Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie. Ich bin in einem Arbeiter-Milieu großgeworden und war, nachdem ich die Volksschule besucht hatte, selbst viele Jahre Arbeiter, bevor ich über den 2. Bildungsweg studierte. Wenn ich über Arbeiter rede, dann rede ich über etwas, das ich aus meinem eigenen Leben kenne. Und wenn ich lese, was einige Links-Intellektuelle über das Proletariat schreiben, dann frage ich mich manchmal, ob die jemals einen Arbeiter auch nur aus der Ferne gesehen haben.
Die Arbeiter haben nie und nirgends die Eigenschaften gezeigt, die
Marx ihnen zugeschrieben hat. Marx selbst ist in dieser Frage schon ambivalent: Dort, wo er empirische sozial-ökonomische Studien betrieb, konstatierte er einen Arbeiter, der im Produktionsprozeß zum körperlichen und psychischen Krüppel gemacht wird. Aber auf grund philosophischer Grundentscheidungen hielt er an unrealistischen Vorstellungen über das Proletariat fest. (Die Ausklammerung der Biologie und der Psychologie, bzw. der damalige niedrige Entwicklungstand dieser Wissenschaften, kommt noch hinzu.) Aber selbst zu Marxens Lebzeiten konnte man in diesem Punkt schon klüger sein. Schon Bruno Bauer hielt Marx entgegen, daß die Arbeiter mit ein paar Groschen mehr zufriedenzustellen seien.
Es gibt unter den Arbeitern - wie in allen anderen sozialen Schichten auch - intelligente, engagierte Menschen. Und sicherlich hätte mancher Arbeiter eine akademische Laufbahn einschlagen können, wäre er in früheren Lebensjahren mehr gefördert worden. Aber von den Arbeitern als Gruppe, als Klasse, als "Kollektivsubjekt" die allgemeine Emanzipation der Menschheit zu erwarten, ist Ideologie von gestern, die mit den Realitäten überhaupt nichts zu hat. [1]
Mir ist die Lebenslage der Arbeiter und der Masse der Bevölkerung keineswegs egal. Ganz im Gegenteil! Ich bin ein dezidierter Verfechter der Sozialstaatsidee. Die "Geldgier-gesellschaft", die sich immer mehr breit macht - mit ihrer permanenten Frontberichts-erstattung von den Aktienbörsen auf allen Kanälen -, ist mir zuwider. Mein zum größten Teil kostenlos verfügbares philolex ist ein tätiger Protest gegen diese "Geldgiergesell-schaft". Aber die Abneigung gegen solche Zustände sollte nicht dazu führen, von den Arbeitern Fähigkeiten zu erwarten, die sie nun mal nicht haben. Und anstatt ein ureali-sierbares utopisches System anzustreben, sollte man sich auf das Machbare beschrän-ken. Der Sozialstaat hat sich als machbar erwiesen, der Sozialismus hat sich bei allen bisherigen Versuchen als nichtmachbar erwiesen. [2]
Besonders kurios wird es, wenn Kinder aus gutsituierten bürgerlichen Elternhäusern, wo die Väter Unternehmer, Akademiker, Leitende Angestellte etc. sind, sich faktisch für die Inhaber des "Proletarischen Klassenbewußtseins" halten, während die Arbeiter notori-sche Vertreter bourgeoiser oder reformistischer Ideologien sind.
Ich möchte so fair sein, in diesem Zusammenhang zu erwähnen, daß ich einigen Menschen, die so waren (und noch sind?), für meine individuelle Endwicklung einiges verdanke. Aber viele von denen - nicht alle! -, die mich in einer bestimmten Phase meines Lebens mal gefördert haben, hätten mich später auch liquidieren lassen, als ich aufhörte ihre Illusionen zu teilen. (Wenn zu dieser Zeit die Verhältnisse noch so gewesen wären wie zu Stalins Lebzeiten.)
Anmerkungen
Anm. 1: Detailierte Kritik zu dieser "altlinken" Vorstellung von der Rolle der Arbeiter findet man u. a. bei Rudolf Bahro und Andre Gorz. (In seinem Buch "Abschied vom Proletariat") Zurück zum Text
Anm. 2:
Der gegenwärtig betriebene Sozialstaatsabbau trifft nicht auf meine Zustimmung !!! Ich bezweifle ganz entschieden, daß es zu einer solchen Politik keine Alternative gibt. Es gibt nur z. Z. leider keine Mehrheiten für eine andere Politik. Was rot/grün z. Z. betreibt, ist nichts anderes als eine rabiate Umverteilung von Unten nach Oben, eine breit angelegte Kapitulation vor Geldgier und
. Ich habe gar nicht die Illusion, man könnte Menschen Egoismus und Eigentumsstreben gänzlich abgewöhnen. Aber es gibt viele Beispiele aus Geschichte und Gegenwart, wo überindividuelle Werte im Menschen einen so starken Stellenwert einnehmen, daß Egoismus und Eigentumsstre-ben weitgehend überflügelt werden. Ein zentrales Problem ist das Schwinden solcher überindividueller Werte. Die Staatsverschuldung ist nicht Ursache (
, Gelegenheit, bestenfalls Auslöser. (So wie bei
Sinneswahrnehmung nicht causa, sondern occasio der Erkenntnis.) Ursache ist der Wertewandel, der auch große Teile der einst linken Politiker erfaßt hat. Das ist auch dadurch beweisbar, daß der Sozialstaat zu einer Zeit aufgebaut wurde, als der materielle Reichtum der Gesamtgesellschaft geringer war als heute.
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