Albertus Magnus (Albert der Große, eigentlich Albert von Bollstädt, um 1193 - 1280). Theologe, Philosoph und Naturforscher. Lehrte an den Ordensschulen der Dominikaner. Er leistete die Vorarbeit für die Entstehung des Thomismus. Da die philosophischen, theologischen und wissenschaftlichen Auffassungen seines Schülers Thomas von Aquin mit seinen im Grundsätzlichen übereinstimmen, Aquin aber das geschlossenere, umfas-sendere System geschaffen hat, werden sie zusammen dargestellt.
Übernatürliche Wahrheiten: Seien unsere Erkenntnisse auch objektiv und wahr, so reich-ten sie doch nicht aus. Im Gegensatz zu den Vertretern der Frühscholastik behauptete Thomas nicht, daß der gesamte Bereich der christlichen Dogmatik vernünftiger Einsicht zugänglich sei. Über den Vernunfterkenntnissen wölbe sich ein Reich übernatürlicher Wahrheiten, zu denen gerade die Geheimnisse des christlichen Glaubens gehörten, z. B. die Schöpfung der Welt aus dem Nichts nach Gottes Willen, die Dreieinigkeit, die Menschwerdung Gottes und die Auferstehung des Fleisches. Diese Übernatürlichen Wahrheiten könnten nur gläubig aus der göttlichen Offenbarung entnommen werden.
Aufgabe der Philosophie: Dort, wo die Philosophie den Glauben beweisen könne, mache sie das. Darüber hinaus entkräfte sie die Argumente gegen den Glauben. Darauf müsse sich die Philosophie aber auch beschränken. Man solle nicht den Versuch unternehmen, die übernatürlichen Wahrheiten des christlichen Glaubens mit der Vernunft beweisen zu wollen. Die Auffassung, daß die Philosophie Magd der Theologie sei, ist im Thomismus voll ausgebildet.
Zu den ersten vier Gottesbeweisen: Wenn man davon ausgeht, daß die Welt oder das ganze Sein keinen Anfang hat, dann braucht man keinen ersten Beweger, keine erste Ursache, keine erste Notwendigkeit und keine erste Stufe. Ich habe den Eindruck, daß hier zuerst die übervernünftige Wahrheit der Weltenschöpfung aufgestellt wird und anschließend wird daraus vernünftig bewiesen, daß es einen Schöpfer geben muß.
Aber auch wenn man von der Existenz eines ersten Bewegers, einer ersten Ursache, einer ersten Notwendigkeit und einer ersten Stufe ausgeht, ist noch nichts über die konkrete Beschaffenheit eines solchen "Wesens" ausgesagt. (Der Begriff "Wesen" ist schon eine unzulässige Vorentscheidung.) Im Übrigen hätte Gott, wenn es ihn geben sollte, keine erste Ursache, Notwendigkeit etc. Es ist das alte Lied: Wenn man sich die Welt ohne einen Weltschöpfer nicht erklären kann, dann verschiebt man dieses Problem nur um eine Stufe. Schon als kleines Kind habe ich gehört: "Die Welt ist, weil Gott sie gemacht hat" "Und warum ist Gott?" Meine Mutter: "Das ist uns Menschen verschlos-sen."
Der fünfte Gottesbeweis ist ein teleologischer und wie ich meine auch ein durchaus überlegenswerter. (Ich vertrete hier die gleiche Auffassung wie
Hume.) Wenn ich mir die Welt ansehe, ihre große Vielfalt und die Zweckmäßigkeit ihrer Bewegung, dann komme ich zu dem Ergebnis, daß es mir plausibler ist, hinter dieser Vielfalt und dieser Zweckmäßigkeit der Bewegung stecke eine Art Weltvernunft, als daß diese Vielfalt und Zweckmäßigkeit nur das Produkt von Evolutionsdruck oder ähnlichem sei. Aber dies ist noch lange kein Beweis dafür, daß diese mir plausibler erscheinende Erklärung auch die objektive Wahrheit darstellt. Denn erstens kann ich mich als Individuum ja täuschen (andere Menschen halten andere Erklärungen für plausibel) und zweitens kann es ja auch sein, daß das menschliche Denken insgesamt gar nicht zur objektiven Wahrheit gelangen kann. Wir dürfen eben nicht vom Denken auf das Sein schließen (
Kant), jedenfalls nicht unkritisch, nicht mit der Auffassung, Täuschung sei ausgeschlossen.
Und drittens, selbst wenn es diese Weltvernunft gibt, was ich wie gesagt für plausibel halte, dann ist noch gar nichts genaueres über diese Weltvernunft ausgesagt. Die Christen verlangen aber gerade von einem, daß man über die Annahme einer Weltvernunft hinaus gleichzeitig auch noch ihre übernatürlichen Aussagen über diese Weltvernunft glaubt, wenn man nicht, zur damaligen Zeit jedenfalls, auf dem Scheiterhaufen landen wollte.]
Das Wesen Gottes: Thomas versucht einen Mittelweg zwischen einer vermenschlichten Gottesvorstellung und einer neuplatonischen Auffassung, nach der Gott völlig jenseitig, transzendent und unerkennbar sei. [Das heißt nichts anderes, als daß er, wie die Katholische Kirche bis heute, versucht, es sowohl der Menge mit ihren naiven Gottesvor-stellungen, wie auch den Intellektuellen mit ihren etwas höheren Ansprüchen recht zu machen. Und das geht dann natürlich nur auf Kosten der Konsistenz, der inneren Schlüssigkeit der Gottesvorstellung.]
Vom Besonderen zum Allgemeinen: Daß die Erkenntnis nach Thomas doch nicht so passiv ist, kommt zum Ausdruck, bei seiner Darlegung, wie Erkenntnis zustandekommt. Erkenntnisse erhielten wir durch Sinneswahrnehmungen, durch Erfahrung. Thomas ist Empiriker. Die Sinne zeigten uns aber nur die individuellen Einzeldinge. Gegenstand des Verstandes sei die in den Einzeldingen liegende Wesensheit, die "Washeit" (quiditas). Um diese zu erkennen, müßten wir die Phantasie zur Hilfe nehmen. Was dann der Verstand erkenne, sei aber nichts im Menschenkopf gebildetes, sondern auch etwas objektiv existierendes. [Die Verbindung zwischen der quiditas und den im Menschenkopf gebildeten Erkenntnissen bleibt unklar.]
[Eine sehr an den Gesetzen der Natur orientierte Vorstellung von der menschlichen Gesellschaft. Der qualitative Unterschied zwischen diesen beiden Seinssphäre scheint im Thomismus noch nicht erkannt zu sein. (Im Unterschied zu Hegel und Nicolai Hartmann um nur zwei der in diesem Zusammenhang wichtigsten Philosophen zu nennen.) Aber wer davon ausgeht, daß die Welt von einem einzigen Gott regiert wird, der braucht soetwas dann auch in der menschlichen Gesellschaft. Daß eine Gesellschaft auch funktionieren kann, sogar besser funktioniert, wenn es nicht nur ein, sondern viele Machtzentren gibt, damit hat die Katholische Kirche bis heute ihre Schwierigkeiten.]
Monarchie und Tyrannis: Auch Thomas unterscheidet drei gute Staatsformen (Monarchie, Aristokratie und Politie) von drei Entartungen (Tyrannis, Oligarchie und Demokratie). Wie
Aristoteles.) Die beste Staatsform sei die Monarchie. (Hier zeigt sich, daß auch
Platon in der Staatstheorie des Thomismus seine Spuren hinterlassen hat.) Der König solle in seinem Reiche das sein, was die Seele im menschlichen Körper und Gott in der Welt sei. Die schlimmste aller Regierungsformen sei die Tyrannis. Sei sie einmal eingetreten, dann sei dem Volke zu empfehlen sich in Geduld zu üben, da eine gewaltsame Veränderung meist noch größeres Übel bringe. [In diesem Lehrsatz liegt wohl einer der Gründe, daß sich die Katholische Kirche mit Befreiungsbewegungen und der Befreiungstheologie so schwer tut und warum noch kein noch so bludrünstiger Diktator von einem Papst exkommuniziert wurde.]
Frieden und Wohlstand: Die Aufgabe des Staates sei es, den Menschen zu einem gerechten und tugendhaften Leben zu führen. Dies werde erreicht durch die Bewahrung des Friedens und durch die Schaffung eines äußeren Wohlstandes.
Kirche und Staat: Das höchste Ziel des Menschen sei aber die Erreichung der himmli-schen Seligkeit. Ihn dort hinzuführen, sei nicht die Aufgabe des Staates, sondern die Aufgabe der Kirche, die unter der Leitung der Priester und vor allem des von Christus selbst eingesetzten Stellvertreters Gottes auf Erden, des römischen Papstes, steht. Die Aufgabe der Kirche sei eine höhere als die des Staates. Deshalb müßten die Könige der Welt den Herren der Kirche untertan sein. [Daß dieser Lehrsatz dem Klerus und besonders den Päpsten gefallen hat, ist kein Wunder.]
"Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf." So dichtete es
. So weit ich erinnere, habe ich diesen Spruch etwas anders formuliert vor Jahren in einer Bildergeschichte von
gelesen. Da ich die Quelle nicht nennen kann, will ich mich darauf aber nicht versteifen.
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