Die Frankfurter hatten ein Bild vom Menschen, von richtigen Bedürfnissen, von wirklichem Fortschritt, von echter Emanzipation etc. aber die Menschen verhielten sich nicht entsprechend. Anstatt nun ihr Menschenbild zu korrigieren (wie es aus Sicht einer
Falsifikationstheorie sinnvoll wäre) haben sie die Ursachen nur in den gesellschaft-lichen Verhältnissen, bestenfalls noch in der Psyche der Menschen gesucht. Daß die Ursachen auch in der Natur des Menschen liegen könnten, wurde nicht in Erwägung gezogen. Die Reaktion war Kulturpessimismus, Rückzug in den Elfenbeinturm oder das Beharren auf nicht realisierbaren Forderungen.
Die naturwissenschaftlich, biologesche Beschäftigung mit dem Menschen hat gefehlt. Daß Konservative, Rassisten etc. vieles als naturbedingt ausgeben, was in Wirklichkeit gesellschaftlich bedingt ist, hätte nicht dazu führen dürfen, auf eine naturwissenschaft-liche Anthropologie völlig zu verzichten. Der Mensch ist nicht nur ein gesellschaftliches und psychisches Wesen, er ist auch ein natürliches, biotisches Wesen. Gesellschaft-liche Verhältnisse, die der Natur des Menschen widersprechen, sind nicht realisierbar. Das ist der letztlich ausschlaggebende Grund für das Scheitern aller linker Strategien.
Hoimar v. Ditfurth beschäftigt sich in seinem Buch "Der Geist fiel nicht vom Himmel" mit der Evolution des Nervensystems und des Gehirns und kommt am Ende des 18. Kapitels zu folgender Schlußfolgerung: "Es ist unbestreitbar richtig, daß man das Wesen des Menschen biologisch nicht erfassen kann. Aber ebensowenig läßt sich bestreiten, daß eine biologische Betrachtung wie die, die ich in diesem Buch durchzuführen versuche, zur Einsicht in die Bedingungen menschlicher Existenz beiträgt. Der Versuch einer einseitig biologischen Betrachtung des Menschen würde dessen Wesen verfehlen. Aber Einseitigkeit führt in jedem und daher auch im umgekehrten Falle in die Irre: Eine einseitig anthropologisch-geisteswissenschaftliche Wesensbestimmung des Menschen ist erfahrungsgemäß immer in Gefahr, jene unserer Eigenschaften zu übersehen, die Ausdruck und Folge unserer biologischen Geschichtlichkeit sind."
Wie objektiv Wissenschaft sein kann und soll, das mag bei verschiedenen Wissenschaf-ten und bei verschiedenen Forschungsgegenstände unterschiedlich sein. Es wird doch wohl keiner bestreiten wollen, das 2 x 2 = 4 sind unabhängig von den Interessen eines Menschen, seiner Klassenzugehörigkeit oder seines Charakters. (Ob die Regeln der Mathematik das Sein schlechthin betreffen oder nur Teile des Seins, die Frage klammere ich hier aus.) Auch physikalische und chemische Prozesse können erkannt werden, ohne daß dort Charakter und Interesse eine Rolle spielen. Genau das Gleiche ist es mit technischen Erfindungen. Bei der Erklärung komplexerer Vorgänge fließen Interpretatio-nen ein, die von Charakter und Interesse bestimmt sind, was dann besonders in Human-wissenschaften und Gesellschaftswissenschaften eine Rolle spielen kann. Sinnvollerwei-se sollte man gerade bei solchen Erklärungen von
Hypothese sprechen, nicht von absoluten Wahrheiten. Aber auch in den Human- und Gesellschaftswissenschaften kann man sich zumindestens bemühen, die eigenen Interessen und den eigenen Charakter nicht zu Erkenntnisschranken werden zu lassen. Die Frankfurter kamen doch selbst aus bürgerlichen Familien - oder hatten die etwa einen Proletarier unter sich? Klassenzugehö-rigkeit, Interessen, Charakter u. ä. m. müssen keine unüberwindbaren Erkenntnisschran-ken sein. Ansonsten hätte es überhaupt keine Horkheimer, Adorno etc. (als Philosophen und Gesellschaftswissenschaftler) gegeben.
Was richtige und was falsche Bedürfnisse sind, daß zu beurteilen, sollten man dem Einzelnen überlassen. Jeder sollte nach Befriedigung der ihm richtig erscheinenden Bedürfnisse streben können, solange er nicht anderen dadurch Leid zufügt. Anderen vorzuschreiben, welche Bedürfnisse sie als richtig anzusehen haben, ist totalitär und repressiv. Auch unter diesen Blickwinkel stellt sich die Beurteilung der instrumentellen Vernunft anders dar. Für viele Menschen haben die Bedürfnisse, die sie mit Hilfe der instrumentellen Vernunft befriedigen können, einen hohen Stellenwert.
Wie legitim eine lexikalische und systematische Zusammenfassung von philosophischen Theorien ist, darüber habe ich mich in der
bereits ausführlich geäußert. Bei Horkheimer und Adorno kommt noch hinzu, daß sie sich als Vertreter des Volkes, der Unterprivilegierten, der
etc. ansahen. Wenn man sich dann
Aufbereitung der eigenen Auffassungen ausspricht, wird das Ganze noch absurder.
Horkheimer über den Kern der Kritischen Theorie: "Ihre Basis bildet die Überzeugung, daß wir das Gute, daß Absolute nicht darzustellen vermögen, jedoch bezeichnen können, worunter wir leiden, was der Veränderung bedarf und alle darum Bemühten in gemeinschaftlicher Anstrengung, in Solidarität verbinden sollte." (Zitiert nach
.) Dieser Satz gefällt mir schon erheblich besser als manche Aussagen über "richtige Bedürfnisse" und "wahre Emanzipation". (Aber auch hier sind nicht alle Menschen gleich. Der Eine leidet bei Hören von Jazz, der Andere beim Hören von Wagner, um nur ein Beispiel zu nennen.) Dieser Satz erinnert mich sehr an die Auffassung
, daß sich die Menschen viel eher darauf einigen können, was schlecht ist und deshalb abgeschafft werden sollte - dies ist eine Art
-, als auf das, was gut ist und von daher eingeführt werden sollte. Diese Aussage paßt bloß nicht ganz zu dem allgemein praktizierten theoretischen Absolutismus der Frankfurter Schule.
Hier muß ich leider nachtragen, daß der gegenwärtige Sozialstaatsabbau die soziale Frage wieder verschärft. Aber die Antwort auf das asoziale Vorgehen ehemals linker Politiker sollte nicht sein, gescheiterte Strategien des
neu aufleben zu lassen, sondern den Sozialstaat zu verteidigen.
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