt einen solchen Tapferen, wenn er es in der Hand hat, und giebt ihm, dem Ungebrochenen, seine letzte Ehre: hätte er gejammert, den Ausdruck des kalten Hohnes aus dem Gesichte verloren, hätte er sich verächtlich gezeigt, - nun, so hätte er leben bleiben dürfen, wie ein Hund ..." (Morgenröte, Aph. 135.)
[Hat Nietzsche hier bei Karl May abgeschrieben oder Karl May bei Nietzsche? Mich erinnert das sehr an "Winnetou 1". Sich totfoltern lassen: gut. Um Gnade flehen und am Leben bleiben: schlecht. Ich glaube, da hatte jemand überhaupt keine Tassen mehr im Schrank gehabt.]
. )
Blonde Bestie:
In der "Genealogie der Moral, 1. Abhandlung, Abschnitt 11" schreibt Nietzsche über die vornehmen Rassen: "... sie sind nach Aussen hin, dort wo das Fremde, die Fremde beginnt, nicht viel besser, als losgelassene Raubtiere. Sie geniessen da die Freiheit von allem socialen Zwang, sie halten sich in der Wildniss schadlos für die Spannung, welche eine lange Einschliessung und Einfriedung in den Frieden der Gemeinschaft giebt, sie treten in die Unschuld des Raubthier-Gewissens zurück, als frohlockende Ungeheuer, welche vielleicht von einer scheusslichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schän-dung, Folterung mit einem Übermuthe und seelischem Gleichgewichte davongehen, wie als ob nur ein Studentenstreich vollbracht sei, überzeugt davon, dass die Dichter für lange nun wieder etwas zu singen und zu rühmen haben. Auf dem Grunde aller dieser vornehmen Rassen ist das Raubthier, die prachvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie nicht zu verkennen; es bedarf für diesen verborgenen Grund von Zeit zu Zeit der Entladung, das Thier muß wieder heraus, muss wieder in die Wildnis zurück: - römischer, arabischer, germanischer, japanischer Adel, homerische Helden, skandinavische Wikinger - in diesem Bedürfniss sind sie sich alle gleich. Die vornehmen Rassen sind es, welche den Begriff "Barbar" auf all den Spuren hinterlassen haben, wo sie gegangen sind; noch aus ihrer höchsten Cultur heraus verräth sich ein Bewusstsein davon und ein Stolz selbst darauf ..."
[Leider verhalten sich die Menschen häufig so, wie Nietzsche es hier beschreibt, nicht nur die, die er als vornehme Rassen bezeichnet. Und auch bei der Beschreibung der psychischen und sozialen Ursachen dieses Verhaltens hat Nietzsche wohl im Großen und Ganzen recht: Das Grausame liegt in unserer Natur. (Und ich werde nicht so heuchlerisch sein, zu behaupten, ich sei in meinem Innenleben ein Engel!) Das Schlimme ist, daß Nietzsche solche Verhaltensweisen bejaht, daß er das Streben nach Entbestialisierung zur Dekadenz erklärt. Die Opfer mögen das alles als böse empfinden. Pech für sie. Hauptsache die Herrenmenschen haben mal wieder die Sau rauslassen können.]
, ohne deren Vorstellung unbegreifbar und zugleich einer ihrer Vollender und Überwinder. (Ivo Frenzel in Rowohlts Monographie Nietzsche, S. 23.)
Russell: "I dislike Nietzsche, because he likes the contemplation of pain, because he erects conceit into a duty, because the men whom he most admires are conquerors, whose glory is cleverness in causing men to die."
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Anmerkungen
Anm. 1: Mein Nietzsche-Aufsatz ist in seiner Ausrichtung eine Antwort auf diese vielen "quasireligiösen Hochglanzseiten", die ein zu positives Nietzsche-Bild verbreiten. Durch sie habe ich mich dazu genötigt gesehen, einmal die negative Seite Nietzsches heraus-zustreichen. Den Vorwurf der einseitigen Darstellung nehme ich dafür in Kauf. Zurück zum Text
Anm. 2: Weischedel beschreibt in der "Philosophischen Hintertreppe" wie verklemmt und erfolglos Nietzsches Verhältnis zu Frauen war und er schließt daraus: "Die Peitsche in der Hand Nietzsches ist Altweibergewäsch." Das kann ich nun überhaupt nicht nachvoll-ziehen. Jeder, der ein bißchen die Theorien Freuds und Reichs kennt, weiß, daß ein solches Schicksal der beste Nährboden für herrschsüchtige und sadistische Phantasien ist. Was nicht bedeutet, daß es hier einen Automatismus gibt. Im Menschen können ja verschiedene Gefühlslagen mit- oder gegeneinander sein und welche sich durchsetzen, hängt von der Gesamtperson ab. Zurück zum Text
Anm. 3:
Auch für mich ist der Mensch Brücke zu höherem. Der
verbun-den wäre. Manches, was Nietzsche in diesem Zusammenhang schreibt, reißt auch mich mit, spricht mir aus dem Herzen. Leider ist aber besonders der späte Nietzsche inhuman und faschistoid. Wie ich mir die "Brückenfunktion" des
" näher ausge-führt.
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