Adorno war ursprünglich ein Theoretiker der Philosophie und der Musik. Die Wirklichkeit, die Empirie war nicht seine Sache. In der Emigration war er dann gezwungen, sich mit der Wirklichkeit zu beschäftigen, soziologische und psychologische Untersuchungen zu machen. Seine Freundschaft mit Horkheimer ist eine wichtige, vielleicht sogar die ausschlaggebende Ursache dafür, daß Adorno überhaupt ins "Linke Lager" geriet, und daß er empirische Wissenschaft betrieb. Nach Ende der Emigration ist Adorno dann weitgehend wieder von der empirischen Forschung abgekommen und hat Theoriebil-dungen betrieben. Auch viele Menschen, die seinen theoretischen Überzeugungen nahestanden, haben Adorno Praxisfeindlichkeit vorgeworfen.
Rumgejammer - nur ein kleiner Beispieltext: "Noch der Baum, der blüht, lügt in dem Augenblick, in welchem man sein Blühen ohne den Schatten des Entsetzens wahrnimmt [...] und es ist keine Schönheit und kein Trost mehr außer in dem Blick, der aufs Ganze geht, ihm standhält und im ungemilderten Bewußtsein der Negativität die Möglichkeit des Besseren festhält." (Aus der Minima Moralia) Um diesen Satz vollständig bewerten zu können, muß man natürlich den Kontext kennen und berücksichtigen. Was sich hier aber auf jeden Fall ausdrückt, daß ist eine Jammerei, die mich an Schopenhauer und Kierkegaard erinnert. Da verwundert auch nicht, daß ihm folgende Zeile Trakls besonders gefiel: "Wie ist doch alles Werdende so krank." [5]
Echte Emanzipation, richtiges Leben gar nicht möglich? "Denn wahr ist nur, was nicht in diese Welt paßt", ist ein Kernsatz aus den posthum veröffentlichten Ästhetischen Theorien. "Es gibt kein richtiges Leben im falschen" ist ein Schlüsselsatz aus der Minima Moralia. Knapp kommt zu dem Schluß, daß Adorno keinen Augenblick an die Realisierung des Sozialismus geglaubt habe. "Die Philosophie Adornos kündet von einem Glück, das in Wirklichkeit unerreichbar ist, ohne daß sie jemals das Verlangen nach diesem Glück preisgäbe." (Knapp, 87) [Dann wäre allerdings das ganze Gerede vom "Ausbleiben der Geschichte" überflüssig.]
[Über Adornos Musik-Theorien möchte ich mich nicht näher äußern, da ich mich mit Musik-Theorie nicht auskenne. Das Einzige, was ich als Musik-Laie dazu sagen möchte, ist, daß ich eine unmittelbare Ableitung der Musik aus der ökonomischen Basis, eine unmittelbare Ableitung der unterschiedlichen Kunst-Geschmäcker aus der jeweiligen sozial-okönomischen Interessenslage des Betrachters bzw. Hörers für sehr problema-tisch halte. Bedeutungslos ist der sozial-ökonomische Aspekt nicht. Aber bei Adorno findet man die typisch linke Überbewertung der Basis und die Unterbewertung der Eigen-dynamik, die "Überbauelemente", künstlerisches Schaffen, geistige Aktivitäten generell etc. entfalten können. Zu "Basis und Überbau" siehe
Marx.]
Weiteres zu Adorno in den Aufsätzen zu Max Horkheimer und der "Frankfurter Schule". Wer mit den Auffassungen Adornos nicht besonders vertraut ist, sollte diese Aufsätze lesen, bevor er meine Kritik an Adorno ließt.
Es werden Idealvorstellungen an die Wirklichkeit, die Gesellschaft, die Kultur, den Menschen etc. herangetragen, die aber mit den Realitäten nicht übereinstimmen und nicht übereinstimmen können. Die Reaktion ist dann häufig nicht Änderung der falschen Vorstellungen und mehr Realismus, sondern Frustration und Kulturpessimismus. Für ein solches Verhalten von Philosophen und Literaten gibt es viele Beispiele, angefangen mit
Platon.
Adorno war ein von finanziellen Zwängen befreiter Bildungs- und Kulturbürger. Diesen Menschentyp hat er zum Ideal erhoben - unabhängig davon, ob ihm das selbst so bewußt war - und er hat es verurteilt, daß bei vielen Menschen materielle Bedürfnisse und niedere Kultur - wozu Adorno auch Jazz zählte - dominierte, er bedauerte "das Ausbleiben der Geschichte", das Ausbleiben echter Emanzipation, echten Menschseins etc. Eigentlich bedauerte er, daß die anderen Menschen nicht danach strebten, so zu sein, wie er. Aber es sind auch in früheren Zeiten nie alle privilegierten Menschen Bildungs- und Kultur-bürger gewesen.
Adorno war von seiner Herkunft, seiner Mentalität, seiner Auffassungen und seines Verhaltens her durch und durch elitär und aristokratisch! Er gefiel sich in der Rolle des "Snobs". Er verkehrte in den 20er und beginnenden 30er Jahren in großbürgerlichen Kreisen. Die Hinwendung dieser Kreise zum Faschismus ignorierte er. (Laut Fritz J. Raddatz hat Adorno noch 1937 einen Antrag auf Mitgliedschaft in der Reichsschrifttums-kammer gestellt. Quelle: Philosophisches Quartett - Entlarvte Biographien, 3SAT 23.11.03) Daß Adorno als ein Hauptvertreter der Frankfurter Schule politisch und wissenschaftlich gleichzeitig zum linken Lager gehörte, ist damit eigentlich nicht vereinbar, steht im Widerspruch dazu. Diesen Widerspruch hat Adorno nie versucht aufzulösen, soweit er sich dieses Widerspruchs überhaupt bewußt war. (Und es lassen sich nicht alle Widersprüche damit abtun, daß die Welt dialektisch betrachtet nun mal widersprüchlich ist.)
Adorno war ein eitler Esoteriker und Denkvirtuose, dessen sehr komplexe Denkgebäude zwar seine intellektuelle Leistungsfähigkeit demonstrierten, die aber für das praktische Leben, für gesellschaftliche Veränderungen wertlos waren, weil sie auf falschen Grundan-nahmen bzw. der Ausklammerung wichtiger Bereiche beruhten. Die naturwissenschaft-lich-biologische Beschäftigung mit dem Menschen hat gefehlt. Das natürliche Fundament aller menschlichen Aktivitäten, Gefühle, Möglichkeiten etc., der materielle menschliche Körper, das materielle menschliche Gehirn war für den
Materialisten Adorno kein Forschungsgegenstand.
Weitere Kritik bei:
Kritik an der Kritischen Theorie.
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Anmerkungen
Anm. 1: Die britische Mentalität war Adorno zutiefst fremd. Adorno war ein typisch deutscher Philosoph in der Tradition des Deutschen Idealismus - besonders Hegels und Husserls -, sosehr er sich selbst auch als Kritiker dieses
Idealismus verstand und sich
Materialist genannt hat. Mit englischem Tatsachensinn, Empirismus, mit Philosophen wie Locke, Hume, Spencer, Mill etc. - soweit er sie überhaupt mehr als nur den Namen nach gekannt hat - wußte er wohl nichts anzufangen. Zum Vergleich: Popper - vergleich-bares Alter, vergleichbare soziale und ethnische Herkunft - paßte gut zur britischen Mentalität. Zurück zum Text
Die Reihe Rowohlt Monographien wendet sich - so habe ich es bisher jedenfalls empfunden - an ein breiteres Publikum. Die Rowohlt Monographie über Adorno ist aber für ein breiteres Publikum nicht geeignet. Ich habe beim Durcharbeiten dieses Buches den Eindruck gewonnen, daß der Autor Hartmut Scheible sich an Adornos Forderung nach Verzicht auf
gehalten hat. Hier wird nicht etwa neben der Lebensgeschichte des Philosophen auch Grundthesen seiner Philosophie dargestellt - wie ich es aus anderen Rowohlt Monographien kennen -, sondern hier geht es ohne Umwege direkt in die Kernbereiche der Philosophie Adornos und seiner Auseinandersetzungen mit anderen Philosophen wie
, etc.
. Wer sich als Anfän-ger mit Philosophie oder der Frankfurter Schule bzw. der kritischen Theorie beschäftigen will, dem rate ich davon ab, mit diesem Buch zu beginnen. Dieses Buch kann bestenfalls in der Mitte eines Philosophie-Studiums stehen. Man kann auch sagen, wer dieses Buch verstehen kann, der braucht es eigentlich nicht mehr zu lesen, es sei denn, er interes-siert sich ganz speziell für die Darstellung Adornos durch Hartmut Scheible.
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